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Auf dem Vormarsch
KI in Unternehmen: Neues Jobwunder für die Region?
Künstliche Intelligenz
Künstliche Intelligenz wird die Arbeitswelt verändern. // Micho Haller
Signet des Fränkischen Tags von Anja Neubert
Mehrwert Magazin
Erlangen / Coburg – In der Berufswelt von morgen formt künstliche Intelligenz die Landschaft in Franken neu. Führende Unternehmen und Experten haben eine klare Erwartung, ob noch genug Arbeit für die Menschen bleibt.

Erschreckend. Verlockend. Furchterregend. Seit ChatGPT auf dem Markt ist, schwanken viele Berufstätige zwischen Euphorie und Furcht. Euphorie ob der Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz. Furcht davor, dass KI den eigenen Arbeitsplatz überflüssig machen könnte. Fast ein Viertel der Beschäftigten in Deutschland erwartet, dass sie von Maschinen oder Technologien ersetzt werden, mehr als jeder Dritte weltweit, wie eine Umfrage von Ernst & Young (EY) mit rund 21.000 Beteiligten ergeben hat, darunter 1.000 Befragte in Deutschland.

Künstliche Intelligenz wird die Arbeitswelt stark verändern

Das Weltwirtschaftsforum (WEF) erwartet den Abbau von 83 Millionen Stellen - unter anderem durch KI-Anwendungen. Betroffen laut WEF-Bericht „The Future of Jobs Report“: vor allem Büro- und Sekretariatskräfte, Bankmitarbeiter, Kassiererinnen und Datenerfasser. Gebraucht wird indes laut WEF mehr Personal im Bereich Datenanalyse, Big-Data, KI-Spezialisten und Cybersicherheit. Und der Rat für Arbeitswelt prognostiziert für Deutschland in den kommenden Jahren den Abbau von rund 5,3 Millionen Stellen - rund 3,6 Millionen davon durch die Digitalisierung, der Rest infolge des demografischen Wandels.

Zeit für einen Schritt zurück: Neu ist die KI nicht. Schon 2016 heißt es in einer Studie, die jetzt Forscher vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (Fraunhofer IAO) für ihre „Handelsblatt“-Analyse „50 Jobs, die sich durch KI verändern werden“ heranziehen:  „KI hat das Potenzial, die Arbeitswelt stärker zu verändern als andere Technologien.“ Nun, das gilt offenbar immer noch, nur dass es deswegen nicht weniger Arbeit geben wird.

KI seit Jahren bei Siemens Healthineers im Einsatz

In der Region wird nicht erst seit dem Aufkommen massentauglicher KI-Anwendungen wie ChatGPT mit KI und Automatisierung gearbeitet. Siemens Healthineers zum Beispiel befasst sich nach eigenen Angaben seit mehr als 20 Jahren mit künstlicher Intelligenz in der Medizin, hat inzwischen über 80 KI-unterstützte Produkte im Portfolio. Das Unternehmen mit Standorten in Erlangen und Forchheim hat Tools im Portfolio, die Messungen für die Bereiche Brustkorb, Prostata, Hirn unterstützen; eine KI-basierte, automatisierte Konturierung der Organe, die vor einer Strahlentherapie gemacht wird, um gesundes Gewebe zu schonen; schnelle 3D-bildgebende Systeme bis hin zu KI-basierten Therapieplänen in der Strahlentherapie.

Wenn KI-basierte Systeme vertrauenswürdig eingesetzt werden, sagt Unternehmenssprecher Heiko Jahr, könnten sie mehr Menschen ein besseres und gesünderes Leben ermöglichen. „Daher verstehen wir KI bereits jetzt und auch langfristig als Chance“, sagt er. „KI ist eines unserer wichtigsten strategischen Fokusgebiete.“ Bei Siemens Healthineers ist man davon überzeugt: „Die Zukunft der Gesundheitsversorgung ist datenbasiert und vernetzt.“

Siemens Healthineers
Das Erlanger Medizintechnik-Unternehmen Siemens Healthineers verbaut schon lange künstliche Intelligenz in seinen Geräten. Auch im Unternehmen selbst kommt KI zum Einsatz. // Siemens Healthineers

Das Unternehmen greift auch für firmeninterne Prozesse auf KI zurück. „KI ist bereits dabei, die Arbeitswelt und die Welt unserer Kundinnen und Kunden zu verändern“, sagt Jahr. Betroffen seien „grundsätzlich alle Jobs, die einen repetitiven und hoch standardisierten Anteil haben. Hier ist zu prüfen, ob die KI die Mitarbeitenden entlasten kann und damit deren Fokus auf wertstiftende Arbeiten verlagert werden kann“, sagt Jahr.

