Vor 75 Jahren, am 22. August 1955, wurde das Technische Hilfswerk (THW) als staatliche Organisation der Zivilschutzeinrichtung gegründet. In den vergangenen Jahren dominierte der Katastrophenschutz die Aufgaben der Ortsverbände. Angesichts aktueller weltpolitischer Entwicklungen will sich das THW wieder stärker auf seinen ursprünglichen Auftrag besinnen. Diese Entwicklung spielt auch beim einzigen Ortsverband für den Landkreis Erlangen-Höchstadt, dem THW Baiersdorf, eine Rolle.
Früher Grundausstattung bei THW: Spaten, Schaufel und Pike
Manfred Stirnweiß ist seit seiner Jugend Mitglied des THW Baiersdorf. Als er 1971 im Alter von 16 Jahren Mitglied wurde, drückte man ihm Spaten, Schaufel und Pike in die Hand. Das war die damalige Grundausrüstung der ehrenamtlichen Helfer.
Zu seinen Schulzeiten in den 1970er-Jahren erinnert Stirnweiß sich noch an „Zivilschutzlehrgänge“. Dazu gehören Vorbereitung in Notfallsituationen, wie etwa Evakuierungen. Gibt es genug Lebensmittel- und Wasservorräte im Haus? Welche Medikamente braucht man für die Notfallapotheke? Wie gut ist man auf einen Energieausfall vorbereitet? Wo sind private oder öffentliche Notfalltreffpunkte in der Nähe? Das sind viele Fragen, die es in einer Notsituation bestenfalls schon im Vorfeld zu klären gilt.
Anders als der damalige Schüler Stirnweiß, werden heutzutage vermutlich die wenigsten Schülerinnen und Schüler, und darüber hinaus auch wenige Erwachsene, diese Fragen zu beantworten wissen. Beim Technischen Hilfswerk ist das Thema heutzutage wieder sehr präsent.
THW in Deutschland: Zivilschutz als gesetzlicher Auftrag
„Das THW wurde nach dem 2. Weltkrieg als Zivilschutzorganisation für den Bevölkerungsschutz gegründet“, erklärt Matthias Doman, Zugtruppführer des Ortsverbandes Baiersdorf. „Fragen wie ,Was passiert im Verteidigungsfall' gehören im weitesten Sinne zu den Bereichen des THW“, sagt Doman.
Grund dafür sei, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland hohe Hürden für den Einsatz der Bundeswehr gegeben habe. Um die Bevölkerung bei Notfällen und Katastrophen unterstützen zu können, sei das THW laut Doman quasi als eine Art Ausweichmöglichkeit gegründet worden.
Einsätze des THW Baiersdorf in der Region:
75 Jahre später scheinen eine veränderte politische Weltlage und ein Krieg in Europa dazu zuführen, dass sich die ehrenamtliche Organisation, die dem Innenministerium unterstellt ist, wieder verstärkt auf ihren Ursprung besinnt bzw. besinnen muss.
„Die technische Hilfe im Zivilschutz ist der gesetzliche Auftrag des Technischen Hilfswerks. Und das nicht erst heute: Das Thema Zivilschutz rückt aktuell zwar besonders in den Fokus“, heißt es in einer Pressemitteilung des THW anlässlich des Jubiläums.
Ortsverband Baiersdorf: Einsätze im Tennenloher Forst und im Ahrtal
Heutzutage verbinden Laien das Hilfswerk wohl eher mit Katastropheneinsätzen. Der Waldbrand im Tennenloher Forst war der jüngste Katastrophenfall für den Ortsverband. Dort waren die technischen Helfer für die Wasserversorgung der Feuerwehr zuständig. „Wir waren ziemlich genau auf den Tag fast einen Monat im Tennenloher Forst im Einsatz“, sagt Dormann.
Zu den größten bundesweiten Einsätzen des THW-Baiersdorf in den vergangenen Jahren gehören die Ahrtal-Katastrophe im Juli 2021 in Rheinland-Pfalz.
