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Kissinger Sommer 2026
Bravorufe vor dem Schlussakkord
Kissinger Sommer
Geigerin Julia Fischer und ihre Klavierpartnerin Yulia Avdeeva begeisterten das Auditorium. // Julia Milberger
Bad Kissingen – Die Geigerin Julia Fischer und die Pianistin Yulia Avdeeva spielten ein stilistisch interessantes und abwechslungsreiches Programm. Deswegen passten die beiden Protagonistinnen ausgezeichnet zusammen.

Natürlich war es schön, die Geigerin Julia Fischer nach ihrem triumphalen Beethoven-Violinkonzert am Vorabend am nächsten Tag noch einmal, dieses Mal allerdings als Kammermusikerin, zu hören. Mit ihrer Klavierpartnerin Yulia Avdeeva   spielte sie ein stilistisch interessantes und abwechslungsreiches Programm. Es zeigte sich sehr schnell, dass die beiden ausgezeichnet zusammenpassen in ihrer Stilistik und Klangästhetik. Und in der Auswahl ihre Stücke.

Zum Beispiel von Georg Friedrich Händel. Seine Opern und seine konzertante Musik stehen auf allen Spielplänen. Aber seine Kammermusik taucht so gut wie gar nicht auf. So konnte man gespannt sein auf seine Sonate für Violine und Basso continuo D-Dur HWV 371.

Nüchterne Gestaltung

Nicht so sehr auf ihre Konstruktion und Strukturierung, denn da ist sie im Traditionellen geblieben mit ihrer Viersätzigkeit im Wechsel „langsam – schnell – langsam – schnell“. Sondern im Hinblick auf die Artikulation und Klangbildung. Denn für einen Steinway-Flügel hat Händel nicht komponiert. Und erfreulicherweise versuchten die beiden nicht, den etwas knarzigen Ton der barocken Klangbildung anzustimmen, sondern sie betrachteten die Sache sehr nüchtern. Und da sie keine Freundinnen großer virtuoser Gesten sind, setzten sie auf eine nüchterne Gestaltung: Julia Fischer etwa mit Vibrato nur da, wo es gestalterisch Sinn machte, und Yulia Avdeeva mit einem sparsamen Pedalgebrauch, der ihren trockenen Anschlag nicht aufweichte.

Es war eine verlustfreie Modernisierung. Die Emotionalität litt nicht darunter, aber die Deutlichkeit profitierte enorm, die Durchhörbarkeit der harmonischen Strukturen und der mitunter reichen Verzierungen. Und es war gut, dass Yulia Avdeeva sich nicht als dienende Basslinienlieferantin, sondern als Partnerin und durchaus auch als Provokateurin verstand. Auch das war ein Stück Modernisierung.

Kammermusik von Ottorino Respighi hatte es beim Kissinger Sommer auch noch nie gegeben. Normalerweise werden nur seine ganzen „Fontane“ und „Danze antichi“ für großes Orchester gespielt. Und die sind ziemlich monumental. Das hat er auch in seiner Sonate für Violine und Klavier h-Moll nicht aufgegeben. Auch hier zielte er darauf, barocke Strukturen mit romantischer Klangästhetik zu verbinden und damit Musikberge aufzutürmen und starke Effekte zu erzeugen.

Schlusssatz der Gipfel der Dramatik

Die beiden Frauen ließen sich darauf ein, aber mit einer wohltuenden Distanzierung. Die vielen Crescendi wurden erträglich durch eine von der reinen Lautstärke ablenkende Gestaltung; und die leisen Passagen gewannen an Zeit und Zuwendung.

So konnte man dann doch genießen, dass Respighi einige schöne melodische und rhythmische Ecken gefunden hatte. Der Gipfel der Dramatik war der Schlusssatz, eine Passacaglia, von der man eigentlich tänzerische Anklänge erwartet hatte. Aber Julia Fischer und Yulianna Avdeeva mussten die Akkordschaufeln rausholen und auf den Schluss hin Klänge bis zur Hässlichkeit aufhäufen. Warum auch nicht? Auch Musik darf hässlich sein. Die beiden haben sich halt getraut, Respighi ernst zu nehmen.

Dank des Festivalmottos „Mazel Tov“ gab es endlich auch einmal Musik von Mieczysław Weinberg, der nur alt werden konnte, weil Stalin rechtzeitig starb. Seine Sonate Nr. 4 op. 39 entstand zwei Jahre nach Kriegsende. Julia Fischer und Yulianna Avdeeva machten sehr deutlich, dass dieses zweisätzige Werk ein Spiegel seiner damaligen Gemütsverfassung war. Einerseits litt er non unter den Bedrängnissen des Krieges, der Verfolgung, und der Verstörungen, andererseits hatte er aber auch sein privates Glück gefunden. Zum einen waren die beiden Aspekte musikalisch wunderbar plastisch ausformuliert. Zum anderen wurde deutlich , mit welchem Gespür für Melodik, aber auch für rhythmische Raffinesse Weinberg komponieren konnte. Der ungemein delikat musizierte Schluss klang nach versöhnlicher Erlösung, weckte aber auch Zweifel, wie das Leben weitergehen sollte.

Einziger Bekannter des Festivals

Camille Saint-Saëns war der einzige Bekannte des Festivals. Aber neu war seine Sonate für Violine und Klavier Nr. 1 d-Moll von 1885, ein für ihn typisches Werk der postromantischen Belle Époque: auf der einen Seite sehr schöne, durchaus gefällige Melodien, die unter anderem der Sonorität der Violine sehr zugutekommen, auf der anderen Seite Steigerungen und Verkrampfungen bis zum Aggressiven – und das in den beiden Satzpaaren. Es war einfach fabelhaft, wie gut sich die beiden Musikerinnen verstanden, wie sie vorbehaltlos in die zum Teil krachenden Crescendi einsteigen konnten und auch im größten Tumult nicht den Kontakt und die Präzision verloren.

Und man konnte feststellen, dass Saint-Saëns etwas fantasievoller war als Respighi: also nicht nur laut, sondern gestaltend. Am Ende gingen Julia Fischer und Yulianna Avdeeva so sehr zur Sache, dass er opernhaft wurde: Die ersten Bravorufe kamen schon vor dem Schlussakkord.

Als Zugabe spielten Julia Fischer und Yulianna Avdeeva „Melodie“, den letzten Satz aus dem dreisätzigen Werk „Souvenir d’un lieu cher“ („Erinnerung an einen lieben Ort“) von Peter Tschaikowsky.

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