Am 23. Mai in Fladungen im Landkreis Rhön-Grabfeld, vor wenigen Tagen in Erlangen: Kriminelle sprengen Geldautomaten in Banken und sorgen für enorme Schäden. In Fladungen etwa beträgt der Schaden voraussichtlich mehrere hunderttausend Euro, weil das Gebäude durch die Detonation erheblich beschädigt wurde.
Solche Sprengungen sind nicht neu, haben aber nach Ansicht von Markus Merz einen Wettlauf mit den Verbrechern ausgelöst. Denn für den Regionalpräsidenten der VR-Banken in Unterfranken ist es wichtig, dass die Geldhäuser bei ihren Schutzmaßnahmen gegenüber den Kriminellen immer die Nase vorn haben.
Eingesetzt wird etwa eine Technik, die die Geldscheine im Automaten bei der Sprengung verfärbt und unbrauchbar macht. Doch solche und andere Maßnahmen seien in mehrfacher Hinsicht ein schwieriges Unterfangen, sagt der 56-Jährige, der auch Vorstandsvorsitzender der VR-Bank Main-Rhön ist, zu der die Filiale in Fladungen gehört.
Welche Konsequenzen haben Sie aus der Geldautomatensprengung in Fladungen gezogen?
MARKUS MERZ: Wir werden die Gefährdungsanalyse, die wir sowieso schon hatten, überprüfen. Damit wollen wir sichergehen, dass wir nicht noch weitere Gefahren haben. Das macht auch das Landeskriminalamt. Die Polizei wird Rückschlüsse ziehen und sicherlich in der Region nachts mit höherer Frequenz zu den Geldautomaten fahren. Nur mit der Kombination solcher Maßnahmen wird es gelingen, Täter abzuschrecken und das Problem langfristig zu lösen.
Wie wollen Sie die Sicherheit rund um Ihre Geldautomaten verbessern?
Alle drei Jahre überprüfen wir unser Filialnetz in dieser Hinsicht. Wegen verringerter Nutzungszahlen haben wir in diesem Jahr vor, einige Geldautomaten abzubauen oder auszutauschen. Dort, wo wir zum Beispiel drei Automaten haben, rechnen sich meistens nur noch zwei. Das hat die Nutzungsanalyse im vergangenen Jahr eindeutig ergeben. Es entstehen dabei keine Komforteinbußen für die Kunden.
Das ist aber keine direkte Folge des Vorfalls in Fladungen...
Genau. Eine solche Analyse wird permanent gemacht. Die Folge aus Fladungen ist eher, dass sich durch die erhöhten Sicherungsmaßnahmen, die wir peu à peu einbauen, jeder Geldautomat für uns verteuert.
Inwiefern?
Die Verschlusstechnik kostet viel Geld und ist nicht einfach einzubauen. Denn es muss gewährleistet werden, dass sich um 23 Uhr, wenn die Tür verschlossen wird, niemand mehr im Raum befindet. Das wäre ein Problem der Haftung und darf natürlich nicht sein.
Außerdem führen die teure Einfärbetechnik des Geldes in den Automaten sowie die vielleicht geringere Bestückung mit Geld und damit die geringere Kundenfrequenz dazu, dass der Geldautomat an sich für uns in der Kalkulation anders zu bewerten ist. Deshalb ist zu überlegen, wo wir überhaupt noch einen Geldautomaten betreiben. Hinzu kommt, dass viele Kunden ihr Handy für Bankgeschäfte nutzen oder sich an die Kartenzahlung gewöhnt haben.
Um wie viel teurer ist ein klassischer Geldautomat für Ihre Bank geworden?
Wenn man einen Standort mit der vollen Technik ausstattet, ist es im Vergleich der vergangenen vier, fünf Jahren eine Verdoppelung der Kosten.
Wie hoch der Schaden in Fladungen ist, war zunächst unklar. Wissen Sie es jetzt?
Man kann ihn immer noch nicht beziffern. Sicher ist: Das Verhältnis zwischen dem, was die Täter erbeuten, und dem Sachschaden, ist in der Regel eins zu drei bis vier. Das weiß ich aus Zahlen vom Landeskriminalamt.
Was heißt das für Fladungen?
