Man muss immer wieder unwillkürlich an George Orwells 1949 erschienenen dystopischen Roman „1984“ denken, in dem in der Überwachungsdiktatur Ozeanien die Liebe des kleinen Beamten Winston Smith zu seiner Kollegin Julia zur Katastrophe wird. Das ist jetzt 42 Jahre her, und wir müssen uns fragen, ob die Welt inzwischen besser geworden ist.
Eine Antwort hat die englische Schriftstellerin Penelope Skinner mit ihrem 2016 in New York uraufgeführten Kammerspiel „Die Trümmer der Zivilisation“ („The Ruins of Civilisation“) gegeben. Und diese Antwort ist nicht geeignet , optimistische Perspektiven zu entwickeln. Denn das Stück betrachtet die moralischen Grauzonen privilegierter Bürgerinnen und Bürger in Zeiten zunehmender globaler Krisen. Die Maßbacher haben jetzt mit diesem Stück die neue Spielzeit im Intimen Theater eröffnet – kein leichtfüßiger, aber wichtiger Start.
Von der Außenwelt isoliert
Die Ausgangssituation ist höchst realistisch. Das Stück spielt in Großbritannien, könnte aber auch in anderen Ländern spielen, die Erfahrungen mit Mauern und Zäunen gemacht haben. Aber UK bietet sich an, weil es ohnehin schon eine Insel ist. Das Land hat sich rundum eingemauert und von der Außenwelt isoliert, um Migranten aus Ländern abzuwehren, die durch die fortschreitende Klimaerwärmung zerstört wurden oder untergegangen sind.
Die einheimische Bevölkerung lebt recht gut, weil sie von der „Regierungsinitiative zur Erhaltung und Pflege von Ressourcen“ Stipendien bekommt. Dafür muss sie sich aber auch strengsten Regularien beugen, nicht zuletzt, um die knappen Ressourcen zu schonen.
Selbstgefälliger Macho
So dürfen sie – den Aspekt greift das Stück auf – keine Kinder bekommen. Nicht einmal wünschen dürfen sie sich welche, sonst verlieren sie die staatliche „Stütze“. Selbst Haustiere sind geächtet.
Hauptpersonen des Stückes sind der selbstgefällige Schriftsteller Silver, der – Stipendium sei Dank – seit neun Jahren an einem Roman herumbastelt, ohne zum Ende zu kommen – wobei offenbleibt, ob er schon über den Titel hinausgekommen ist. Er lässt gerne den Macho und Hausherrn heraushängen, der seiner Frau Dolores sagt, was sie zu tun hat. Die fügt sich, wehrt sich nur mit kleinen Protesten („Das mache ich gleich morgen“).
Die beiden sind gerade von einer natürlich genehmigten Auslandsreise zurückgekehrt, auf der sie direkt mit dem Elend hinter der Mauer konfrontiert wurden. Und sie diskutieren über zwei Erlebnisse, die zumindest Dolores nicht loslassen und die zeigen, wie verschieden die beiden sind.
Einem angefahrenen, verendenden Hund auf der Straße hätte Dolores irgendwie gerne beigestanden, aber Silver bremste nicht einmal ab. Und ein paar heruntergekommenen Kindern am Straßenrand hätte sie gerne etwas geschenkt. Aber auch hier reagierte ihr Mann nicht: „Damit machst du die Welt auch nicht besser.“
Empathische Ehefrau
Die Situation eskaliert, als Dolores Mara, die per Kleinanzeige ihre Dienste als Massagetherapeutin angeboten hat, bucht und ihr, der illegal Eingereisten, ein Zimmer in ihrem Haus anbietet, um ihr zu helfen. Und sie ist geradezu glücklich, als sie erfährt, dass Mara schwanger ist. Sie war von einem Kunden vergewaltigt worden. So kann sie, die selbst gerne Kinder gehabt hätte, aber nicht haben darf, auf den Säugling aufpassen, wenn Mara außer Haus ist.
Auch Silver reagiert typisch: höchst skeptisch, aber auch egoistisch. In Windeseile fertigt er einen Roman über Maras Schicksal. Dass er damit alle vier gefährdet, ist ihm egal. Aber die Realität kommt ihm zuvor: ein Schock für Dolores. Das Kind wird anonym den Behörden gemeldet.
Wer war das? Jemand von außen? Oder Silver? Oder Mara, die plötzlich verschwunden ist? Die Frage der moralischen Verantwortung des Einzelnen ist nicht mehr wegzudrücken.
Drei Protagonisten
Uwe Reichwaldt hat das Stück inszeniert: „Mich reizt an dem Stück, dass es offenlegt, wie wir unbeirrt weiterleben, obwohl wir die Folgen unseres „Weiter so“ längst erkannt haben. Wir wissen, dass wir uns verändern müssten – und entscheiden uns doch immer wieder für das Bequeme statt für das Richtige. Können wir aus uns selbst heraustreten? Und was wäre der Preis?“ Er hat den Konflikt zwischen den drei Protagonisten mit einer sehr differenzierten Personenregie deutlich gemacht, hat ihnen genau die Zeit gegeben, die nötig ist, um klare Konturen zu schaffen und das Scheitern zielstrebig werden zu lassen.
Yannick Rey als Silver ist ein Mensch, der schon aus Bequemlichkeit keine Verantwortung übernehmen will und der nuanciert immer tyrannischer wird, als diese Bequemlichkeit in Frage gestellt wird.
Arroganz und Scheißfreundlichkeit
Anna Schindlbeck ist als Dolores die Hauptbetroffene. Sie würde so gerne Gutes tun, aber sie muss einen Rückschlag nach dem anderen einstecken und versuchen, nicht daran zu zerbrechen. Und Jehanne Worch ist als Mara eigentlich dankbar für Dolores‘ Hilfe, aber sie gewöhnt sich daran, bis sie sich letztlich, nicht überraschend, aus dem Staub macht. Dazu kommt Susanne Pfeiffer als Joy von der Überwachungsbehörde, die zu ein paar (Kontroll-)Besuchen vorbeikommt, und das mit einer Arroganz und Scheißfreundlichkeit, die sich aus ihrer behördlichen Allmacht speist.
Farbig, aber schmucklos
Robert Pflanz hat ein Bühnenbild entwickelt, das jede Emotionalität zulässt: knallweiß die Wände und Möbel, die sich leicht verschieben lassen – und davor ein schwarzes, allerdings sehr weitmaschiges Gitter, das ein Entkommen verhindert – aber die Sicht nicht behindert. Verstärkt wird der Eindruck durch Ruben Landrichters zwar farbigen, aber völlig schmucklosen Kostüme. Fantasie ist hinter der Mauer hat nicht erwünscht, da gefährlich. Uwe Reichwaldt hat schon recht.











