Adidas wird zum 1. September aus dem Tarifvertrag austreten. Das hat die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) am 7. August in einer kritischen Pressemitteilung über die Entscheidung des Herzogenauracher Sportartikelherstellers verkündet. Betroffen seien laut IGBCE die 8.000 Beschäftigten in Deutschland, davon rund 3.500 in der Adidas-Zentrale in Herzogenaurach.
Dabei zeigte sich Adidas-CEO Bjørn Gulden erst kürzlich sehr guter Laune, als er die Zahlen für das zweite Quartal und den Ausblick auf die Jahresbilanz vorstellte. Gulden vermeldete ein zweistelliges Wachstum (12 Prozent) für das Unternehmen im Vergleich zum Vorjahr. Für das Jahr 2025 geht Adidas weiterhin von einer Verbesserung des Betriebsergebnisses auf einen Wert zwischen 1,7 und 1,8 Milliarden Euro aus. Das Ziel scheint deutlich auf Performance getrimmt: Adidas will weiterwachsen. Die Strategie zum Erfolg laut Gulden: „gesundes Wachstum für eine gesunde Firma“. So zumindest das Credo.
Adidas in Deutschland: 4.600 Mitarbeiter haben Tarifverträge
Wie fügt sich die fundamentale Entscheidung über den Ausstieg aus der Tarifbindung in das „Gesundheitskonzept“ der Firma ein? Diese Antwort dürfte Adidas wohl seinen Angestellten schuldig bleiben. Wenn der Sportartikelhersteller seine Mitgliedschaft im Arbeitgeberverband zum 1. September von einer ordentlichen zu einer Mitgliedschaft ohne Tarifbindung umwandeln wird, gelten künftig keine neuen Tarifabschlüsse mehr für die Beschäftigten des Konzerns. Neue Beschäftigte würden zudem keine Tarifverträge mehr erhalten, heißt es in der Mitteilung des IGBCE.
Wo die Gewerkschaft, von rund 8000 Beschäftigten spricht, für die „keine neuen Tarifabschlüsse mehr gelten“, geht Adidas selbst von einer ganz anderen Zahl aus. In Deutschland wären laut dem Sportartikelhersteller rund 4.600 Angestellte tariflich beschäftigt. „Etwaige Lohnerhöhungen, die in der anstehenden Tarifrunde vereinbart werden, würden dann für die rund 4.600 bei adidas in Deutschland tariflich Beschäftigten natürlich trotzdem gelten“, lautet die schriftliche Auskunft von Claudia Lange, Pressesprecherin von Adidas, auf Anfrage von fränkischertag.de.
Tarifflucht in Herzogenaurach: Wettbewerb erfordere Flexibilität
„Unsere Mitarbeitenden sind die besten der Branche. Damit das so bleibt, müssen wir in der Lage sein, Gehälter auch außerhalb einer Tarifstruktur anzubieten und allen Beschäftigten, tariflich und außertariflich, attraktive Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen“, gibt die Pressesprecherin als Grund für den Ausstieg aus der Tarifbindung an.
„Eine Forderung nach mehr Entgeltgruppen und damit einer deutlichen Ausweitung der Tarifbindung auf außertarifliche Mitarbeitergruppen würde uns allerdings diese Flexibilität nehmen. Diese Flexibilität ist es aber, die uns in einem wettbewerbsintensiven Umfeld regelmäßig zu einem der beliebtesten Arbeitgeber weltweit macht und es uns so erlaubt, die besten Talente für uns zu gewinnen.“
Adidas sieht demnach den Schritt aus dem Tarif als unvermeidbar an: „Diese Forderung, sowie eine Prämie für Gewerkschaftsmitglieder und damit eine Ungleichbehandlung unserer Mitarbeitenden, ist für uns deshalb, auch im Sinne aller Adidas-Beschäftigten, nicht verhandelbar und hat diesen Schritt notwendig gemacht“, heißt es von Seiten der Pressestelle.
