Neue Regeln zur Bezahlung von Hebammen sorgen bundesweit für Ärger. Vor allem freiberufliche Hebammen fürchten massive finanzielle Einbußen, der Hebammenverband warnt vor einer Kündigungswelle. Auch auf einigen Geburtsstationen in Unterfranken herrscht Unruhe. „Wir fürchten, dass wir ein Drittel weniger verdienen“, sagt Michaela Voll, Hebamme im Leopoldina-Krankenhaus in Schweinfurt. „Mein Herz schlägt für die Geburtshilfe und das möchte ich nicht aufgeben, aber irgendwann ist Schluss.“
In Schweinfurt stemmt ein Team aus 22 Beleghebammen rund 1600 Geburten im Jahr - selbstorganisiert, keine ist fest angestellt. Bisher hat das funktioniert, sagt Voll. In Zukunft aber lohne es sich nicht mehr. „Ich befürchte, dass viele Kolleginnen so nicht weiterarbeiten.“
Neuer Hebammenhilfevertrag: Zuschlag, aber mit Einschränkungen
Grund ist der neue Hebammenhilfevertrag, der seit November gilt. Er legt fest, wie viel Hebammen für ihre Leistungen mit den Krankenkassen abrechnen können. Ziel ist laut dem Spitzenverband der Krankenkassen (GKV), die 1:1-Betreuung bei Geburten zu stärken. Dafür wird ein Zuschlag bezahlt, eine Hebamme erhält dann pro Stunde 85,40 Euro. Gleichzeitig gibt es weniger Geld, wenn zwei oder drei Frauen parallel betreut werden.
„Das ist gut gemeint, aber so läuft Geburtshilfe in der Realität nicht ab“, kritisiert Hebamme Michaela Voll. „Geburten passieren gleichzeitig, Notfälle kommen dazwischen.“
Den finanziell attraktiven Zuschlag für eine durchgehende 1:1-Betreuung erhalte eine Hebamme nur, wenn sie zwei Stunden vor und zwei Stunden nach der Geburt exklusiv für eine Schwangere da sei. Nicht, wenn eine Frau erst eine Stunde vor der Geburt in den Kreißsaal komme. Auch nicht, wenn die Hebamme eine zweite oder dritte Frau gleichzeitig betreue – selbst wenn es nur für fünf Minuten sei.
Schweinfurter Hebammen: System in der Realität „völlig absurd“
Für Voll und ihre Kolleginnen ist dieses System „völlig absurd“. Als Beleghebammen in einem Krankenhaus erhalten sie in Zukunft nur 80 Prozent des regulären Stundenlohns. Begründet wird das damit, dass sie die Klinikinfrastruktur nutzen und dafür keine Kosten tragen müssten.
„Wenn ich eine Mutter ambulant betreue und mit ihr über das Stillen rede, bekomme ich den vollen Stundensatz“, erklärt Voll. „Aber wenn ich hier Sonntagnacht eine Risikoschwangere mit Schwangerschaftsvergiftung habe, kann ich nur 80 Prozent abrechnen.“ Der Frust ist ihr anzumerken. „Wir tragen als Beleghebammen eine hohe Verantwortung, aber das wird nicht honoriert.“
Für Schwangere wie Nina Ebner ist die Diskussion um eine faire Vergütung belastend. „Man macht sich Sorgen“, sagt die 38-Jährige aus Bergrheinfeld (Lkr. Schweinfurt). Ebner hat bereits zwei Kinder, das dritte soll in wenigen Tagen im Leopoldina-Kreißsaal auf die Welt kommen. „Die Betreuung ist für uns so wichtig“, sagt Ebner. Ohne Hebammen sei eine Geburt schlicht nicht vorstellbar.
Ähnlich groß ist die Verunsicherung in vielen Geburtsstationen in Bayern. Im Freistaat decken Beleghebammen 80 Prozent der Kreißsäle ab. In einigen Kliniken gab es bereits Kündigungen.
In Unterfranken ist neben dem Leopoldina-Krankenhaus zum Beispiel die Klinik Kitzinger Land betroffen. Dort arbeiten neun freiberufliche Hebammen, rund um die Uhr. Der neue Vertrag sorgt auch bei ihnen für Wut und Verzweiflung. Sie fürchten nicht nur finanzielle Einbußen, sondern auch deutlich mehr bürokratischen Aufwand und negative Folgen für die Vor- und Nachsorge.
In großen Geburtsstationen in Unterfranken keine Beleghebammen
Hingegen gibt es in den großen Würzburger Geburtsstationen der Uniklinik und des Klinikums Würzburg Mitte (KWM) sowie im Klinikum Aschaffenburg-Alzenau keine Beleghebammen. In den drei Häusern kommen pro Jahr jeweils über 2000 Kinder zur Welt, die Hebammen sind angestellt.
„Kündigungen im Zusammenhang mit dem neuen Hebammenhilfevertrag gab es bei uns nicht“, sagt eine KWM-Sprecherin. Die Versorgung der Schwangeren sei nicht betroffen. „Ein Versorgungsdefizit für Würzburg wird nicht erwartet“, heißt es auch von der Uniklinik. Schließlich sei parallel zum Hebammenhilfevertrag die Vergütung der angestellten Hebammen aufgewertet worden.
Individuellere Betreuung der Schwangeren
In kleineren Kreißsälen wie in den Haßberg-Kliniken sieht man den Vertrag laut einer Sprecherin ebenfalls gelassen. Das Hebammen-Team arbeitet fest angestellt, betreut wurden im vergangenen Jahr 365 Geburten.
Im Rhön-Klinikum in Bad Neustadt (Lkr. Rhön-Grabfeld) sind alle sieben Beleghebammen der Geburtsstation zum 1. November in eine Festanstellung gewechselt. Das stehe „natürlich in Zusammenhang“ mit dem neuen Hebammenhilfevertrag, erklärt eine Sprecherin.
Das wollen Michaela Voll und ihre Kolleginnen in Schweinfurt nicht, sie schätzen die selbstständige Organisation, die Arbeit ohne festen Stellenschlüssel. Das ermögliche eine individuellere Betreuung der Schwangeren, sagt Voll. Für werdende Mütter sei das Belegsystem nie ein Nachteil gewesen: „Wir konnten schon bisher ein Viertel der Geburten 1:1 betreuen.“
Schweinfurter Hebammen hoffen auf Unterstützung vom Leopoldina
Voll arbeitet seit 2014 im Leopoldina-Krankenhaus und sagt, sie habe sich bewusst für den Kreißsaal entschieden. „Es wäre einfach zu sagen, ich arbeite als Hebamme nur noch außerklinisch ohne Geburtshilfe – aber ich bin hier, weil mir die Geburtshilfe am Herzen liegt.“ Die Begleitung von Frauen während der Geburt sei „unsere Kernaufgabe“, betont Voll. „Das möchte ich nicht aufgeben.“ Nach einem Zögern fügt sie an: „Aber als Hobby ist es zu teuer.“
Der GKV hat Nachbesserungen am Vertrag in Aussicht gestellt, die Vorschläge aber reichen Michaela Voll und ihrem Team nicht. Am Montag wollen die Hebammen in einem Gespräch mit der Geschäftsführung des Leopoldina-Krankenhauses eine interne Lösung finden. „Wir hoffen auf Unterstützung“, sagt Voll. Und wenn es die nicht gibt? Die Hebamme zuckt die Schultern. „So weitermachen wird nicht funktionieren – wir wollen für unsere Leistung 100 Prozent bezahlt werden.“