KI verändert vor allem hoch qualifizierte Jobs

„Werkzeuge und Systeme, die auf Künstlicher Intelligenz basieren, haben das Potenzial, die Tätigkeitsprofile vieler Jobs zu verändern“, sagt Dr. Michael Stops vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. „Das Besondere ist, dass davon nun Tätigkeiten betroffen sein können, die eher von Hochqualifizierten ausgeübt werden. Diese Perspektive ist neu“, sagt der Arbeitsmarktexperte. Stops untersucht derzeit mit seinem Kollegen Lennert Peede in verschiedenen Projekten, wie sich Künstliche Intelligenz auf den Arbeitsmarkt auswirken wird.

Beide erwarten deutliche Auswirkungen in der Arbeitswelt. „Werkzeuge und Systeme, die auf Künstlicher Intelligenz basieren, haben das Potenzial, die Tätigkeitsprofile vieler Jobs zu verändern“, sagt der Berufeforscher.

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"Ich glaube in keiner Weise, dass wir durch die KI weniger Arbeit haben werden in den kommenden 20 Jahren, sondern mehr."

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Prof. Thorsten Staake Wirtschaftsinformatiker an der Uni Bamberg

Hinzu kommt, dass nach Auffassung beider Forscher bestimmte Tätigkeiten nicht von KI unterstützt, sondern manchmal sogar übernommen und besser ausgeführt werden könnten. Und dass KI-Anwendungen wie Chatbots die Erwartung schürten, „dass sie im Gegensatz zu älteren, softwarebasierten Systemen insbesondere auch verlässlich kognitive Tätigkeiten verrichten können, die bisher nur dem Menschen vorbehalten waren“. Das treffe auf Berufe im Bereich der Wissensarbeit zu. Dass in diesem Bereich komplette Jobs übernommen werden, halten sie aber für unwahrscheinlich. Die KI entwickele keine menschliche Interaktion, ethisch-moralische Abwägungen, Sozialisierung und selbst persönliche Präferenzen.

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„Ich glaube in keiner Weise, dass wir durch die KI weniger Arbeit haben werden in den kommenden 20 Jahren, sondern mehr“, sagt der Bamberger Wirtschaftsinformatik-Professor Thorsten Staake. Aber woher kommen die Ängste vor einem vermeintlichen Jobfresser KI dann? Vielleicht weil Furcht in Deutschland immer aufkomme, wenn sich etwas verändert, schätzt der Wissenschaftler. Veränderung verunsichert. Ist das nur so ein Gefühl, oder gibt es dafür handfeste Gründe? Vom KI-Einsatz erwartet Staake „ganz überwiegend ganz positive Impulse für den Arbeitsmarkt – gerade für den gut durchmischten Arbeitsmarkt, den wir hier in Oberfranken haben“. Es müssten viele Anwendungen entwickelt und umgesetzt werden.

Die Anwendung von KI in der Wirtschaft ist deutlich älter als die Markteinführung von ChatGPT im vergangenen Jahr. Schon jetzt laufen beispielsweise Tätigkeiten in der Radiologie nach Angaben des Erlanger Medizintechnikherstellers Siemens Healthineers zu fünf bis zehn Prozent KI-unterstützt ab. „KI wird hier bereits an mehreren Stellen unterstützend eingesetzt, wie beispielsweise in der Bildaufnahme, wo KI die Prozesse beschleunigt, die Bildqualität steigert oder optimale Einstellungen vorschlägt“, erläutert Siemens-Healthineers-Sprecher Heiko Jahr. Das alles zum Wohle der Patienten. Denn, so Jahr: „Das führt oft zu einer deutlichen Reduktion der nötigen Strahlen- oder Kontrastmitteldosis und Aufnahmedauer.“

HUK Coburg: Künstliche Intelligenz soll helfen, Datenschätze zu heben

KI kann helfen, so die Vision der Erlanger, diese in entscheidungsrelevantes Wissen umzusetzen und medizinisches Personal zu entlasten. „Während die Anzahl von Scans ansteigt, nimmt die Anzahl an Fachkräften wie Radiologinnen und Radiologen ab. Ohne den Einsatz von Digitalisierung und KI lässt sich diese immer weiter aufgehende Schere nicht bewältigen“, meint Jahr. KI sei also hilfreich bei der Auswertung der Bilder, für wichtige Nebenbefunde. Jahr betont, die letzte Entscheidung müsse beim Menschen liegen, nicht bei der KI. Arbeitsplätze in Gefahr? In diesem medizinischen Bereich augenscheinlich nicht.

