Nein, es muss nicht immer Italien sein. Hinterließen schon zum Kissinger „Bella Italia“ Sommer auch markante Gäste und Tonfolgen aus Skandinavien ihre Spuren, so weht in Bad Brückenau frische Nordlandluft noch stürmischer durch den historischen Kurhaussaal. Dazu präsentieren Geschäftsführer Pavol Tkac und das Bayerische Kammerorchester mit Tianwa Yang eine Violinistin, die auch gleich das ganze Orchester leitet.
Die 1987 in Peking geborene Yang gerät per Zufall in den einzigen Musikkindergarten Pekings, wird früh als chinesisches Wunderkind gefeiert und beginnt schon mit zehn Jahren ein Violinstudium. Sie ist 13, da wird sie in der Presse „Stolz Chinas“ genannt. Heute gehört sie zu den großen Persönlichkeiten der Violine und wird vielfach ausgezeichnet. 2015 mit dem Echo-Klassik-Preis, das verbindet sie mit Anne Sophie Mutter und 2022 erhält sie den ebenso renommierten mit Opus-Klassik-Preis als Instrumentalistin des Jahres.
Seit 2018 hat die Ausnahmegeigerin eine Professur an der Hochschule für Musik in Würzburg inne. Sie hat es also gar nicht so weit ins Staatsbad, aber umso engagierter wirft sie sich in die herausfordernde Aufgabe, denn sie ist gleichzeitig Orchesterleiterin, Konzertmeisterin und Solistin, beginnt unaufgeregt im Ensemble mit der unbeschwerten Serenade für Streicher op.11 des 1986 verstorbenen Dag Virén und da ist von nordischer Kühle nichts zu spüren.
Drei Aufgaben vereint
Immer wieder leuchtet das heitere Grundthema durch, im Andante wird zur vertrauten Melodie der Rhythmus gezupft und die Pizzikati gelingen äußert präzise, weil Yang die Tempi vorgibt und nicht zulässt, dass die Rhythmen verhuscht werden. Was der Neuerer der schwedischen Musik 1937 für das Streichorchester geschrieben hat, braucht keine Bläser, um hohe Aufmerksamkeit zu erreichen. Ein erstes klangliches Ausrufezeichen des homogenen Orchesters!
Als Solistin hat sich die bezaubernde Geigerin aus dem Land der aufgehenden Sonne, Mozarts Konzert für Violine Nr.2 in D-Dur ausgesucht. Auch das nicht allzu oft zu hören, deshalb umso spannender, was Yang und das vielseitige Kammerorchester daraus machen. Aber auch das KV 211 ist eben Mozart mit vielen überraschenden Einfällen, die Yang mit weichem Bogenstrich modelliert.
Konzertreihe mit Charme
Besonders das finale Rondeau mit dem heiteren Dialog zwischen der Violine und den kecken Antworten der Oboe – das Streichorchester verstärken jetzt einige Bläser zum Kammerorchester – ist, weil auch die Blicke hin- und herfliegen, Augen- und Ohrenschmaus.
Die jetzige „Würzburgerin“ bleibt sich treu, stellt sich unprätentiös in den Dienst des Orchesters. Es wäre aber keinesfalls vermessen gewesen, hätte sie ihren technisch hochschwierigen Part als überragende Solistin mit einem kleinen Schritt hin zum Publikum ein wenig stärker betont. Aber der Beifall ist auch so rauschend, erste Bravos hallen durch den Saal, der etwas Intimes hat, weil sich die Besucherinnen und Besucher fast wie in einem privaten Salon fühlen können. Ja, auch der König Ludwig I. Saal mit seiner Geschichte, macht den Charme dieser schönen Konzertreihe mit seinen vielen treuen Anhängern aus.
Yang gibt keck den Spielmann
Nach der Pause die Paraphrase für Streicher, die der 1931 verstorbene Carl Nielsen, der als Erneuerer der dänischen Musik gilt, nach einer mittelalterlichen Volksweise geschrieben hat. Ganz keck gibt Tianwa Yang hier den Spielmann, der mit seiner Musikantentruppe den Marktplatz zum Klingen bringt.
Dann macht sich die Formation auf nach Finnland. Jean Sibelius hat eine Suite für Violine und Streicher geschrieben, dessen ländlicher Melodie des „Country Scenery“ überschriebenen Satzes die Violine der Tianwa Yang fröhlich vorträgt, den Frühlingsabend des Andantino so beschreibt, als zeigten sich erste Blüten, nachdem warme Strahlen das Eis der Bäche geschmolzen hat.
Bravorufe für sympathische Solistin
Im Sommer, beim Vivace wird’s dramatisch, wenn die Violine mit rasanten Läufen den Gewittersturm ausdrückt. Auch hier Trampeln und Bravos für die sympathische Solistin. Zum krönenden Abschluss, der gerne etwas verkannte Edvard Grieg, der seine Suite im alten Stil „Aus Holberg’s Zeit“ dem dänisch-norwegischen Dichter gewidmet hat. Mit klangschönen Dialogen wird die Stimmung der weiten Landschaft erlebbar.
Dafür gibt es stehende Ovationen, die nochmals zwei kleine Zugaben aus dem Programm erfordern, bevor das hochzufriedene Publikum sich zum nächsten Konzert des Kammerorchester wieder verabredet.
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