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75 Jahre in Deutschland
THW in Erlangen-Höchstadt: Das könnte sich bald ändern
2009 rückte das THW Baiersdorf zu einem Großbrand der Haberndorfer Mühle in Uttenreuth aus.
2009 rückte das THW Baiersdorf zu einem Großbrand der Haberndorfer Mühle in Uttenreuth aus. // Foto: THW Baiersdorf
Baiersdorf – 1955 wurde das THW in Deutschland gegründet. Heute bringt eine andere Welt eine „neue Bedrohungslage“ mit sich. Warum sich auch der Ortsverband Baiersdorf wieder stärker auf den Zivilschutz ausrichtet.

Vor 75 Jahren, am 22. August 1955, wurde das Technische Hilfswerk (THW) als staatliche Organisation der Zivilschutzeinrichtung gegründet. In den vergangenen Jahren dominierte der Katastrophenschutz die Aufgaben der Ortsverbände. Angesichts aktueller weltpolitischer Entwicklungen will sich das THW wieder stärker auf seinen ursprünglichen Auftrag besinnen. Diese Entwicklung spielt auch beim einzigen Ortsverband für den Landkreis Erlangen-Höchstadt, dem THW Baiersdorf, eine Rolle.

Früher Grundausstattung bei THW: Spaten, Schaufel und Pike 

Manfred Stirnweiß ist seit seiner Jugend Mitglied des THW Baiersdorf. Als er 1971 im Alter von 16 Jahren Mitglied wurde, drückte man ihm Spaten, Schaufel und Pike in die Hand. Das war die damalige Grundausrüstung der ehrenamtlichen Helfer.

Zu seinen Schulzeiten in den 1970er-Jahren erinnert Stirnweiß sich noch an „Zivilschutzlehrgänge“. Dazu gehören Vorbereitung in Notfallsituationen, wie etwa Evakuierungen. Gibt es genug Lebensmittel- und Wasservorräte im Haus? Welche Medikamente braucht man für die Notfallapotheke? Wie gut ist man auf einen Energieausfall vorbereitet? Wo sind private oder öffentliche Notfalltreffpunkte in der Nähe? Das sind viele Fragen, die es in einer Notsituation bestenfalls schon im Vorfeld zu klären gilt.

Anders als der damalige Schüler Stirnweiß, werden heutzutage vermutlich die wenigsten Schülerinnen und Schüler, und darüber hinaus auch wenige Erwachsene, diese Fragen zu beantworten wissen. Beim Technischen Hilfswerk ist das Thema heutzutage wieder sehr präsent.

Zugtruppführer Matthias Doman hat 1996 als Zivildienstleisternder beim THW in Baiersdorf angefangen.
Zugtruppführer Matthias Doman hat 1996 als Zivildienstleisternder beim THW in Baiersdorf angefangen. // Foto: Adelheid Wagner

THW in Deutschland: Zivilschutz als gesetzlicher Auftrag

„Das THW wurde nach dem 2. Weltkrieg als Zivilschutzorganisation für den Bevölkerungsschutz gegründet“, erklärt Matthias Doman, Zugtruppführer des Ortsverbandes Baiersdorf. „Fragen wie ,Was passiert im Verteidigungsfall' gehören im weitesten Sinne zu den Bereichen des THW“, sagt Doman.

Grund dafür sei, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland hohe Hürden für den Einsatz der Bundeswehr gegeben habe. Um die Bevölkerung bei Notfällen und Katastrophen unterstützen zu können, sei das THW laut Doman quasi als eine Art Ausweichmöglichkeit gegründet worden.

Einsätze des THW Baiersdorf in der Region:

Mai 2025: Über 4 Wochen beschäftigte ein Waldbrand im Tennenloher Forst die Einsatzkräfte des THW. Ca. 450 Einsatzkräfte aus 22 Ortsverbänden waren im Einsatz. Zu den Einsatzaufgaben gehörte die Technische und logistische Unterstützung an der Einsatzstelle sowie der Betrieb der Löschwasserversorgungstrecke.
Mai 2025: Über 4 Wochen beschäftigte ein Waldbrand im Tennenloher Forst die Einsatzkräfte des THW. Ca. 450 Einsatzkräfte aus 22 Ortsverbänden waren im Einsatz. Zu den Einsatzaufgaben gehörte die Technische und logistische Unterstützung an der Einsatzstelle sowie der Betrieb der Löschwasserversorgungstrecke. // FOTOGALERIE Foto: THW Baiersorf
2001: Einsatzkräfte des THW unterstützen bei der Bergung eines abgestürzten Flugzeuges im Landkreis Erlangen-Höchstadt. Der Unimog-Kran des THW Baiersdorf verlädt das Heckteil des Flugzeuges zum Abtransport aus dem unwegsamen Waldgelände.
2001: Einsatzkräfte des THW unterstützen bei der Bergung eines abgestürzten Flugzeuges im Landkreis Erlangen-Höchstadt. Der Unimog-Kran des THW Baiersdorf verlädt das Heckteil des Flugzeuges zum Abtransport aus dem unwegsamen Waldgelände. // FOTOGALERIE Foto: THW Baiersorf
Februar 2009: Einsatzkräfte des THW unterstützen die Feuerwehr, den Rettungsdienst und die Polizei bei Bergungs- und Absicherungsmaßnahmen nach einer Gasexplosion eines Hauses in Höchstadt an der Aisch.
Februar 2009: Einsatzkräfte des THW unterstützen die Feuerwehr, den Rettungsdienst und die Polizei bei Bergungs- und Absicherungsmaßnahmen nach einer Gasexplosion eines Hauses in Höchstadt an der Aisch. // FOTOGALERIE Foto: THW Baiersorf
Februar 2009: Einsatzkräfte des THW unterstützen die Feuerwehr, den Rettungsdienst und die Polizei bei Bergungs
Februar 2009: Einsatzkräfte des THW unterstützen die Feuerwehr, den Rettungsdienst und die Polizei bei Bergungs // FOTOGALERIE Foto: THW Baiersorf
April 2016: Nach einem schweren Verkehrsunfall auf der Bundesautobahn A3 bei Höchstadt ist die Richtungsfahrbahn durch herumliegende Trümmerteile komplett gesperrt. Die Einsatzkräfte des THW unterstützen die Bergungsmaßnahmen.
April 2016: Nach einem schweren Verkehrsunfall auf der Bundesautobahn A3 bei Höchstadt ist die Richtungsfahrbahn durch herumliegende Trümmerteile komplett gesperrt. Die Einsatzkräfte des THW unterstützen die Bergungsmaßnahmen. // FOTOGALERIE Foto: THW Baiersorf
Aischhochwasser im Juli 2021: Feuerwehr und THW sichern mit einem Sandsackverbau eine Traffostation im Hochwasser, um diese vor dem Volllaufen mit Wasser zu schützen.
Aischhochwasser im Juli 2021: Feuerwehr und THW sichern mit einem Sandsackverbau eine Traffostation im Hochwasser, um diese vor dem Volllaufen mit Wasser zu schützen. // FOTOGALERIE Foto: THW Baiersorf

75 Jahre später scheinen eine veränderte politische Weltlage und ein Krieg in Europa dazu zuführen, dass sich die ehrenamtliche Organisation, die dem Innenministerium unterstellt ist, wieder verstärkt auf ihren Ursprung besinnt bzw. besinnen muss.

„Die technische Hilfe im Zivilschutz ist der gesetzliche Auftrag des Technischen Hilfswerks. Und das nicht erst heute: Das Thema Zivilschutz rückt aktuell zwar besonders in den Fokus“, heißt es in einer Pressemitteilung des THW anlässlich des Jubiläums.

Ortsverband Baiersdorf: Einsätze im Tennenloher Forst und im Ahrtal

Heutzutage verbinden Laien das Hilfswerk wohl eher mit Katastropheneinsätzen. Der Waldbrand im Tennenloher Forst war der jüngste Katastrophenfall für den Ortsverband. Dort waren die technischen Helfer für die Wasserversorgung der Feuerwehr zuständig. „Wir waren ziemlich genau auf den Tag fast einen Monat im Tennenloher Forst im Einsatz“, sagt Dormann.

Zu den größten bundesweiten Einsätzen des THW-Baiersdorf in den vergangenen Jahren gehören die Ahrtal-Katastrophe im Juli 2021 in Rheinland-Pfalz.

Während des Jahrhunderthochwassers im Jahr 2002 waren die Helfer aus Erlangen-Höchstadt in Sachsen und Sachsen-Anhalt zur Stelle. In Pirna richteten sie die Stromversorgung für die Notfallunterkunft der Zeltstadt ein. Rund 1.100 Menschen fanden damals dort Zuflucht, wie einem Bericht des THW Pirna zu entnehmen ist.

Bei Mühlbach im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge (Sachsen) sprengten die Baiersdorfer einen Kamin, der durch das Hochwasser einzustürzen drohte.