Siemens Healthineers setzt KI aber nicht nur in seinen Produkten ein, sondern auch im Unternehmen selbst – um Geschäftsprozesse zu verbessern. „Durch eine automatisierte Analyse von Bestell- und Bezahlprozessen konnte die Bearbeitungszeit von Aufträgen um mehr als 60 Prozent verkürzt werden“, sagt Jahr. „Auch Preisverhandlungen gestalten wir durch KI effizienter.“ In manueller Arbeit koste es sehr viel Zeit, die dafür nötigen Kennzahlen zusammenzustellen und auf dem neuesten Stand zu halten. „Hier unterstützt ein KI-Algorithmus bei der Analyse der Kennzahlen und setzt diese in Zusammenhang mit unseren Marktanteilen und Profitabilitätszielen.“

Auch die HUK Coburg hat keine Berührungsängste mit KI-Anwendungen. „Wir suchen Dich“, „sofort“ und „unbefristet“ - derzeit sucht der Versicherungsriese mit solchen Schlagworten in Stellenanzeigen etwa ein halbes Dutzend Fachleute mit Bezug zu Künstlicher Intelligenz, Automatisierung und natürlich zur Datenanalyse. „Die intelligente Nutzung von Daten erlaubt es uns“, so erklärt die Versicherung in den Anzeigen, „echte Mehrwerte für unsere Kund:innen zu erzeugen – davon sind wir bei der HUK-Coburg fest überzeugt. Der gezielte Ausbau unserer Data-Analytics-Aktivitäten ist daher ein zentrales, strategisches Ziel unseres Unternehmens.“

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Gute Chancen also für alle mit den entsprechenden Schnittmengen in der Biografie - denn ganz klar, Versicherungen verfügen über einen enormen Datenschatz, der mittels KI-Anwendungen weiter gehoben werden soll. Dabei ist künstliche Intelligenz nicht nur für die HUK Coburg wichtig. Sie ist für die Versicherungsbranche generell ein wichtiges Thema, erläutert Unternehmenssprecherin Eva-Maria Sahm. Die HUK bietet unter anderem KI-basierte Auto-Versicherungen. Deren Preis richtet sich danach, ob riskant oder vorausschauend gefahren wird. Fahrwert-Berechnung heißt das. KI kommt überdies zur Anwendung bei der Unfallerkennung, der Schadensdokumentation oder der Analyse von Marketingaktionen. Künftig, so Sahm, könnten KI-Anwendungen im Service eingesetzt werden oder zum Beispiel bei der Arbeitsorganisation.

Künstliche Intelligenz ist nützlich im Handwerk

Bei Technologiekonzernen und Versicherungsriesen mit ihren enormen Datenmengen liegt der Einsatz von künstlicher Intelligenz auf der Hand. Aber auch im Handwerk gibt es Berührungspunkte – zumindest bei den großen Grundstoffherstellern wie Ireks in Kulmbach. Backzutaten für Bäckereien und Konditoreien, Braumalze, Aromen, Speiseeis-Produkte und Agrarhandel. Wie kann künstliche Intelligenz hier nützlich sein? „Für uns ist KI eine Technologie, die uns bei der Erfüllung der Anforderungen und Wünsche unserer Kundinnen und Kunden im Alltag unterstützen kann – wo dies kaufmännisch sinnvoll und technisch machbar ist“, sagt Ireks-Geschäftsführer Dr. Klaus Langer.