Das wissen wir noch nicht. Unsere Versicherung wird in diesen Tagen nach Fladungen kommen und bringt einen Statiker mit. Das Gebäude ist nicht einsturzgefährdet, aber es haben sich an wichtigen Stellen im Beton Risse gebildet, die überprüft werden müssen.
Ist die VR-Bank Main-Rhön komplett gegen diese Schäden versichert?
Grundsätzlich ja. Aber wenn viele Schäden zusammenkommen, werden die Beiträge erhöht. Das ist immer so. Insofern werden wir indirekt an einem gewissen Schaden hängenbleiben.
Das klingt nach einem schleichenden Ende der Geldautomaten. Bis wann werden die VR-Banken in Unterfranken noch Geldautomaten haben?
Zum einen werden die Kosten für diese Automaten höher, zum anderen werden deren Nutzung und Ertrag wesentlich geringer. Natürlich gilt: Wir sind Regionalbanken. Wir haben mit diesen Automaten in den vergangenen Jahren, nein Jahrzehnten, schon immer eine Quersubvention betrieben. Wenn die Lücke aber immer größer wird, müssen wir immer mehr Geldautomaten abbauen.
Wann also machen die VR-Banken komplett Schluss mit Geldautomaten?
Das hängt davon ab, wie wir in Deutschland mit Bargeld umgehen wollen. Es gibt etwa Politiker, die sagen: „Bargeld brauchen wir bis in alle Ewigkeit.“ Ich weiß nicht, ob das der Fall sein wird. Ich sehe eher eine Tendenz wie in den nordischen Ländern oder wie in den Niederlanden, wo aufgrund von Sprengungen die Zahl der Geldautomaten massiv reduziert wurde. Deutschland ist nach wie vor sehr Bargeld-affin. Deshalb kann man nicht sagen: In fünf Jahren gibt es keine Geldautomaten mehr. Aber ihre Stückzahl wird sich deutlich reduzieren.
Wie schützen sich die Banken in Unterfranken gegen Geldautomatensprenger?
Ich gehe davon aus, dass in Bayern inzwischen die Hälfte der Geldautomaten zum Beispiel mit Einfärbetechnik versorgt ist. Tendenz: stark steigend. Allerdings ist diese Technik in vielen Fällen derzeit wegen Lieferengpässen nicht zu bekommen.
Die Kriminellen werden wohl wissen, was beim Schutz der Geldautomaten der aktuelle Stand ist. Wohin führt also der Weg?
Es ist für die Banken immer ein Hase-und-Igel-Spiel, denn die Verbrecher sind sehr professionell. Sie überlegen sich permanent, wie sie solche Sicherheitstechniken umgehen können. Selbst wenn wir eine Filiale mit Geldautomaten von 23 bis 6 Uhr schließen würden: überall sind Glasscheiben. Die Verbrecher schmeißen sie einfach ein, um einzudringen. Dennoch: Je mehr Barrieren man hat, umso besser.
Welcher Gefahr sind Kunden ausgesetzt?
Wir versuchen alles Mögliche, diese Gefahr von Kunden wegzubringen. Die Sprengungen finden meistens nachts statt, wenn in und um die Filialen nur wenige Menschen unterwegs sind. Viele VR-Banken halten zum Beispiel in eigenen Gebäuden Wohnungen leer, die direkt über Geldautomaten sind. Allein in Rhön-Grabfeld sind das zwei, drei Wohnungen. Wir wollen keinerlei Gefahr eingehen.
Die Polizei hat beobachtet, dass Automatensprenger hauptsächlich Filialen heimsuchen, die in der Nähe von Autobahnen liegen, um schneller abhauen zu können. Fladungen fällt hier aus dem Raster. Müssen die Banken in der Region befürchten, dass die Verbrecher nun auch ins abgelegene Hinterland vordringen?
Ich kann das nicht bestätigen, aber auch nicht verleugnen. Es hängt von der Tätergruppe ab. Sie haben immer schnell ein Muster, wie sie sich bewegen. Solange die Verbrecher nicht gefasst sind, machen sie weiter. Fladungen – weit weg von der Autobahn und mit verwinkelten Straßen - war ein absolut untypisches Verhalten. Das hat uns das Landeskriminalamt bestätigt. Wenn man die Täter von Fladungen fasst, ist der Nachahmer-Effekt mindestens für die Region bald vom Tisch.