Während des Jahrhunderthochwassers im Jahr 2002 waren die Helfer aus Erlangen-Höchstadt in Sachsen und Sachsen-Anhalt zur Stelle. In Pirna richteten sie die Stromversorgung für die Notfallunterkunft der Zeltstadt ein. Rund 1.100 Menschen fanden damals dort Zuflucht, wie einem Bericht des THW Pirna zu entnehmen ist.
Bei Mühlbach im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge (Sachsen) sprengten die Baiersdorfer einen Kamin, der durch das Hochwasser einzustürzen drohte.
Überregionale Einsätze des THW Baiersdorf:
Ortsverband Baiersdorf plant mehr Ausbildungen für Zivilschutz
Nachdem sich das THW nach eigenen Angaben nach Ende des Kalten Krieges in den 1990er-Jahren neu organisiert hatte, hat die Organisation nun also die Zivilschutztüchtigkeit als akutes Handlungsfeld wiedererkannt.
Bereits 2023 habe man mit Blick auf „die aktuellen Entwicklungen“ und „vor dem Hintergrund einer veränderten und neuen Bedrohungslage“ sein Rahmenkonzept für die Ortsverbände und bundesweit 88.000 Ehrenamtliche angepasst.
Wie übersetzt sich dieses Ziel auf die rund 110 Mitglieder in Baiersdorf? „Wir werden einen größeren Schwerpunkt unserer Ausbildung darauflegen“, sagt Doman.
Wie gut ist Erlangen-Höchstadt auf den Ernstfall vorbereitet?
Auf die Frage, wie gut der Landkreis Erlangen-Höchstadt auf den Ernstfall vorbereitet wäre, antwortet der Zugtruppführer: „Gut. Die Maßnahmen sind im Grund die gleichen, wie beim Katastrophenschutz.“
„Im Landkreis führen wir regelmäßige Übungen für den Katastrophenfall zu verschiedenen Themen wie einen Flugzeugabsturz durch.“ Auch Brückenbau, Trümmerbeseitigung und Gebäude zu stützen oder Trinkwasseraufbereitung oder die Wiederherstellung der Stromversorgung zählen zu diesem Bereich.
Zudem gäbe es einen regelmäßigen Austausch mit dem Landratsamt und der Feuerwehr sowie Überlegungen für den Bau eines Katastrophenschutzzentrums im Landkreis. Laut Doman werde dafür noch ein geeigneter Standort gesucht.
Ein Manko gibt es beim Ortsverband in Baiersdorf dann doch. Denn das Gebäude des THW ist rund 50 Jahre alt. Auch die Halle für die Fahrzeuge ist mittlerweile zu klein geworden. Darum parkt in Baiersdorf eines der teuren Hilfsfahrzeuge auf dem Hof.
Für die Finanzierung der Ortsverbände sei der Bund zuständig. Doman weiß, „dass hunderte Verbände alle viel Bedarf haben“, würde sich allerdings eine langfristige Planung der Finanzierung wünschen. Denn die jährliche Planung mache wichtige Anschaffungen, geschweige denn einen Neubau, wenig realistisch.
„Im Moment wird der Haushalt für das kommende Jahr verabschiedet“, sagt er. Weil das nicht reicht, musste der Ortsverband einen Wagen über die Gelder des Fördervereins finanzieren. „Ein bisschen mehr Taschengeld würden wir uns schon wünschen“, sagt er.
Das Technische Hilfswerk – Ortsverband Baiersdorf:
Der THW-Ortsverband Baiersdorf gehörte ursprünglich zum THW-Stützpunkt Erlangen, und wurde 1953 als Außenstützpunkt Wellerstadt gegründet. 1974 wurde der Stützpunkt zu einem eigenständigen Ortsverband erklärt. Seit den 1970er Jahren verzeichnet der Verein mit rund 110 Mitgliedern, davon nur sechs Frauen, ungefähr das Doppelte an Mitgliedern und setzt sich aus den Gruppen Atemschutzüberwachung, Elektrogruppe, Elektroversorgung, der Sprenggruppe, einer Gruppe für Not- und Instandsetzung sowie dem Zugtrupp zusammen.
























