0
Siemens Healthineers
Darum taucht Kanzler Scholz auf der Betriebsversammlung auf
Von einer Mitarbeiterin lässt sich Bundeskanzler Olaf Scholz einen Arbeitsschritt der MRT-Produktion bei Siemens Healthineers in Erlangen erklären.
Von einer Mitarbeiterin lässt sich Bundeskanzler Olaf Scholz einen Arbeitsschritt der MRT-Produktion bei Siemens Healthineers in Erlangen erklären. // Matthias Hoch
Erlangen – Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) besucht am Montag Siemens Healthineers in Erlangen. Auf einer Sonder-Betriebsversammlung spricht er am Nachmittag sogar mit der Belegschaft. Was das zu bedeuten hat.

Erst fällt er in dem riesigen Tross kaum auf. Festen Schrittes geht Olaf Scholz die Stuhlreihen entlang, gesäumt von kantigen Personenschützern und der Chefetage seines Gastgebers. Die Kameras klicken, Blitzlichter tauchen ihn in grelles Licht. Mit dem amtierenden Bundeskanzler ist dem Medizintechnik-Giganten Siemens Healthineers in Erlangen ein besonderer Coup gelungen, um seinen Mitarbeitenden eine Freude zum Wochenstart zu bereiten. Im Rahmen einer außerordentlichen Betriebsversammlung steht der SPD-Spitzenpolitiker der versammelten Mannschaft von Healthineers Rede und Antwort.

Olaf Scholz bei Siemens Healthineers - ein Wohlfühltermin

Ein Wohlfühltermin für den Kanzler, das ist ihm anzumerken. Weit weg scheinen in diesem Moment die 80-stündigen Verhandlungen um den fast gescheiterten Bundeshaushalt, die kriegerischen Krisen in Nahost und der Ukraine, der gesellschaftliche Ruck nach Rechts in Deutschland, Europa, der gesamten Welt. „Mehr Optimismus“ wünscht sich Scholz von den Menschen, etwa wenn es um die Rückschau erreichten Errungenschaften geht oder der Blick auf die Zukunft des Landes schielt. „Wir leben in Zeiten des Umbruchs“, sagt Scholz. Nicht alle hätten die jüngsten Herausforderungen wie Corona verdaut. Aber, und Scholz zitiert Nagelsmann nach dem DFB-Aus, wir müssen uns mehr für uns selbst begeistern. Das Glas ist halbvoll, so lautet seine Botschaft.

Auch deshalb ist Siemens Healthineers ein Wohlfühltermin für Scholz. Noch ein paar Stunden vorher musste er bei einem Besuch im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) kritische Töne über die bisherige Praxis bei der Entscheidung über Asylanträge anhören. Dort versprach er Besserung, was wollte er auch anderes tun. In Erlangen blieben ihm ähnliche Versprechen erspart.

So läuft es im Moment bei Siemens Healthineers

Es läuft scheinbar bei Siemens Healthineers. Dass der Gewinn im vergangenen Jahr 500 Millionen Euro geringer war als das Jahr zuvor, spielt heute keine Rolle. Schon bei der Präsentation der Zahlen für die erste Jahreshälfte sagt CEO Bernd Montag Anfang Mai: „Nach einem insgesamt starken ersten Halbjahr sind wir erneut auf einem guten Weg, unsere Ziele für das Geschäftsjahr zu erreichen“. Gute Nachrichten für Montag, für sein Dax-Unternehmen und die gesamte Region, die von der hohen Wertschöpfung solcher Global Player wie Siemens Healthineers zehren. Laut Montag habe man in den vergangenen Jahren mehr als 650 Millionen Euro in die Standorte Forchheim und Erlangen investiert, Tausende neue Stellen geschaffen. Man wolle Fackelträger sein für eine industrielle Gesundheitswirtschaft.

Gebannt lauscht Olaf Scholz den Ausführungen Siemens Healthineers-CEO Bernd Montag (rechts).
Gebannt lauscht Olaf Scholz den Ausführungen Siemens Healthineers-CEO Bernd Montag (rechts). // Matthias Hoch

Worte, die Bernd Montag dem Bundeskanzler gerne erzählt. Worte, die sich der Bundeskanzler gerne erzählen lässt.

Über viele tolle Branchen in Deutschland werde viel geredet, findet Scholz. Oft vergessen würden dagegen Vorreiter in Nischenthemen, etwa der Gesundheitstechnik. Den eindrucksvollen Betriebsrundgang durch die riesige Fertigungshalle für Magnetresonanztomographen (MRT) nimmt der Kanzler gerne in Anspruch. Eine mittlere vierstellige Anzahl dieser Geräte verlässt im Jahr den Erlanger Nordosten. Ziel: die gesamte Welt. Etwa drei Tage brauchen die Mitarbeitenden, um Tausende von Einzelteilen zu einem funktionierenden MRT zusammenzusetzen.

Betriebsversammlung: Frage-Antwort-Runde mit dem Kanzler

Was Siemens Healthineers-Chef Bernd Montag und Olaf Scholz etwa eine halbe Stunde lang in vertrauter Runde besprechen, bleibt zwar sowohl der in großer Anzahl geladenen Presse wie der Belegschaft verborgen. Aber wie versprochen steht Olaf Scholz auf der eigens zu diesem Zweck einberufenen Betriebsversammlung dem Publikum Rede und Antwort. Für ein paar vereinzelte Wortbeiträge aus dem Publikum bleibt sogar Zeit.

Wie es um die Rente bestellt sei zum Beispiel. „Wir werden in Deutschland ein stabiles Rentenniveau garantieren“, sagt Scholz. Für die nächsten 20 Jahre solle man sich mindestens auf seine Rente verlassen können. Auf die Nachfrage eines jungen Mannes im Publikum, wie konkret das aussehe und wie viel Stellenwert etwa eine Aktienrente einnehmen könnte, bleibt der Kanzler eine befriedigende Antwort schuldig.

Knapp 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind bei der außerordentlichen Betriebsversammlung dabei, einige stellen Scholz ihre Fragen.
Knapp 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind bei der außerordentlichen Betriebsversammlung dabei, einige stellen Scholz ihre Fragen. // Matthias Hoch

Allerdings rechnet bei solch einem Kurz-Programm niemand mit politischen Durchbrüchen und Aha-Momenten. Wichtiger sind Scholz' Signale. Sein Signal, den Menschen tatsächlich charismatisch und glaubhaft interessiert zuzuhören. Sein Signal, aus dem privaten Nähkästchen zu plaudern und den Mantel des unnahbaren Analytikers abzulegen. Und sein Signal, seine Bundesregierung habe zwar nicht immer alles im Griff, aber zumindest im Blick.

So blickt man am Ende der Betriebsversammlung in frohe Gesichter. Scholz lächelt, weil er um wirklich kritische Fragen nicht zu befürchten hatte, die Presse war lediglich als stille Zuhörerin geladen. Die Healthineers-Chefetage lächelt, weil ihr Coup geglückt ist. Die Belegschaft lächelt, weil sie den Kanzlerbesuch als das begreift, was er ist: ein Zeichen der Wertschätzung und willkommene Abwechslung im durchgetakteten Arbeitsalltag. Für die meisten von ihnen ist am Nachmittag dann Feierabend. Scholz zieht weiter, besucht am Abend noch einen Biobauernhof im Landkreis Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim. Spitzenpolitik kennt keinen Feierabend.

Lesen Sie auch:

Inhalt teilen
  • kopiert!