Wenn Langer von KI redet, spricht er von Chancen und Risiken zugleich. „An einigen Stellen bei Ireks nutzen wir KI-getriebene Tools schon länger erfolgreich – wie zum Beispiel in der Intralogistik der Produktion.“ Zudem setze das Unternehmen kleinere Pilotprojekte auf, um konkretes Umsetzungswissen zu erwerben und offen und innovativ mit den Möglichkeiten zu arbeiten. Unsicherheiten und mögliche Risiken indes bestünden beim Datenschutz, Urheberrecht sowie Compliance und Ethik. Und wie steht es um die Arbeitsplätze? Klaus Langer ist überzeugt: „Aus unserer Sicht ist KI etwas Unterstützendes, aber nichts, was unseren wichtigsten Erfolgsfaktor, unsere Mitarbeitenden, ersetzt.“

Für Informatiker wird mehr Arbeit erwartet

Viele große Unternehmen in der Region greifen also schon längst auf künstliche Intelligenz zurück. Eine Entlassungswelle infolge von KI-Anwendungen ist bis dato ausgeblieben. In den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit für Juli 2023 ist lediglich ein „jahreszeitlich bedingter leichter“ Anstieg zu verzeichnen, auf eine Arbeitslosenquote von 3,3 Prozent. Und das ist immer noch nahe an der Vollbeschäftigung. Die Auftragsbücher seien voll. Allein, es fehlen vielerorts die Fachkräfte.

Nicht zuletzt deshalb ist der Bamberger Wirtschaftsinformatik-Professor Thorsten Staake überzeugt, dass auch in seinem Feld die KI keine Arbeitsplätze kosten wird. Im Gegenteil. Ein Studium lohne sich mehr als je zuvor. „Mir fällt im Moment niemand mit IT-Bezug ein, in noch so kleinen Branchen, der in Zukunft weniger zu tun hat.“ Die KI entwickle sich nicht von allein, und durch KI gebe es plötzlich viele neue Werkzeuge. Jetzt müsse  überlegt werden, wo und wofür sie eingesetzt würden. Es gebe viel Arbeit bei der Umsetzung. Also stehen auch hier die Zeichen durch den Einsatz von KI eher auf Wachstum und einem steigenden Bedarf an Fachkräften. Staake prognostiziert: „Besonders lohnen sich die Arbeiten an der Schnittstelle zur Anwendung, zum Unternehmen, also die Wirtschaftsinformatik. Da kann jetzt wieder ein neuer Schwung an Ideen umgesetzt werden.“

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Für Arbeitnehmer sei allerdings wichtig, sich auf das einzulassen, was KI an Veränderungen mit sich bringe. Darin sind sich Experten einig. Diese Voraussetzung gilt den Forschern des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zufolge für alle Berufsentscheidungen. „Grundsätzlich würden wir einem jungen Menschen von keinem Ausbildungs- oder Studieninhalt abraten, wenn er sich über die Details ausreichend informiert hat und weiterhin dafür interessiert“, sagen sie mit Blick auf die zu erwartenden Veränderungen in der Arbeitswelt durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz. Und wer schon mitten im Arbeitsleben steht, dem raten die beiden Forscher das, was schon immer galt: lebenslanges Lernen. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssten immer wieder bereit sein, Neues zu lernen, und die Lernfähigkeit selbst aufrechterhalten. Das wiederum dürfte für die Wissensberufe eine lösbare Aufgabe sein.

Für Firmen: KI-Erfahrungszentrum in Hallstadt

„Wir haben hier den Vorteil, dass die Region gut aufgestellt ist, was ihre Unternehmen betrifft“, sagt Professor Thorsten Staake. „Wir haben einen gesunden Mix aus Produktion und Dienstleistung.“ Die Ausgangsposition vieler Unternehmen sei sehr gut. „Sie werden diese Innovation nutzen, um bessere Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln“, so Staake mit Blick auf die sich ausbreitende Nutzung von künstlicher Intelligenz in der Arbeitswelt.

Jetzt geht es auch darum, kleinere Unternehmen in die neue KI-Welt mitzunehmen – ebenso die Menschen, die direkt oder indirekt betroffen sind. Die Universität Bamberg hat in Hallstadt ein KI-Erfahrungszentrum für kleine und mittelständische Unternehmen gegründet. Es soll Firmen in der Region bei der digitalen Transformation unterstützen, um KI-gestützte Fertigungsprozesse kennenzulernen, Anwendungen zu testen und Mitarbeitende zu schulen. In den Landkreisen Kronach und Lichtenfels entsteht zudem ein Technologietransferzentrum „Digitale Intelligenz“. Ziel ist es, die Innovationskraft des ländlichen Raums zu stärken und Technologien der Digitalisierung und KI niedrigschwellig in die regionale Wirtschaftsstruktur transferieren.

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