Der erst 2023 gegründete Flur Verlag will vergessene Klassiker der französischen Literatur – vor allem abenteuerliche und phantastische Geschichten – der heutigen Leserschaft zugänglich machen.
Im September erschien nun der 1907 erstveröffentlichte phantastische Roman „Ungeheuer am Nordpol“ des später mit dem Prix Femina ausgezeichneten Schriftstellers Charles Derennes (1882 bis 1930), übersetzt und mit einem informativen Nachwort ergänzt von Dieter Meier.
Zwangsaufenthalt im Polareis
Dieses Frühwerk phantastischer Literatur basiert auf einer bereits 1906 veröffentlichten Kurzgeschichte des Autors. Zwei Abenteurer, der reiche Adelsspross de Vénasque und der ehrgeizige Wissenschaftler und Ingenieur Ceintras, machen sich mit einem lenkbaren Heißluftballon auf den Weg zum Nordpol.
Sie wollen entdecken, „was menschliche Augen noch nie gesehen haben“. Im Zentrum des ewigen Polareises wird ihr Ballon unerwartet zur Notlandung in einer fremdartigen Welt gezwungen, die von Dinosauriern ähnelnden Lebewesen bewohnt ist.
Diese Wesen sind offenbar intelligent und technisch höher entwickelt als die Menschheit. Während ihres Zwangsaufenthalts versuchen die beiden Abenteurer auf unterschiedliche Weise – ihrem gegensätzlichen Charakter entsprechend – mit den auf sie ungeheuerlich wirkenden Wesen Kontakt aufzunehmen und sich zu verständigen.
Schilderung einer retro-futuristischen Welt
Der Roman liest sich trotz seines Erscheinens vor bereits 120 Jahren überraschend spannend und ist dank der Mischung aus Science-Fiction, Fantasy und der Dampftechnologie der viktorianischen Ära des 19. Jahrhunderts besonders reizvoll. Mit Schilderung einer retro-futuristischen Welt kann „Ungeheuer am Nordpol“ – dies meint Übersetzer Dieter Meier in seinem literaturhistorisch interessanten Nachwort – als Vorläufer des Steampunk-Genres gelten.
Charles Derennes hat nicht nur den zeitgenössischen Stand der Technik in seinen Roman aufgenommen, sondern auch Fakten der damaligen Polarforschung. So finden die beiden Romanhelden in der Welt der Polarwesen eine Art Museum mit einem menschlichen Schädel – möglicherweise dem des schwedischen Polarforschers Salomon August Andrée (1854 bis 1897), der seit seinem Aufbruch zum Nordpol (1897) verschollen war.
Auch werden die Vorbereitungen des amerikanischen Luftschiffers Walter Wellman (1858 bis 1934) im Jahr 1906 erwähnt, der als erster Mensch den Nordpol überfliegen wollte.
Grenzen menschlichen Wissens und Erfahrung
Der für die deutsche Übersetzung gewählte Romantitel „Ungeheuer am Nordpol“ ist allerdings ungeschickt, da er bereits ein negatives Vorurteil über die abseits der menschlichen Welt entwickelten Wesen abgibt. Der französische Originaltitel „Le Peuple du Pôle“ (Das Volk vom Pol) wurde vom Autor wohl bewusst gewählt, um mit der Neutralität in der Wortwahl auszusagen, dass die fremdartigen Wesen eben keine Ungeheuer sind.
Es geht vielmehr um die Grenzen menschlichen Wissens und menschlicher Erfahrung. Genau darin besteht die ungebrochene Aktualität des Romans bis heute. Über allem steht die Frage nach fremdem, intelligentem Leben außerhalb unserer Welt und wie wir Menschen uns bei einer Begegnung verhalten sollen.
Kann Verständigung stattfinden? Wie reagiert der Mensch auf eine unbekannte, intelligente Spezies? In der unterschiedlichen Charakterisierung seiner beiden Protagonisten – der eine abwägend und den Fremden trotz ihres abscheulichen Aussehens eher zugänglich, der andere überheblich, aggressiv und kampfbereit – gibt der Autor plakativ beide Möglichkeiten vor, spricht sich aber zugleich gegen eine zu vermutende Überheblichkeit der Menschen aus: „Ein freier oder auch nur einsichtsvoller Geist wird urteilen, dass der menschliche Standpunkt etwas Ideales oder Absolutes nicht sein kann.“
Schatz aus den Tiefen vergessener Literatur
Als Leser moderner Literatur muss man sich auf den für die damalige Epoche typischen, heute aber ungewohnten Schreibstil mit längeren, verschachtelten Sätzen einlassen. Ausführliche Beschreibungen vor allem zu Beginn des Romans fordern Geduld. Zwar schaffen sie Atmosphäre, lassen aber die Handlung schleppend wirken.
Wer allerdings Klassiker wie Jules Verne oder H. G. Wells schätzt, wird auch diesen Roman gern lesen. Denn gerade der Übergang vom klassischen Abenteuerroman zur modernen Science Fiction wird die Liebhaber historischer Phantastik ansprechen. Mit „Ungeheuer am Nordpol“ ist es dem Flur Verlag gelungen, einen kleinen Schatz aus den Tiefen vergessener klassischer Literatur zu bergen.
Informationen zum Buch: Charles Derennes: „Ungeheuer am Nordpol“, Flur Verlag, Taschenbuch, 256 Seiten, Preis: 22 Euro, ISBN 978-3989651036












