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Erlangen-Höchstadt
Wirtshaussterben: „Wir müssen die Preise anheben“
Gerda Beßler (links) und Tochter Sonja Dürrbeck stemmen zusammen den Gasthof Lauberberg in Höchstadt. 2016 hat Beßler die  Geschäftsführung an ihre Tochter übergeben.
Gerda Beßler (links) und Tochter Sonja Dürrbeck stemmen zusammen den Gasthof Lauberberg in Höchstadt. 2016 hat Beßler die Geschäftsführung an ihre Tochter übergeben. // Martin Regner
LKR Erlangen-Höchstadt – Fleisch, Servietten, Strom & Co. – Die Ausgaben der Wirte haben sich massiv erhöht. Jetzt hoffen sie auf die Treue ihrer Kunden.

Schon vor der Corona-Pandemie grassierte in Mittelfranken ein Virus, das viele Gaststätten dahingerafft hat – das Wirtshaussterben.

Die Abwanderung des Personals während des Lockdowns und der massive Kostenanstieg seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs hat die Situation noch verschärft. Auch im Landkreis Erlangen-Höchstadt fürchten immer mehr Wirte um die Zukunft ihrer Häuser.

Gerda Beßler ist seit 43 Jahren Wirtin des Gasthaus Lauberberg in Sterpersdorf. 2016 hat die Vize-Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbands Erlangen-Höchstadt die Geschäftsführung des Lauberbergs an Tochter Sonja Dürrbeck übergeben.

70 Prozent mehr für die Leihbettwäsche

Beßler ist als Seniorchefin weiter im Einsatz und das meist sieben Tage die Woche. „Meine Tochter und ich kommen auf gut 15 Arbeitsstunden am Tag“, sagt Beßler.

Der Anstieg der Preise sei für den Hof eine große Belastung. „Fleisch ist bis zu 30 Prozent teurer geworden, die Bettwäsche für unsere Zimmer kostet inzwischen 70 Prozent mehr als vor Corona“, sagt Beßler. Sogar das Klopapier strapaziere die Kassen. „Wir müssen mitziehen, um zu überleben“, sagt Beßler.

Die Schreckensvision von Wirtin Gerda Beßler: Ein  leerer Restaurantsaal im Gasthof Lauberberg.
Die Schreckensvision von Wirtin Gerda Beßler: Ein leerer Restaurantsaal im Gasthof Lauberberg. // Sonja Dürrbeck/Archiv

Dass das Einzelzimmer am Lauberberg pro Nacht seit kurzem 45 Euro statt 40 Euro kostet, sei eine vorsichtige Steigerung. „Das können wir nur machen, weil wir selbst so viel arbeiten.“ Jetzt hofft die Wirtsfamilie, dass ihre Kunden trotz höherer Preise weiter zu ihnen kommen. „Noch gehen die Leute essen.“

Beßler ist froh, dass sie die Eigentümer des Hofs sind. „Wer aktuell noch 3000 Euro Pacht pro Monat oder mehr zahlen muss, ist verloren.“ Ihre Familie werde den Lauberberg auf keinen Fall aufgeben. „Ich bin jetzt 43 Jahre Wirtin. Diese Krise stehe ich auch noch durch.“

„Wir haben keine Wahl“

Melina Alexiou, Wirtin der Gasthäuser Zum Roten Ochsen und Corfu in Herzogenaurach, denkt wie Beßler mit Schrecken an ihre wöchentlichen Ausgaben. „Wir haben vor Corona pro Woche 1000 Euro für Fleisch bezahlt, jetzt sind es über 1400 Euro, aber wir können deswegen trotzdem nicht nur vegane Bratwürste anbieten“, sagt Alexiou.

Die 41-Jährige hat den Roten Ochsen 2019 gemeinsam mit ihrem Bruder übernommen. „Zwölf Monate später ging die Pandemie los und letztes Jahr dann der Krieg.“

Die Kunden haben selbst weniger Geld

Trotz der Sorge um ihre Besucherzahl hätten sie und ihr Bruder keine Wahl: „Wir müssen mit den Preisen hochgehen, auch wenn die Kunden dann nur noch ein Mal statt zwei Mal im Monat kommen. Sie selbst verdienen schließlich keinen Cent mehr“, sagt Alexiou.

Sie hofft auf eine Unterstützung der Regierung für die Gastronomiebranche. „Vielleicht dürfen Wirte ihre Schulden wieder in Raten bezahlen, dann werden mehr von uns überleben.Was sollen die Herzogenauracher denn machen, wenn alle Gasthöfe im Ort schließen? Jeden Abend zuhause sitzen und fernsehen?“

Wirtshäuser sind Teil der Kultur

Durch das Wirtshaussterben verlieren Immer mehr Dorfgemeinschaften ihren Mittelpunkt. Viele Menschen sehen die bayerische Wirtshauskultur bröckeln. Zu Recht: Schon seit Ende der 1960er Jahre werden die klassischen Wirtschaften im Freistaat immer weniger.

Dabei haben die Gasthöfe seit Jahrhunderten einen hohen sozialen und kulturellen Stellenwert im ländlichen Raum. Dort fungiert die Dorfwirtschaft als Treffpunkt aller sozialen Schichten.

Wirtshäuser dienen als Ort der Geselligkeit, als Plattform zum Austausch. Hier werden Hochzeiten gefeiert, trauert man um verlorene Angehörige, trifft Freunde und Bekannte. Nicht zu vergessen die Besuche zum Karteln oder zum Mittagessen mit der Familie an Ostern und Weihnachten.

Seit Jahren im Sinkflug

Der „Heimatstil“ mit seinen Holzvertäfelungen, Kachelöfen, Jagdtrophäen und Wandmalereien steht noch heute für die Gemütlichkeit. Am Stammtisch politisierte man gern – vom Gemeinderat bis zum Landtagsabgeordneten.

Doch die Zahlen sind nicht gut: Seit Jahren ist das bayerische Wirtshaus im Sinkflug. Ein Viertel beträgt der Rückgang in den vergangenen fünfzehn Jahren. Aktuell werden 3736 Wirtshäuser im Freistaat gezählt, fast 19.000 weniger als im Jahr 1960.

Kabarett zur Unterstützung der Wirte

Um die Krise zu überstehen, überlegen sich die Wirte kreative Modelle, doch jede noch so neue Idee ist nutzlos, wenn die Gäste ausbleiben.

Die Herzogenauracher Kabarettistin Emmi Weiß will die Gastgeber unterstützen. „Mit jedem Wirtshaus stirbt ein Stück Tradition und wird die Gemeinschaft in ihrer Substanz bedroht“, sagt Weiß.

Die Herzogenauracher Kabarettistin Emmi Weiß will gemeinsam mit Musiker Fritz Rabenstein wieder Menschen in die Wirtshäuser im Landkreis locken.
Die Herzogenauracher Kabarettistin Emmi Weiß will gemeinsam mit Musiker Fritz Rabenstein wieder Menschen in die Wirtshäuser im Landkreis locken. // Hermann Weiss

Mit ihrem Kabarettprogramm „Alles kloar wie Gleesbrüh“ will sie, begleitet von Teufelsgeiger Fritz Rabenstein, den Kampf gegen das Virus Wirtshaussterben aufnehmen.

Am 22. April treten die beiden im Rezelsdorfer Landgasthof Lunz auf. Dazu gibt es Glees, Rohe Klöße, Speckknödel und vieles mehr von der „Diplom-Knödelkönigin“ Barbara Lunz. Und zwischen den Gängen serviert Weiß ihre fränkischen Mundartspezialitäten. Was will man mehr?

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