Direkt gegenüber der Weka tut sich mitten auf dem Kronacher Gehsteig plötzlich eine moralische Stolperfalle auf. Sandra Martin kniet auf dem harten Asphalt. Die 50-Jährige schreibt mit Straßenkreide Buchstaben auf den Boden. Keine Werbesprüche, keine politischen Parolen, sondern wuchtige Bibelzitate. Wer hier entlangläuft, muss sich in Sekundenbruchteilen entscheiden: Ausweichen, stehen bleiben – oder Gottes Wort im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen treten? Die Szene polarisiert sofort. Kopfschütteln trifft auf Faszination, Irritation auf Neugier.
Ein Glaube, der hart auf die Probe gestellt wurde
Für Sandra Martin stellt sich die Frage nach der Nutzbarkeit des Gehwegs nicht. Sie treibt ein völlig anderes Motiv an. „Ich arbeite für Gott“, sagt sie pragmatisch. Seit rund 20 Jahren betreibt die 50-Jährige diese Form der Straßenmission. Ihre Kreide-Zitate finden sich nicht nur in Kronach, sondern tauchen regelmäßig auf öffentlichen Flächen in Bamberg, Coburg, Lichtenfels, Küps und sogar Berlin auf. Welche Verse sie notiert, entscheidet sie nicht rational; die Worte werden ihr „ins Herz gelegt“. Die Arbeit auf den Knien bringt ihr inneren Frieden. Es ist ein Glaube, der hart in der Realität erprobt wurde: „Ich bin oft gefallen und Jesus hat mir jedes Mal dabei geholfen, wieder aufzustehen. Jesus liebt alle Menschen und will sie retten.“
„Wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund“
Doch wie geht die offizielle Kirche mit einer solchen charismatischen Aktion auf offener Straße um? Der Kronacher Stadtpfarrer Albert Müller sieht das Zögern der Passanten vor der Weka theologisch absolut gelassen. Dass die Verse auf dem Boden von Einkäufern unweigerlich betreten werden, hält er nicht für respektlos. Vielmehr handle es sich hier um einen persönlich geformten Glauben, der in erster Linie auf Jesus aufmerksam machen soll.
Kritisch sieht der Geistliche die Aktion deshalb nicht. „Das gehört zum Recht auf Glaubensfreiheit“, ordnet er ein. Maßgeblich im christlichen Glauben sei die persönliche Beziehung – wie sich diese äußere, bleibe jedem selbst überlassen. Er verweist auf ein altes Sprichwort: „Wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund.“ Er erinnert in diesem Kontext an eine ostdeutsche Stadt, in der das „Vater unser“ an den Stufen einer Treppe angebracht war.
Die Kirche als massiver gesellschaftlicher Faktor
Eine rote Linie zieht der Pfarrer allerdings bei der Akzeptanz der Mitmenschen: Sollte sich jemand durch die Kreide-Aktion massiv gestört oder „auf den Schlips getreten“ fühlen, wäre das nicht mehr im Sinne der Kirche. Grundsätzlich sei man aber gehalten, den Glauben zu verkünden, „ob gelegen oder ungelegen“. Wenn die Kreide auf dem Asphalt zum Nachdenken anrege, sei das im Sinne des Erfinders.
Dass im Jahr 2026 der Glaube fast vollständig aus dem öffentlichen Straßenbild verschwunden ist, verleiht der Aktion von Sandra Martin unfreiwillig Gewicht. Der Stadtpfarrer bezeichnet dieses sichtbare Glaubensbekenntnis als bemerkenswert und positiv. „Die Kirche ist als große Institution in der Region zwar ein massiver gesellschaftlicher Faktor – wird in ihrer täglichen Arbeit aber kaum noch als solcher wahrgenommen.“
Eine Botschaft, die bis zum nächsten Regenschauer bleibt
Die Kirche stehe hinter der Caritas, den Altenheimen, der ambulanten Pflege, der Seelsorge und allein 13 Kita-Einrichtungen im Landkreis Kronach, in denen das christliche Menschenbild vermittelt werde. „Viele Menschen nehmen dieses Engagement schlichtweg als selbstverständlich hin“, so der Pfarrer. Gleichzeitig erreiche man über die üblichen, klassischen Kanäle im direkten Kontakt immer weniger Menschen.
Dass jemand seine Liebe zu Jesus unübersehbar auf die Straße schreibt, findet er daher eine gute Sache. Er selbst hat die Kreide-Verse in Kronach längst entdeckt, kennt Sandra Martin und wurde auch schon häufiger darauf angesprochen. Die theologische Freigabe für den Kronacher Gehsteig hat Sandra Martin damit offiziell – spätestens, bis der nächste Regen die Botschaft wegwäscht.














