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CSD-Anschlag
Alex Steinbeis: "Er konnte sich nur durch Sprung retten"
Alexander Steinbeis (rechts) und sein Mann Tobias Kaiser feierten ausgelassen und fröhlich auf dem Berliner CSD. Beim Attentat selbst waren sie schon zuhause. Ein Freund der beiden konnte sich im Tiergarten nur mit einem beherzten Sprung vor dem Auto retten.
Alexander Steinbeis (rechts) und sein Mann feierten ausgelassen und fröhlich auf dem Berliner CSD. Beim Attentat selbst waren sie schon zuhause. Ein Freund der beiden konnte sich im Tiergarten nur mit einem beherzten Sprung vor dem Auto retten. // Alexander Steinbeis (Selfie)
Bad Kissingen/Berlin – Ein enger Freund des Intendanten des Kissinger Sommers konnte sich in letzter Sekunde vor dem Auto retten. Andreas Karl* erzählt erstmals öffentlich von den traumatischen Sekunden und den Verletzten.

Was müssen die Opfer des Berliner CSD-Attentäters wohl in den wenigen Sekunden, in denen das Auto unvermittelt auf sie zufuhr, Schreckliches erlebt haben? Eine Frau wurde getötet, 29 Menschen wurden zum Teil schwerstverletzt. Dank seiner Geistesgegenwart ist es einem 42-Jährigen gelungen, sich mit einem beherzten Sprung in Sicherheit zu bringen. Dieser Mann - er möchte anonym bleiben, weshalb er hier Andreas Karl* heißen soll, spricht nun erstmals in der Öffentlichkeit. Andreas Karl ist einer der besten Freunde des Kissinger Sommer-Intendanten Alexander Steinbeis, der auch auf dem CSD gewesen ist. 

Nach dem Angriff beim CSD in Berlin
Das Tatfahrzeug war ein weißer Van. // Sebastian Gollnow/dpa

Alexander Steinbeis  hatte gerade die letzten Arbeiten zum Klassikfestival abgeschlossen. Sein Urlaub begann mit einem geliebten Pflichttermin: die Teilnahme am Berliner CSD. „Wir alle waren glücklich an diesem Samstag, wollten ein buntes Zeichen gegen die aufflammende Homophobie setzen.“ Was folgte, ist bekannt. „Ab da standen wir alle unter Schock. Meine Gefühle: Ein Wechselbad zwischen Wut, Trauer, Fassungslosigkeit.“ Dazu kam die ganz konkrete Sorge um seine Freunde. „Ein sehr enger Freund konnte sich nur mit einem Sprung in die Hecke vor dem Auto retten.“

Der Freund, Andreas Karl (42), berichtet: „Wir sind über den Tiergarten Richtung Potsdamer Platz gelaufen. Wir waren schon fast am Ende des Tiergartens, als auf einmal ein Auto frontal auf uns zu kam.“

Sein erster Gedanke: „Um die Uhrzeit ein Auto? Vermutlich ein Parkwächter oder die Polizei.“ Doch dann beobachtet er: „Das Auto fuhr etwa 30 Meter vor uns zwei Menschen an.“ Die Realität war zu schnell für ihn, in seinem Kopf sei nur ein Gedanke gewesen: „Da stimmt was nicht. Das Auto wird nicht langsamer, es kommt auf uns zu, es bremst nicht ab.“

Nach dem Angriff beim CSD in Berlin
Der mutmaßliche Täter starb bei einem Polizeieinsatz in Berlin-Spandau. // Michael Kappeler/dpa

Wagen fuhr offenbar noch zum Teil in die schützende Hecke

Er schrie seinen Freund neben ihm an, „in die Büsche“, beide retteten sich in letzter Sekunde mit einem beherzten Sprung in die Zweige. Am nächsten Tag, als er zur Aufarbeitung des Dramas erneut in den Tiergarten ging, hatte die Polizei die Reifenspuren des Kastenwagens nachgezeichnet. „Es war gut zu erkennen, dass der Wagen noch einen halben Meter in unseren Busch gefahren ist.“ An diese Situation kann er sich nicht erinnern – der Schock scheint in dem Fall gnädig gewesen zu sein und diese Sekunden verdrängt zu haben.

