Manuela Rottmann will es noch einmal wissen. Seit 2017 ist die gebürtige Unterfränkin Mitglied des Deutschen Bundestages für Bündnis 90/Die Grünen. Von Dezember 2021 bis Dezember 2022 war sie Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Cem Özdemir. Dieses Amt hat sie zum Jahresende niedergelegt, weil sie für die Grünen am 5. März als Oberbürgermeister-Kandidatin in Frankfurt am Main antritt. In Frankfurt hat sie viele Jahre ihres Lebens verbracht, war unter anderem von 2006 bis 2012 hauptamtliche Dezernentin für Umwelt und Gesundheit im Magistrat von Frankfurt. Wir sprachen mit der Politikerin, die ihr Wahlkreisbüro in Hammelburg hat und inzwischen in Münnerstadt wohnt, über ihre Beweggründe für die Kandidatur.
Frau Rottmann, was macht für Sie den Reiz des OB-Postens aus? Ist Staatssekretärin nicht eigentlich viel „mehr“ und besser für die Karriere?
Manuela Rottmann: Es braucht überall Leute mit Engagement, um etwas voran zu bringen. Die Bedeutung von ehrenamtlichen Bürgermeistern kleiner Gemeinden wird oft unterschätzt, die von Oberbürgermeisterinnen großer Städte aber auch. In der Bundesregierung kann man Rahmenbedingungen verändern. Aber ob wirklich etwas passiert, entscheidet sich vor Ort. Deswegen ist mir der Kontakt zu den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern auch immer besonders wichtig gewesen, egal, von welcher Partei. Der Maßstab für meine eigenen Entscheidungen ist : An welcher Stelle kann ich wie viel verändern, wo mache ich den Unterschied? Karriereträume – ich finde, dafür ist die Politik der falsche Ort.
Sie haben sich immer für Ihren Wahlkreis in Berlin stark gemacht. Wird nicht etwas fehlen, wenn Sie nicht mehr Bundestagsabgeordnete sind?
In den bisherigen fünf Jahren als Abgeordnete habe ich einiges erreicht. Vor allem, in der Bundespolitik Verständnis für die großen Potenziale und die besonderen Herausforderungen auf dem Land zu wecken. So lange ich in Frankfurt Kommunalpolitik gemacht habe, habe ich immer gesagt: Ihr müsst begreifen, dass die Lebensqualität in der Stadt von der Lebensqualität auf dem Land abhängt. Umgekehrt wusste ich aus meiner städtischen Erfahrung, warum junge Frauen viele Jahre aus unserer Region nach Frankfurt und in andere Ballungsräume gezogen sind. Das hat zum Beispiel damit zu tun, dass bei uns der Nahverkehr so schwach ist, dass Frauen sehr lange ihre Kinder fahren müssen. In der Stadt ist das leichter. Ich habe als Bundestagsabgeordnete die Bedeutung Frankfurts für unsere Region immer gesehen. Frankfurt ist für uns viel wichtiger als München: Für unsere Bauunternehmen und Handwerksbetriebe, für den Tourismus, für die Zusammenarbeit bei der Energiewende. Die Bayerische Staatsregierung begreift das leider bis heute nicht. Ich habe als Bundestagsabgeordnete deshalb immer auch den Kontakt mit Frankfurt zugunsten unserer Region genutzt, zum Beispiel in Gesprächen mit der IHK Frankfurt, wie die Nahverkehrsanbindungen nach Bayern besser werden können. Egal wie die Wahl ausgeht: Jede Bürgermeisterin, jeder Bürgermeister aus dem Wahlkreis wird bei mir immer Unterstützung finden.
Welche Vorteile kann es haben, ein OB von außen zu sein und welche Nachteile hat es, keinen Stallgeruch zu haben (wie CDU-Kandidat Becker)?
Ehrlich gesagt bin ich selbst überrascht, wie viele Menschen mich in Frankfurt immer noch auf der Straße erkennen und ansprechen. Ich halte aber Betriebsblindheit für das größere Problem in der Politik als Stallgeruch. Wenn man mal die Perspektive gewechselt hat, sieht man Probleme wieder klarer, an die man sich sonst vielleicht schon gewöhnt hat. Man sieht aber auch, was vergleichsweise gut läuft und nimmt es nicht so selbstverständlich. Viele Menschen wünschen sich ja Politiker, die auch mal in der Wirtschaft gearbeitet haben, die auch wissen, wie man die Interessen einer Kommune auf die bundespolitische Tagesordnung setzt. Das Angebot mache ich ihnen.
Was schätzen Sie an Ihren Konkurrenten?
Mit Uwe Becker, dem Kandidaten der CDU, habe ich schon zusammengearbeitet. An ihm schätze ich, dass er sich als Kämmerer von mir hat von manchem Projekt überzeugen lassen. So konnte ich das große Frankfurter Krankenhaus in kommunaler Hand behalten und den Neubau auch als Passivhaus auf den Weg bringen. Er wird in wenigen Tagen in Betrieb genommen. Ich bin froh, dass dort das Geld, das andere Krankenhäuser für einen hohen Energieverbrauch aufwenden, für eine bessere Versorgung der Patientinnen zur Verfügung steht. Den Kandidaten der SPD muss ich erst kennenlernen.
Bleiben Sie in Münnerstadt wohnen, wenn Sie Oberbürgermeisterin werden und warum?
Ich will ein Standbein in Münnerstadt behalten. Ich habe hier und im Wahlkreis ja meine Familie, viele Freundinnen und Freunde. Die fiebern gerade alle mit. Ab und zu mal die Perspektive wechseln – das brauche ich weiterhin.
Was sind für Sie die drei Hauptprobleme und die drei besten Vorzüge Frankfurts?
Frankfurt ist eine Weltstadt mit kurzen Wegen und guten Nachbarschaften. Viele Bürgerinnen und Bürger setzen sich für das Gemeinwesen ein, ganz ähnlich wie bei uns. In Frankfurt wird auch nicht danach gefragt, woher jemand kommt, Frankfurt ist weltoffen. Aber Wohnen ist teuer. Krisen wie die Pandemie ziehen sehr tiefe Spuren, etwa im Bahnhofsviertel. Der Wirtschaftsstandort, etwa die Chemieindustrie, steht vor großen Herausforderungen beim Ausstieg aus fossilen Energieträgern.
Wie beschreiben Sie die Stadtpolitik, die Sie durchsetzen wollen?
Bürgerinnen und Bürger, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur haben genug Ideen, sind bereit für Veränderung. Die Aufgabe der Stadtpolitik ist es, offen für diese Ideen zu sein, die Rahmenbedingungen und die Infrastruktur dafür zu schaffen. Es geht also ums Machen, nicht ums Versprechen. Natürlich habe ich dabei auch Prioritäten: Das außer Kontrolle geratene Klima ist die größte Bedrohung der Menschheit. Frankfurt muss so schnell wie möglich klimaneutral werden.
Welche No-Gos gibt es für Sie als Stadtchefin?
Ziemlich viel von dem, was dem bisherigen Oberbürgermeister von der SPD zu bundesweiter Bekanntheit verholfen hat.
Gibt's in Frankfurt zum Feierabend Äppelwoi aus dem Bembl oder bleiben Sie dem Schoppen Frankenwein treu?
Beim Marktanteil vom Frankenwein in Frankfurt ist noch Luft nach oben. Einen Frankensilvaner findet man in Berlin viel öfter auf der Weinkarte als in Frankfurt. In Frankfurt dominiert der Rheingau Riesling. Da werbe ich sehr für mehr Vielfalt. Sprich: Mehr Frankenwein.
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