Langsam fährt das Garagentor hoch und gibt den Blick auf Paletten frei. Darauf stapeln sich Pakete, Pakete und noch mehr Pakete. In Folie, in Karton, rund, eckig, flach, hoch, leicht, schwer. Manche knistern, wenn man sie anhebt, aus manchen ertönt ein leises Rappeln, wieder andere fühlen sich weich an.
Barbara Galvanek steht zwischen den Paletten, deutet auf Aufschriften auf den Kartons oder auf geschwärzte Namensetiketten auf den Päckchen und erzählt. Von einer Dokumentation in der Fernsehsendung Galileo, einer Geschäftsidee und ihrer Begeisterung dafür. Was ein findiger Geschäftsmann im Allgäu vorgemacht hat, erobert derzeit ganz Deutschland: die sogenannten Secret- oder Mystery-Pack-Automaten.
Doch wie funktioniert das eigentlich? Rund 530 Millionen Retourensendungen sollen laut einer Studie der Uni Bamberg zum Beispiel im Jahr 2021 in Deutschland unterwegs gewesen sein, damit hat Deutschland europaweit die höchste Retourenquote. Dazu kommen Pakete, die nicht zugestellt werden können, etwa weil die Adresse nicht stimmt. Eben jene Päckchen landen bei der neuen Geschäftsidee in Automaten. Gut verpackt, ohne einen Hinweis auf deren Inhalt. Dort können wagemutige Kunden sie dann für einen Festpreis erstehen – und für ihr Geld von einem Päckchen Kaugummi bis hin zum neuesten Smartphone alles ergattern, was die Welt des Online-Shoppings hergibt.
Mystery Pack Automat: Der gewisse Kick
„Ich schaue eigentlich nie Fernsehen, aber ich habe zufällig diese Doku bei Galileo gesehen und ich wusste sofort, dass ich das auch machen will“, erzählt Barbara Galvanek. „Das hat mich richtig gerissen, einfach wegen dieses Kicks. Das ist wie beim Lotto, das hat mich gereizt.“ Genau dieser Kick dürfte auch für die Kunden der ausschlaggebende Aspekt sein, wenn Galvaneks erster Automat am Montag im Kaufland Höchstadt in Betrieb geht.
Zehn Euro müssen Kunden hier einwerfen, was sie dafür bekommen, weiß niemand vorher – auch Barbara Galvanek nicht. Neun Paletten hat sie zu Beginn von Großhändlern bestellt. Wie groß dabei die Versuchung ist, Pakete aufzureißen? Die Unternehmerin lacht. „Wir haben bei der ersten Lieferung mal eine Qualitätskontrolle gemacht“, erzählt sie.
Stichprobenartig hätten sie und ihre Kinder dabei einige Pakete geöffnet, defekte Ware direkt aussortiert. „Ich musste am Anfang einfach mal reinschauen und sichergehen, dass ich da nicht verarscht werde. Wir saßen bis halb zwei Uhr nachts in der Garage.“ Den Großteil des Inhaltes bekommt aber auch sie nicht zu Gesicht, bevor er im Automaten landet, viel zu groß wäre der Aufwand. „Aber wenn ich merke, dass da was nicht passt oder kaputt klingt, nach Scherben oder so, nehme ich das direkt raus. Ich will nicht, dass die Leute Schrott bekommen, da habe ich nichts davon.“
Gewinn durch hochpreisige Artikel möglich
Beim Termin mit Barbara Galvanek dürfen wir vom FT ein paar Päckchen probehalber öffnen. Die Ausbeute ist dabei durchwachsen: Von Namensaufklebern, die wohl nie beim Adressaten „Akim“ angekommen sind, bis zum Fischerzubehör im Wert von 180 Euro ist alles Mögliche dabei. Brauchen kann man die Dinge nicht unbedingt, wenn man nicht zufällig passionierter Fischer oder Motorradtüftler ist. „Aber“, wirft Galvanek ein, „man muss ja auch bedenken, dass man alles, was man nicht selbst brauchen kann, einfach weiterverkaufen kann.“ Und tatsächlich – eine kurze Recherche auf einschlägigen Gebrauchtwarenportalen zeigt: Bei manchen der Artikel könnte man gute Gewinne erzielen, wenn man die zehn Euro Starteinsatz abzieht. Eine Garantie dafür, dass hochpreisiges technisches Equipment dabei herauskommt, gibt es aber nicht.
Was für den einen den gewissen Kick ausmacht, kann für andere aber auch problematisch sein, immerhin steht der Automat im Kaufland öffentlich zugänglich für Kinder und Jugendliche. Ein Aspekt, über den auch Galvanek sich im Vorfeld Gedanken gemacht hat: „Ich habe überlegt, ob wir eine Alterssperre am Automaten machen, dass man sich ausweisen muss wie am Zigarettenautomaten“, berichtet sie.
Inhalt der Pakete ist jugendfrei
Doch eigentlich wolle sie die Jugendlichen, die sicher ihren Spaß an der Einrichtung hätten, nicht generell ausschließen. Also hat Galvanek andere Maßnahmen ergriffen. „Man kann sich von den Lieferanten Bescheinigungen geben lassen, die garantieren, dass alles, was in den Päckchen ist, jugendfrei ist.“ So soll sichergestellt werden, dass auch Kinder den Automaten bedenkenlos nutzen können.
Auch der Glücksspielfaktor ist nicht ganz zu vernachlässigen. „Natürlich spielt ein gewisser Nervenkitzel bei dieser Art von Käufen eine große Rolle“, teilt ein Referent der Verbraucherzentrale Bayern auf Anfrage mit. „Sofern potenzielle Käufer anfällig für eine Risikogeneigtheit sein sollten, sind die Mystery-Packs mit Vorsicht zu genießen.“ Beschwerden über die Automaten habe es bisher in Bayern allerdings nicht gegeben.
Ab Montag können nun also wagemutige Kunden im Kaufland am neuen Mystery-Pack-Automaten ihr Glück probieren und zeigen, ob Höchstadt für den Einkaufstrend bereit ist. Bei aller Nervosität glaubt Galvanek aber an ihr Unterfangen. „Auf TikTok sind die Videos schon total gut angekommen“, erzählt sie freudestrahlend. „Da steckt so viel Arbeit drin, das muss einfach funktionieren.“ Auch weitere Automaten sind schon in Planung – wo, das will die Unternehmerin schon bald verraten.
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