Ute Renner ist 58 Jahre alt. Sie hat ein geistiges Handicap und dadurch wenig Chancen, einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt zu bekommen. Über die Lebenshilfe Schweinfurt kam die Bad Brückenauerin in eine Werkstätte der Lebenshilfe in Hammelburg. „Dort habe ich Dinge in Kartons eingepackt oder Schrauben gezählt“, berichtet sie. Eine Aufgabe, die sie nicht gefordert hat. Immer wieder sei ihr gesagt worden, „du gehörst an einen Menschen“ – sprich: in die Pflege.
Über das Projekt „Mensch inklusive“ der Lebenshilfe Schweinfurt eröffnete sich eine Chance für Ute Renner – und für das Kurstift in Bad Brückenau. In der Wohneinrichtung für Seniorinnen und Senioren gibt es auf 17 Etagen 131 Einraum- und 95 Doppelraum-Appartments. Die Bewohner werden dort ambulant gepflegt. Außerdem gibt es eine Station mit 36 Vollpflegeplätzen.
Seit 2023 Teil des Stationsteams
„Die Lebenshilfe ist auf uns zugekommen“, berichtet Geschäftsführer Hans-Karl Diederich über den ersten Kontakt zu Ute Renner. Nach zwei Praktika war den Verantwortlichen des Kurstifts klar: Renner sollte Teil des Teams der Pflegestation werden. Mittlerweile ist sie sei Mai 2023 fester Bestandteil der Station.
Die Integration einer Mitarbeiterin mit Handicap ist mit einem Aufwand verbunden. Ihr zur Seite steht Pflegedienstleiterin Gabriele Stark als Patin, zudem steht das Kurstift regelmäßig im Austausch mit der Lebenshilfe.
Patin ist für die Mitarbeiterin zuständig
„Frau Renner wurde schnell ins Team integriert“, sagt Gabriele Stark. Als Patin muss sie aber darauf achten, dass ihre Mitarbeiterin alle Aufgaben richtig und vollständig erledigt. Denn: Es ist wichtig, dass ihr klare Anweisungen gegeben werden und sie nicht zu viele Aufgaben auf einmal zu erledigen hat. Dafür ist eine Bezugsperson, also eine Patin, zuständig.
Zu den Aufgaben Renners gehört die Körperpflege der Bewohnerinnen und Bewohner, Blutdruck messen, sie zum Essen zu begleiten, Betten machen, Getränke verteilen oder mit ihnen zum hauseigenen Frisörsalon und zur Fußpflege zu gehen. Allesamt Tätigkeiten, für die es in der Pflege oft nur wenig Zeit gibt, wie die Vorsitzende des gemeinnützigen Trägervereins des Kurstifts, Dr. Elisabeth Müller, bestätigt. „Es ist toll, dass jemand dabei ist, der Zeit für die Bewohner hat“, betont Müller.
Ute Renner: „Es macht mir viel Spaß“
Dass Ute Renner mit Leib und Seele dabei ist und ihre Aufgaben mit großer Freude erledigt, bestätigt sie mit voller Überzeugung: „Es macht mir viel Spaß und ich will auf jeden Fall hier bleiben.“
Besonders die große Dankbarkeit der älteren Menschen zeige ihr, dass sie gebraucht werde. „Mir gefällt die Zusammenarbeit im Team und die Atmosphäre im Kurstift“, ergänzt die 58-Jährige. Am liebsten, erzählt sie, „mache ich die Menschen frisch“. Und was macht sie weniger gern? Wie aus der Pistole geschossen sagt Ute Renner: „Da fällt mir nichts ein.“
Der Weg zur Arbeit ist nicht weit
Im Kurstift hat Ute Renner nun die Herausforderung gefunden, die ihr beim Schraubenzählen in der Werkstätte gefehlt hat. Und weit hat sie es zur Arbeit auch nicht: „Zu Fuß brauche ich gerade einmal 20 Minuten. Und bei gutem Wetter kann ich mit dem Fahrrad kommen“, sagt sie lächelnd. Und dann klingelt ihr Stationstelefon. Patin Gabriele Stark hilft ihr, es lautlos zu stellen. Aber klar ist: Die Arbeit ruft – und Ute Renner verlässt das Gespräch, um auf Station wieder Hand anzulegen.
Das Kurstift hat kürzlich die Urkunde sowie das Siegel des Projekts „Mensch inklusive“ erhalten, übergeben von Eva Lieb (Lebenshilfe) und Bad Brückenaus Bürgermeister Jan Marberg (SPD). Geschäftsführer Diederich sieht die Auszeichnung als Beleg für den „Anspruch, den wir den Bewohnern gegenüber haben, ihnen mehr Zeit zu widmen als normalerweise in der Pflege vorgesehen ist“. Nicht ohne Stolz erwähnt der 73-Jährige, der das Kurstift seit rund sechs Jahren leitet: „Wir sind die erste und einzige Einrichtung in Bad Brückenau, die eine Angestellte im Rahmen von ‚Mensch inklusive‘ beschäftigt.“
Weitere Anstellungen sind denkbar
Die Verantwortlichen des Kurstifts können sich durchaus vorstellen, weitere Menschen mit Handicap einzustellen. Anbieten würde sich beispielsweise der Hauswirtschaftsbereich. Dazu Elisabeth Müller: „Die Arbeitsgruppe muss dafür möglichst klein sein und das Arbeitsfeld nicht zu umfangreich.“ Zudem müsse eine weitere Patin oder ein Pate für die Person gefunden werden, die über die gesamte Beschäftigungszeit für sie zuständig ist.
Informationen über die Einrichtung gibt es unter kurstift.org

















