0
Von mutigen Menschen
Die Welt steht an der Grenze zur Ukraine und hilft
On the road. Auto voll mit Windeln und Frauenhygiene!
Susanne Will ist auf dem Weg Richtung Grenze. Das Auto ist voll mit Windeln und Frauenhygiene-Artikeln. // Susanne Will
Ukraine
Przemysl – Redakteurin Susanne Will sammelte mit einem Hilfskonvoi Geflüchtete auf. Sie erlebte Leid, Angst und inmitten der trostlosen Szenerie auch Hoffnung.

Unsere Welt ist eine neue geworden. Aber ich weiß jetzt, dass sie nicht schlechter geworden ist. Denn die Welt steht an der polnischen Grenze zur Ukraine und hilft. So wie die knapp 20 Menschen aus Münnerstadt, mit denen ich am Wochenende mit Hilfsgütern hin- und mit 22 Menschen aus dem Kriegsgebiet wieder zurückgefahren bin.

Das Leid, die Angst, die Sorge, die wir in den Gesichtern der Menschen gesehen haben, ist unermesslich. Aufgesammelt haben wir die Flüchtlinge in einem leerstehenden Einkaufszentrum in Przemysl, 20 Kilometer von dem Punkt der Grenze entfernt, auf deren andere Seite Putins Bomben am Sonntag 35 Menschen getötet haben.

Jede Lücke in diesem Einkaufszentrum war gefüllt mit Müttern, Babys, Kindern, Alten. Sie versuchten, ihre Kinder zu beruhigen. Lagen auf Feldbetten, dicht an dicht. So wie der fiebrig-glänzende, schlafende Bub, höchstens zwei Jahre alt, neben einem erschöpften Alten, der versuchte, Ruhe zu finden. Es gab die Glücklichen aus Kiew, die auf Verwandtschaft warteten, die Verzweifelten aus Kirgisistan mit ukrainischem Pass, die als 13-köpfige Familie unbedingt zusammenbleiben wollten. Zu groß war die Angst, sich auf der Flucht zu verlieren.

Helfer machen die Welt zu einem besseren Ort

Der Engel der Kirgisen sprach Schwäbisch. Eine Frau aus dem Schwarzwald, die Ukrainisch kann. Im Linienbus ihrer Hilfsorganisation war noch Platz für die ganze Familie.

Es sind diese Helfer, die jetzt, während die Bomben fallen, die Welt auch zu einem besseren Ort machen. Menschen wie sie, die Schilder hochhielten: Biete Mitfahrgelegenheit nach Deutschland. Nach Italien. Nach Spanien. Nach Südfrankreich. Nach Estland. Nach Schweden. Sogar nach Israel. Oder die fünf Spanier, die sich am Freitag aus Madrid aufgemacht haben und die wir in der Nähe des Grenzübergangs Korczowa-Krakowez am Abladeplatz für Hilfsgüter getroffen haben. Auch sie voll bepackt mit dem Allernötigsten, was Menschen im Krieg und auf der Flucht brauchen. Wie auch die jungen Männer dort aus den Niederlanden: „Es ist das einfachste und das beste, was wir jetzt tun können.“

Auch sie hatten ein mulmiges Gefühl, wenn sie in den Himmel geblickt haben, ein paar Kilometer vor der Grenze. Auch sie haben wohl zum ersten Mal in ihrem Leben Kondensstreifen von Flugzeugen gesehen, die plötzlich abdrehten. Am Himmel blieben weiße Haarnadelkurven stehen. Wer sie in die Luft geschrieben hat, wissen wir nicht. Klar war: Flugzeuge fliegen zur Grenze und drehen dort um. Tankflugzeuge? Abfangjäger? Aufklärer? Unbeantwortete Fragen, Gerüchte, keine Antworten, wir sind keine Militärs, wir sind Zivilisten.

Leere Linienbusse aus Polen

Allen war mulmig, in der Nähe der Grenze auf dem Hilfsgüter-Sammelplatz neben der A4 zu stehen und zu sehen, dass sich auf der A4 der Verkehr plötzlich staut. Dass die Grenze offenbar zeitweise geschlossen wurde. Dass leere Linienbusse aus Polen zur Grenze durchgelassen wurden. Sie nahmen Flüchtlinge auf der anderen Seite auf, fuhren sie nach Polen zurück, spuckten die Menschen aus, fuhren wieder zur Grenze – in Dauerschleife. Allen war mulmig, als ein Militärkonvoi von der Polizei am Stau vorbeigewunken wurde. Laster ohne Landeskennzeichen, ohne Nummernschild. Waffennachschub? Wir wissen es nicht.

Die Mulmigkeit, die Angst, die Unsicherheit – alles wird weggewischt, es geht um die Menschen, die wir in Sicherheit bringen wollen und die auf uns warten. Und im Inneren, also ganz tief drin in meiner westlichen Friedenswelt, in der ich 53 Jahre lang aufwachsen durfte, konnte ich mir auch an dieser Grenze das Ausmaß und auch eine eventuelle Gefahr für uns nicht richtig vorstellen. Ein Teil von mir war immer noch nicht im Kriegsgebiet angekommen, dieser Teil meines kleinen Hirns, das Krieg nicht kennt, dachte: Am Sonntag bin ich zuhause, mein Mann kocht, ich schau Tatort, Sofa, Decke, warm. Ich glaube, dass Menschen nur deshalb helfen können. Weil sie wissen, sie haben danach Ruhe. Sicherheit. Geborgenheit. Wärme.

All das, was die Ukrainer nicht mehr haben. Auch deshalb stand ein Mann aus Schweden mit seinem Irish Setter im Einkaufszentrum-Chaos. Er war da, damit Kinder den Hund streicheln konnten. Ein blasser Bub vergrub minutenlang seine Hände im Fell und konnte so vielleicht für kurze Zeit den Wahnsinn vergessen – auch dieser Schwede hat die Welt ein bisschen wärmer gemacht.

Ausführliche Berichte über den Hilfstransport folgen.

Was unsere Redakteurin erlebt hat, lesen Sie hier:

 

Inhalt teilen
  • kopiert!