„Möchten Sie ein Stück Kuchen? Oder einen Kaffee? Mit Milch und Zucker?“ Diese einfachen deutschen Sätze werden Tetiana Khomiak und Anna Zinovieva aus der Ukraine künftig ganz oft sprechen. Und hoffentlich noch viel schwierigere. Die beiden Ukrainerinnen gehören zum Café International. Das öffnete am Sonntag erstmals in den Räumen der „Klappe“ in der Altstadt. Die Bestimmung: Menschen verbinden.
Verzweifelte Suche nach einem Standort
Die Geschichte des Café International beginnt mit einer Szene der Verzweiflung. Margit Schmaus saß frustriert in der „Klappe“. Die Kreisgeschäftsführerin des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) fand keinen geeigneten Ort für die „Projektfortsetzung des gut angenommenen Popup-Stores in Bad Kissingen“. In der Scheffelstraße konnten ukrainische Flüchtlinge seit April 2022 vieles von dem bekommen, was sie für einen Neustart brauchten, unter anderem Einrichtungsgegenstände. Ein halbes Jahr lang stand der Laden offen.
Seine Nachfolge sollte ein„ppp“-Projekt antreten, eine öffentlich-private Partnerschaft (public private partnership) mit dem Ziel, einige ukrainische Neubürger in Arbeit zu bringen. 28 Räumlichkeiten inspizierte Schmaus in Bad Kissingen und Bad Brückenau. Entweder waren sie zu teuer, vom Schnitt her oder aus anderen Gründen ungeeignet.
Schließtage der „Klappe“ genutzt
So saß die BRK-Geschäftsführerin ratlos in der „Klappe“. Doch als sie ihr Dilemma deren Betreiberin Tanya Spahn schilderte, kam das rettende Angebot: warum nicht die Tage, an denen die „Klappe“ eigentlich geschlossen hat, nutzen und das Kultlokal in ein Begegnungs-Café verwandeln. „Bei dieser großartigen Idee konnte mein Sozialpädagogen-Herz nicht nein sagen“, erinnert sich Spahn, die bis vor kurzem selbst in der Sozialbetreuung tätig war.
Konkret geht es um Sonntage, Montage und Dienstage, an denen das Café International in Betrieb sein wird. Das Rote Kreuz als Projektträger darf an diesen Tagen nicht nur alle Räume samt Ausstattung nutzen, sondern auch die Theke, die Küche und sogar das Klavier.
Neun Ukrainer machen als Personal mit
Wie Schmaus bei der Eröffnung sagte, hat die BRK-Landesgeschäftsstelle für das zunächst für ein Jahr geplante Café 44.000 Euro Förderung zugesagt – wobei es weder einen bestimmten Umsatz noch Gewinn generieren muss.
Mittlerweile hat das Rote Kreuz – quasi als Personal – neun ukrainische Neubürger unter Vertrag genommen, allesamt wohnhaft in Bad Brückenau und Umgebung. Margit Schmaus sieht das Café International für sie „als Starthilfe in ein neues Leben für aus dem bisherigen Leben gerissene Menschen, die außer ihrem Leben und ein paar Habseligkeiten alles verloren haben“.
Kontakte knüfen und Deutsch lernen
Das BRK wolle mit dieser Idee neue Hoffnung geben, Arbeitsplätze und auch qualifizierte Arbeitskräfte schaffen, sie weiterqualifizieren und vor allem integrieren.
Das bedeutet in der Praxis: Die sieben Ukrainerinnen und zwei Ukrainer lernen die Gastronomie kennen, kommen mit Kunden beziehungsweise Gästen in Kontakt, verbessern in Gesprächen ihre Deutsch-Kenntnisse. Ziel sei nach gelungener Integration „möglichst alle unserer neuen Mitarbeiter dauerhaft in Arbeit zu bringen, möglicherweise im Servicebereich, alternativ auch im Rahmen von freiberuflichen Tätigkeiten bis hin zu Unternehmertum“.
Durch Freunde vom Café International erfahren
Tetiana Khomiak hat über Freunde vom Café International erfahren. Die Frau aus Iwano-Frankiwsk im Westen der Ukraine kam im Frühjahr 2022 nach Deutschland und wohnt in Detter. Eigentlich ist sie Lehrerin, hat zudem ein Wirtschaftsdiplom.
An ihrer neuen Arbeitsstelle möchte sie „Leute und die deutsche Kultur kennenlernen und Kontakte knüpfen“. Deutsch spricht Khomiak schon recht gut. Das Gastro-Geschäft kennt sie aus ihrem Heimatland. Ob sie in der Branche bleiben möchte, weiß sie noch nicht.
Mit verdientem Geld Landsleute unterstützen
Anna Zinovieva, Buchhalterin aus Charkiw, möchte mit dem im Café verdienten Geld vor allem ihre Landsleute in der Heimat unterstützen. Die in Bad Brückenau lebende Ukrainerin kennt Margit Schmaus schon etwas länger.
Im Café International wird nicht jeder Tag gleich ablaufen. An Sonntagen ist es nach außen geöffnet. Ab 14 Uhr nehmen die Mitarbeiterinnen Bestellungen auf, servieren selbstzubereitete Speisen. Am Eröffnungs-Tag waren das „nur“ Kaffee und selbstgemachter Kuchen; typisch ukrainische Speisen kommen hinzu.
An Montagen Zeit für Märchen und Geschichten
An Montagen steht das Café den Mitarbeitern zur freien Verfügung. „Die Idee ist, ihnen eine Möglichkeit zum gemeinsamen Austausch in schöner Umgebung zu geben in einem Lokal ohne Verzehrpflicht“, so Schmaus. Sie sollen sich ungezwungen auf Deutsch unterhalten, Wortspiele in der Sprache ihrer Gastgeber abhalten, deutsche Geschichten und Märchen hören. Alles mit Unterstützung ehrenamtlicher Helfer.
Dieter Seban: Gewinn für Bad Brückenauer Gastronomen
Dienstags ist wieder nach außen offen. Die beiden Männer bieten „Repair-Leistungen“ defekter Geräte an; die Frauen Tätigkeiten wie Nähen, Stricken, Sticken und Häkeln.
Der Stellvertretende Bürgermeister Dieter Seban fand, dass Bad Brückenaus Gastronomen von den im Café geformten Fachkräften profitieren könnten.
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