Ein umfangreiches Rahmenprogramm hat die Kolpingfamilie Höchstadt für die Ausstellung „#Antisemitismus für Anfänger“ in der Fortuna-Kulturfabrik zusammengestellt. Die Ausstellung wurde von Schulklassen besucht, es gab Vorträge, eine Filmvorführung, ein Konzert mit der Klezmerband „Passage“, beschlossen wurde alles mit einer Finissage. Gut angenommen wurde auch eine Exkursion in das nahe gelegene Mühlhausen, wo die Synagoge und der jüdische Friedhof besucht wurden. Kristina Fleischmann führte die Gäste am „Guten Ort“, während Christian Plätzer die Synagoge den Besuchern näherbrachte. Bereits 1686 ist in Mühlhausen eine Synagoge nachgewiesen, die jedoch „baufällig“ und „nicht mehr anständig“ war.
Daher wies Albrecht von Egloffstein der jüdischen Gemeinde „einen zum Schloßgarten gehörigen Platz“ zu, auf dem der Neubau der Synagoge mit Judenschule und einer Wohnung für den Rabbiner 1754 erfolgte. Die Kosten betrugen 2000 Gulden. Ein Tiefpunkt war, als im Gefolge der Reichspogromnacht des Jahres 1938 am 10. November die Synagoge geplündert und die Inneneinrichtung auf dem Marktplatz verbrannt wurde. Die Synagoge wurde profaniert und lange Jahre als Scheune genutzt, wie die Besucher bei der Führung durch Christian Plätzer erfuhren. Inzwischen bemüht sich ein Verein, das ehemalige Gotteshaus für kulturelle Zwecke zugänglich zu machen.
Jüdischer Friedhof in Mühlhausen
Auf dem jüdischen Friedhof von Mühlhausen, dem „Guten Ort“, wurde 1738 erstmals ein Verstorbener der israelitischen Kultusgemeinde bestattet. Der Friedhof hat die Ausdehnung von 108 mal 70 Metern, er beherbergt 373 Grabsteine. Der letzte Verstorbene der jüdischen Gemeinde, der 1938 auf dem Friedhof bestattet wurde, war der 71-jährige Karl Reizenstein, Sohn von David und Jette Reizenstein, Bruder der Stifter des Mühlhausener Kindergartens Sigmund und Otto Reizenstein. Allerdings wurden während der NS-Zeit, im März 1939, die Marmortafeln der Grabsteine mit Erinnerungstexten der Verstorbenen zerstört.
Nach dem Krieg mussten ehemalige NSDAP-Parteimitglieder die umgestoßenen Grabsteine wieder aufstellen. Eine gute Resonanz erfuhr in Höchstadt auch der Vortrag „Antisemitismus in der Sprache“ von Oliver Gußmann, Theologischer Referent bei „Begegnung Christen und Juden. Bayern“, Verein zur Förderung des christlich-jüdischen Gesprächs in der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern (BCJ). Seinen Lebensmittelpunkt hat er in Rothenburg, wo auch Rabbi Meir ben Baruch im 13. Jahrhundert gewirkt hatte. Weltweit, nicht nur in Deutschland, ist ein Anwachsen des Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023, dem Terrorüberfall von Anhängern der Hamas auf Israel, zu beobachten. Dabei ist unterschwelliger Antisemitismus nichts Neues.
Wilhelm Marr begründet Antisemitismus
Aussagen wie „Ein richtiger Jud’“ assoziieren, dass Juden Wucherer sind und hauptsächlich in Geldgeschäfte involviert sind. Im Dritten Reich mussten Juden seit dem 19. September 1941 einen Judenstern tragen und wurden mit einer großen Nase in Karikaturen verunglimpft. In der Deutschen Buchstabentafel war bereits zuvor das Nathan für N zu Nordpol geändert. Auch David für D und Sarah für S wurden getilgt. Dadurch wollte man jegliche Erinnerung auslöschen.
Die Bezeichnung Antijudaismus beziehungsweise Antisemitismus stammt von Wilhelm Marr (1819-1904). Er prägte den Begriff Antisemitismus als eine rassistisch statt religiös begründete Judenfeindschaft, wobei er bei der Namensgebung auf Sem, einen der drei Söhne Noahs, zurückgriff. 1879 gründete er die Antisemitenliga.
Antisemitismus in der Spätantike
Für Gußmann kristallisieren sich vier Hauptformen des Antisemitismus heraus: Erstens der religiöse Antisemitismus existierte bereits seit der Spätantike, häufig gebraucht wurden die Vorwürfe Gottesmord, Hostienfrevel und Ritualmord, sie waren Auslöser für Pogrome. Dazu kam noch der Wuchervorwurf. Zweitens der neuzeitliche Antisemitismus entwickelte sich seit der Aufklärungszeit. Die Anklage der Juden als Weltverschwörer basiert auf den fingierten Protokollen der Weisen von Zion. Daraus resultiert auch ein Rassenantisemitismus.
Drittens der Post-Holocaust-Antisemitismus propagiert seit 1945 eine Täter-Opfer-Umkehr und wird auch vom linken Antisemitismus getragen. Viertens der israelbezogene Antisemitismus, der sich auch als Antizionismus zeigt. Ein Fazit von Oliver Gußmann zur Problematik Antisemitismus war auch: Sprech- und Denkverbote bewirken nur ein Abschotten.
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