Ein Opfer blutete massiv am Kopf

Als er den schützenden Busch wieder verlassen hatte, sah er die zwei verletzten Menschen. „Es war irreal still“, erinnert er sich. Um beide Personen hätten sich schon andere gekümmert. „Einer hatte einen blutüberströmten Kopf“, er habe gehört, wie ein Helfer sagte, der Verletzte könne seine Beine nicht mehr bewegen.

Nach dem Angriff auf CSD in Berlin
Das Brandenburger Tor wurde nach dem Anschlag in Regenbogenfarben angestrahlt. // Christoph Soeder/dpa

„Dann versuchte ich, den Notruf zu wählen“, er kam nicht durch. So rannte er auf die nächste Straße, hin zur nächsten Streife, die dort den Verkehr regelte. „Es hat etwa zehn Sekunden gedauert, bis die Beamten realisiert haben, was ich ihnen sagte – und es dann auch glaubten.“ Mit vier oder fünf Polizisten sei er dann zurückgerannt, die Rettungskette sei endlich angelaufen. „Endlich deshalb, weil es fünf bis zehn Minuten dauerte, bis der erste Rettungswagen vor Ort war.“

Aussagen von Kanzler Merz "heuchlerisch"

Die Tage danach sind auch bei ihm geprägt von Trauer und Unverständnis. Und er empfindet die Aussagen von Kanzler Friedrich Merz als „heuchlerisch“. „Er war es, der mit einer Aussage zur Regenbogenfahne auf dem Bundestag sagte, der Bundestag sein kein Zirkuszelt. Nun spricht er von Unterstützung – aber es ist seine Regierung, die derzeit Förderprogrammen für die queere Community das Geld entzieht.“

Zurück zu Alexander Steinbeis, der in Bad Kissingen und in Berlin wohnt. Er hatte lange ausgelassen auf der Demonstration zusammen mit seinem Mann getanzt und gefeiert. Beide gingen kurz vor dem Anschlag. „Die Teilnehmerzahl hat sich nach Rekord angefühlt, wir waren so viele, die unheimlich friedlich und voller Freude ihre Lebensform feierten. Als der Anschlag geschah, war es fast unheimlich zu fühlen, wie schnell diese Community verletzlich wurde.“

Steinbeis: Wieso kann der Staat uns nicht schützen?

Am Tag danach sei er vom I-Pad nicht mehr weggekommen, online vernetzten sich die Freunde und Freundinnen, alle beobachteten teils fassungslos die Nachrichten. „Wieso“, fragt der 52-Jährige, „ist der Staat nicht in der Lage, uns zu schützen? Es ist ja nicht das erste Mal.“ Nicht nur er fragt sich, wie es sein kann, dass ein den Behörden bekannter Gefährder wie der am Sonntag, 26. Juli 2026, getötete Attentäter Abdul B. (21) mit einer Bewährungsstrafe in Freiheit leben konnte.

Steinbeis weiter: „Gleichzeitig aber wächst bei allen das Bedürfnis, für uns und unser Leben weiter einzustehen: Jetzt erst recht! Wir müssen uns alle fragen, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen. Auch diejenigen, die sich vielleicht mit einer Positionierung noch etwas schwer tun.“

Das Hissen der Regenbogenflagge wäre stärker gewesen

Dass sich Bundestagspräsidentin Julia Klöckner zu Wort gemeldet hat („ein Angriff auf die Grundlage unseres demokratischen Gemeinwesens“) sei gut und richtig, wie auch, die Deutschlandflagge auf dem Bundestag auf Halbmast zu setzen. „Aber“, sagt Alexander Steinbeis, „noch stärker wäre gewesen, sie hätte die Regenbogenflagge hissen lassen.“

 

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