IGBCE: Gewerkschaft will Entgelte in Sportartikel- und Schuhindustrie erhöhen
Die Gewerkschaft widerspricht der Darstellung des Unternehmens deutlich: „Es ist kompletter Unsinn zu behaupten, die von der IGBCE geforderte Ausweitung des Tarifvertrags auf höhere Entgeltgruppen würde den bislang außertariflich Beschäftigten erhebliche Nachteile bringen“, so der Vorwurf von Birgit Biermann, der stellvertretenden IGBCE-Vorsitzenden. Das genaue Gegenteil sei der Fall: „Ihre Arbeitszeit wäre sauber geregelt, Überstunden müssten auch bezahlt werden, Entgeltstrukturen würden transparenter.“
Hintergrund ist, dass die IGBCE den Flächentarifvertrag der Sportartikel- und Schuhindustrie, unter den bislang auch die Adidas-Beschäftigten fielen, neben einer Erhöhung der Entgelte um 7 Prozent einen spürbaren Vorteil für Gewerkschafts-Mitglieder durchsetzen will. Außerdem wolle sie mehr Entgeltgruppen in Tarifbindung bringen und damit, aus ihrer Sicht, eine realistische und gerechte Eingruppierung auch für Hochqualifizierte schaffen.
Was verdient ein Mitarbeiter im Tarif bei Adidas?
Nach Angaben der IGBCE sieht der Entgeltrahmentarifvertrag in der Schuhindustrie eine bundeseinheitliche Entgelttabelle vor. Für den Sportartikelhersteller Adidas umfasst der Vertrag allerdings eine eigene Entgelttabelle.
Wie viel genau Beschäftigte bei Adidas genau verdienen, ist nicht öffentlich bekannt. Die Gehälter dürften sich vermutlich an den Entgeltgruppen des Rahmenvertrags orientieren. Hier variieren die Entgeltgruppen (ab 1.10.2024) zwischen 2.200 Euro (Gruppe 1) und 4.600 Euro (Gruppe 8) bei einer Regelarbeitszeit von 39 Stunden pro Woche, wie in einer Veröffentlichung über die Tarifdaten von Schuh- und Lederwarenindustrie sowie IGBCE auf der Website des Ministeriums Mecklenburg-Vorpommerns zu lesen ist.
Weitere Rahmenbedingungen für die Schuhindustrie sind laut der IGBCE-Website außerdem Jahresurlaub und Zusatzurlaub für Beschäftigte in der vollkontinuierlichen Schichtarbeit, ein Vollkonti-Zuschlag in Höhe von zehn Prozent sowie ein Kurzarbeitergeld von 80 Prozent des Monatseinkommens.
Adidas: Tarifflucht und Stellenabbau sind keine Sparmaßnahmen
Die Gewerkschaftsvertreter missbilligen die Entscheidung von Adidas in klaren Worten. „Dieser Schritt ist nicht nur grob unsportlich und unsolidarisch dem eigenen Team gegenüber, Adidas schadet sich damit auch selbst“, äußert sich Biermann. Adidas gehöre unter den 40 Dax-Konzernen „nun zu einer kleinen Minderheit von Tarifflüchtigen“. In Zeiten wachsenden Fachkräftemangels reiche es nicht aus, allein auf die Zugkraft einer Marke zu setzen.
Erst im Frühjahr hatte der Sportartikelhersteller den Abbau von 500 Stellen am Standort in Herzogenaurach umgesetzt. Als Grund gab CEO Gulden damals Bestrebungen an, Adidas effizienter machen zu wollen. Das Unternehmen müsse diese Komplexität reduzieren. Bei der Entscheidung zum Stellenabbau sei es damals nicht um Kosteneinsparungen gegangen, wie die Pressestelle des Konzerns nun mitteilte und betont. Auch die jetzige Entscheidung, aus der Tarifbindung auszusteigen, stehe nicht im Zusammenhang mit dem vorhergegangenen Stellenabbau.















