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Unterfranken ist Spitzenreiter
Selbsthilfefreundliche Klinik: Was die Patienten davon haben
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Christina Flurschütz (links) und Irena Težak haben einen Austausch selbsthilfefreundlicher Krankenhäuser organisiert. // Thomas Obermeier
Signet des Fränkischen Tags von Folker Quack
Würzburg/Lohr/Bad Kissingen/Haßfurt
Würzburg/Lohr/Bad Kissingen/Haßfurt – Klinik- und Selbsthilfevertreter aus ganz Bayern kamen zum Austausch nach Würzburg. Welche neuen Krankenhäuser selbsthilfdefreundlich werden wollen und warum.

Die Selbsthilfekoordination (SeKo) Bayern, die ihren Sitz in Würzburg hat, organisierte erstmalig einen bayernweiten Austausch selbsthilfefreundlicher Krankenhäuser und Vertretern solcher, die das gerne werden würden. Unterfranken ist hier Spitzenreiter in Bayern. Was aber hat der Patient, was die Klinik davon?

Ein Interview mit den Organisatorinnen des Treffens, Irena Težak und Christina Fluschütz von der SeKo Bayern. Sie berät und vernetzt Selbsthilfekontaktstellen und Selbsthilfegruppen.

Welche Krankenbhäuser in Unterfranken sind selbsthilfefreundlich?

CHRISTINA FLURSCHÜTZ: Bayernweit sind das neun Kliniken, davon fünf in Unterfranken: das Universitätsklinikum Würzburg, die Rehaklinik „Am Kurpark“ in Bad Kissingen, seit Mai dieses Jahres das Klinikum Würzburg Mitte in Würzburg, die Haßberg-Kliniken und das Bezirkskrankenhaus Lohr am Main. Lohr war übrigens die erste psychiatrische Klinik, die sich angeschlossen hat. 

Wie bekommt man diese Auszeichnung?

IRENA TEŽAK: Man muss acht Qualitätskriterien erfüllen, die bundesweit festgelegt sind. Um die Auszeichnung zu bekommen, muss man sich beispielsweise zum regelmäßigen Austausch mit einer Selbsthilfekontaktstelle und der Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen verpflichten. Die Selbsthilfe muss zudem im Klinikum sichtbar sein und es muss regelmäßige Treffen und gemeinsame Aktionen geben. Die Auszeichnung gilt für drei Jahre und wird dann erneut überprüft. Das Gute daran ist, dass sich ein Krankenhaus verpflichtet, regelmäßig mit Selbsthilfegruppen zu tun zu haben.

Welchen Vorteil hat der Patient eines Krankenhauses, das die Auszeichnung „Selbsthilfefreundlich“ trägt?

TEŽAK: Er kommt schneller an für ihn wichtige Informationen. Wenn zum Beispiel ein Patient nach einer Darmoperation einen künstlichen Ausgang erhält, bekommt er auf Wunsch noch am Krankenbett eine kompetente Beratung der zuständigen Selbsthilfegruppe. Vorteil der Selbsthilfe bei chronischen Erkrankungen ist, dass neben den medizinischen und therapeutischen Fragestellungen auch Alltagsfragen von selbst Betroffenen beantwortet werden. Fragen, die man vielleicht nicht unbedingt mit einem Arzt besprechen will.

Habe ich als Patient auch einen Vorteil, wenn es für meine Erkrankung gar keine Selbsthilfegruppe gibt?

TEŽAK: Auf jeden Fall. Diese Kliniken sind patientenfreundlicher aufgestellt. Durch ihren regelmäßigen Austausch mit den Selbsthilfekontaktstellen können sie herausfinden, ob es nicht vielleicht irgendwo doch schon eine Gruppe gibt und sich mit ihr vernetzen. Und wenn nicht, helfen Selbsthilfekontaktstellen Betroffenen, die das wollen, eine Selbsthilfegruppe zu gründen.

Der Austausch unter Betroffenen ist das Wichtigste an Selbsthilfegruppen. Wie funktioniert das im Klinikalltag?

FLURSCHÜTZ: Die Klinik stellt beispielsweise Räume für den Austausch zur Verfügung, wo Gruppen sich treffen. Manche Selbsthilfegruppen bieten auch feste Beratungszeiten an. Die Kontaktstellen bieten Sprechstunden an.

Welche Rolle spielen die Klinikmitarbeiterinnen und -mitarbeiter?

FLURSCHÜTZ: Das geht schon bei den hausinternen Fortbildungen los, wo die Selbsthilfe als Thema, aber auch ganz praktisch einbezogen wird. Eine ausgezeichnete Klinik muss eine Selbsthilfe-Beauftrage haben, die mit den Mitarbeitern und den Kontaktstellen im regen Austausch steht.

Gibt es gute, gelebte Praxisbeispiele?

FLURSCHÜTZ: An der Uniklinik Würzburg gibt es beispielsweise einen Arbeitskreis aus Selbsthilfe und Klinikpersonal, der gemeinsam Projekte plant und initiiert. Zum Beispiel einen gemeinsamen Spaziergang am Main unter dem Motto: „Komm, wir gehen ein Stück des Weges gemeinsam“. In ungezwungener Atmosphäre kommen Mitglieder und Interessierte an Selbsthilfegruppen zusammen. Oder das Selbsthilfecafé einmal im Monat am Bezirkskrankenhaus Lohr. Dort kommen Patienten, Mitarbeiter und Selbsthilfevertreter zusammen.

Was hat ein Krankenhaus davon, die Auszeichnung „Selbsthilfefreundlich“ zu bekommen?

TEŽAK: Wenn ein Haus mehr Patientenorientierung haben will, fortschrittlich sein will und Patienten auf Augenhöhe ansehen möchte, kommt es an der Selbsthilfe nicht vorbei. Das sind die Expertinnen und Experten in eigener Sache. Bei den seltenen Erkrankungen funktioniert das ja schon sehr gut, weil hier die Ärzte sehr viel von ihren Patienten lernen können.

Hat die bessere Vernetzung mit der Selbsthilfe auch wirtschaftliche Vorteile?

FLURSCHÜTZ: Ja, das hat Professor Dominikus Bönsch vom Bezirkskrankenhaus Lohr in seinem Vortag angesprochen: Der Einbezug der Selbsthilfe kann die Behandlungsdauer verkürzen und die Wiederaufnahmerate verkürzen. Im Bereich der Sucht ist es sogar wissenschaftlich erweisen, dass die Rückfallquote deutlich geringer ist, wenn sich Betroffene neben der Behandlung in eine Selbsthilfegruppe begeben.

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