Überregionale Einsätze des THW Baiersdorf:

Oktober 2015: Im Rahmen der Hilfe für Vertriebene unterstützen die Einsatzkräfte bei zahlreichen Einsätzen in Bayern die Ertüchtigung von Unterkünften.
Oktober 2015: Im Rahmen der Hilfe für Vertriebene unterstützen die Einsatzkräfte bei zahlreichen Einsätzen in Bayern die Ertüchtigung von Unterkünften. // FOTOGALERIE Foto: THW Baiersdorf
Februar 2014: Die Fachgruppe Elektroversorgung wurde nach einem starken Eisregenereignis nach Slowenien entsendet und unterstütze dort über mehrere Wochen die Notstromversorgung kritischer Infrastruktur.
Februar 2014: Die Fachgruppe Elektroversorgung wurde nach einem starken Eisregenereignis nach Slowenien entsendet und unterstütze dort über mehrere Wochen die Notstromversorgung kritischer Infrastruktur. // FOTOGALERIE Foto: THW Baiersdorf
Januar 2019: Starke Schneefälle in Süddeutschland erforderten den Einsatz zahlreicher THW-Einsatzkräfte.
Januar 2019: Starke Schneefälle in Süddeutschland erforderten den Einsatz zahlreicher THW-Einsatzkräfte. // FOTOGALERIE Foto: THW Baiersdorf

Ortsverband Baiersdorf plant mehr Ausbildungen für Zivilschutz

Nachdem sich das THW nach eigenen Angaben nach Ende des Kalten Krieges in den 1990er-Jahren neu organisiert hatte, hat die Organisation nun also die Zivilschutztüchtigkeit als akutes Handlungsfeld wiedererkannt.

Bereits 2023 habe man mit Blick auf „die aktuellen Entwicklungen“ und „vor dem Hintergrund einer veränderten und neuen Bedrohungslage“ sein Rahmenkonzept für die Ortsverbände und bundesweit 88.000 Ehrenamtliche angepasst.

Wie übersetzt sich dieses Ziel auf die rund 110 Mitglieder in Baiersdorf? „Wir werden einen größeren Schwerpunkt unserer Ausbildung darauflegen“, sagt Doman.

Wie gut ist Erlangen-Höchstadt auf den Ernstfall vorbereitet?

Auf die Frage, wie gut der Landkreis Erlangen-Höchstadt auf den Ernstfall vorbereitet wäre, antwortet der Zugtruppführer: „Gut. Die Maßnahmen sind im Grund die gleichen, wie beim Katastrophenschutz.“ 

„Im Landkreis führen wir regelmäßige Übungen für den Katastrophenfall zu verschiedenen Themen wie einen Flugzeugabsturz durch.“  Auch Brückenbau, Trümmerbeseitigung und Gebäude zu stützen  oder Trinkwasseraufbereitung oder die Wiederherstellung der Stromversorgung zählen zu diesem Bereich. 

Zudem gäbe es einen regelmäßigen Austausch mit dem Landratsamt und der Feuerwehr sowie Überlegungen für den Bau eines Katastrophenschutzzentrums im Landkreis. Laut Doman werde dafür noch ein geeigneter Standort gesucht.

Das THW-Gelände in Baiersdorf im Modell: Die Gebäude stammen aus den 1970er Jahren und sind heute zu klein für mehr als 100 Ehrenamtliche und die viele Fahrzeuge.
Das THW-Gelände in Baiersdorf im Modell: Die Gebäude stammen aus den 1970er Jahren und sind heute zu klein für mehr als 100 Ehrenamtliche und die viele Fahrzeuge. // Foto: Adelheid Wagner

Ein Manko gibt es beim Ortsverband in Baiersdorf dann doch. Denn das Gebäude des THW ist rund 50 Jahre alt. Auch die Halle für die Fahrzeuge ist mittlerweile zu klein geworden. Darum parkt in Baiersdorf eines der teuren Hilfsfahrzeuge auf dem Hof.

Für die Finanzierung der Ortsverbände sei der Bund zuständig. Doman weiß, „dass hunderte Verbände alle viel Bedarf haben“, würde sich allerdings eine langfristige Planung der Finanzierung wünschen. Denn die jährliche Planung mache wichtige Anschaffungen, geschweige denn einen Neubau, wenig realistisch.

„Im Moment wird der Haushalt für das kommende Jahr verabschiedet“, sagt er. Weil das nicht reicht, musste der Ortsverband einen Wagen über die Gelder des Fördervereins finanzieren. „Ein bisschen mehr Taschengeld würden wir uns schon wünschen“, sagt er.  

Das Technische Hilfswerk – Ortsverband Baiersdorf:

Der THW-Ortsverband Baiersdorf gehörte ursprünglich zum THW-Stützpunkt Erlangen, und wurde 1953 als Außenstützpunkt Wellerstadt gegründet. 1974 wurde der Stützpunkt zu einem eigenständigen Ortsverband erklärt. Seit den 1970er Jahren verzeichnet der Verein mit rund 110 Mitgliedern, davon nur sechs Frauen, ungefähr das Doppelte an Mitgliedern und setzt sich aus den Gruppen Atemschutzüberwachung, Elektrogruppe, Elektroversorgung, der Sprenggruppe, einer Gruppe für Not- und Instandsetzung sowie dem Zugtrupp zusammen.

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