Grün steht für Hoffnung. Für Wachstum, Glück, das Leben. Lida Arzoo aus Afghanistan war schon bei ihrer Ankunft in Deutschland fasziniert, wie grün die Landschaft hier ist. Ein Eindruck, der sich in Wildflecken verfestigte. Dort lebt die 25-Jährige mit ihrem Bruder Abdul Baqi, ihren Eltern und zwei jüngeren Geschwistern seit fünf Monaten, im Übergangswohnheim in der Ortsmitte. Eine große Hoffnung hat sich erfüllt, andere leider nicht.
Aus deutscher Sicht ließe sich die Behausung der Arzoos als bescheiden beschreiben. Vier Zimmer, jeweils mit ein bis zwei Betten und Schrank, Küche, Bad – alles für insgesamt sechs Bewohner. In Großstädten – das weiß Lida von Landsleuten – lebe man beengter.
Sicherheit vor den Taliban
Die Unterkunft im Herzen Wildfleckens bedeutet der Familie aus Badachschan im Nordosten Afghanistans vor allem eines: eine sichere Bleibe ohne Angst vor den ab August 2021 dort regierenden Taliban. Auch wenn die Schießgeräusche vom benachbarten Truppenübungsplatz einen Hauch von Krieg herüberwehen.
Der Lärm störe in der Familie außer dem Vater keinen, sagen die Geschwister. In Afghanistan habe es ständig Anschläge und kriegerische Handlungen gegeben.
Dankbar für Rettung durch deutsche Regierung
„Obwohl wir sehr traurig sind, dass wir unser Land verlassen mussten und nicht wissen, wann wir zurückkehren, sind wir der deutschen Regierung sehr dankbar, dass sie uns aus der Gefahr hierher gebracht hat“, sagt Lida Arzoo. Die Menschen in Wildflecken seien sehr nett.
Arbeiten fürs Friedensministerium
Vor ihrer Flucht arbeitete die 25-Jährige für das Ministerium für Frieden. Dessen Aufgabe: die widerstreitenden Gruppen des Landes für Friedensgespräche an einen Tisch bringen. Arzoo nahm an Verhandlungen auf neutralem Boden in Katar teil.Sie spricht fließend Englisch.
Ihr Bruder Abdul war in der Musikvideo-, Foto- und Werbebranche tätig. Auf dem Handy zeigt der 22-Jährige Fotos und Clips nach westlicher Machart – mit jungen Frauen ohne Kopftuch.
Vier Monate im Versteck in Kabul
Dass diese Aktivitäten den neuen Machthabern nicht gefallen, ahnte das Geschwisterpaar. Vier Monate versteckte man sich in Kabul. Via Internet nahmen die Arzoos Kontakt zur Menschenrechtsorganisation Pro Asyl auf – hoffend, dass die Taliban das nicht merken.
Schließlich gelang es, Ausreisedokumente zu erlangen. Die Flucht ging mit dem Auto Richtung Kandahar im Süden Afghanistans, dann zu Fuß über die pakistanische Grenze. Von der Hauptstadt Islamabad startete am 1. September 2022 ein Flugzeug Richtung Erfurt. Nach einer Woche in einem niedersächsischen Sammellager wurden die Arzoos nach Wildflecken umverteilt. Wo die sechsköpfige Familie schon fünf Monate lebt.
Monatelanges Warten auf offiziellen Deutschkurs
Doch während die jüngeren Geschwister bereits in der Berufsschule in Bad Kissingen lernen, sitzen Lida und Abdul Baqi mehr oder weniger untätig daheim. Die beiden Mittzwanziger warten seit Monaten auf ihren Deutsch-Sprachkurs in Bad Brückenau.
Der könnte ihnen den Weg in die Gesellschaft, die Arbeitswelt, bahnen – wenn er denn endlich stattfindet. Wann das sein wird: Die beiden wissen es nicht.
Berufliche Träume
Dabei möchte Lida gern wieder arbeiten, vielleicht für eine Regierungsorganisation. Sie würde gern Autofahren lernen – was im Moment zu teuer ist. Ihr Bruder will – mit entsprechenden Deutsch-Kenntnissen – eine Pflegeschule besuchen, um später Menschen zu helfen.
Doch im Moment besuchen sie nur einen örtlichen Deutschkurs, sprechen einige Worte wie „Bitte“, „Danke“ und „Nach Ihnen“ und kurze Sätze. Aber sie wollen nicht klagen. Sie sind in Sicherheit, anders als ihr ältester Bruder, der mit Deutschen in Projekten arbeitete. Und keine Chance besitzt, aus Afghanistan rauszukommen.
Zusammenleben gestaltet sich problemlos
Indes könnte Gerd Kleinhenz zufrieden sein. Über die seit Anfang September in Häusern in der Rothenrainer und Dörrenbergstraße in Wildflecken lebenden Flüchtlinge mit besonderem Schutzstatus kann der Bürgermeister (PWW) sagen: „Das Zusammenleben mit den Menschen aus dem Übergangswohnheim gestaltet sich bisher relativ problemlos.“ Doch das allein reicht nicht. Denn die Eingliederung der Menschen erweist sich als schwierig zu stemmende Aufgabe.
Die Liste der Bedenken war lang im November 2021 im Haus des Gastes Oberbach: Vertreter der Regierung von Unterfranken hatten angekündigt, dass ein paar Monate später bis zu 50 Flüchtlinge mit besonderem Schutzstatus nach Wildflecken kommen. Darunter sogenannte Ortskräfte, die der Bundeswehr in Afghanistan vor deren Abzug geholfen hatten. Alle diese Menschen brauchen kein Asylverfahren durchlaufen, dürfen sofort arbeiten beziehungsweise beziehen deutsche Sozialleistungen.
Furcht um den sozialen Frieden
Gerd Kleinhenz fürchtete im Namen vieler Wildfleckener um den sozialen Frieden im Ort. Dieser könne – wie Anfang der 1990er-Jahre, als viele Spätaussiedler aus dem Gebiet der verblichenen Sowjetunion kamen – aus den Fugen geraten. Der Bürgermeister sprach auch von überfüllten Kindergärten und -krippen in Wildflecken und Oberbach. Wo noch zusätzliche Kinder unterbringen?
Andere kritisierten, dass man die Geflüchteten in einem Ort „am Rande der Zivilisation“ unterbringe. Es mangele an Infrastruktur und ÖPNV-Verbindungen in Städte wie Bad Brückenau und Bad Kissingen. Auch die Nähe zum Truppenübungsplatz, wo regelmäßig geschossen werde, sahen einige als ungünstig für womöglich kriegstraumatisierte Menschen.
Übergangswohnheim voll belegt
Eineinviertel Jahre später sind alle 43 belegbaren Plätze im Übergangswohnheim besetzt, teilt Johannes Hardenacke, Sprecher der Regierung von Unterfranken, mit. Das Haus in der Rothenrainer Straße sei mit 26 Personen voll belegt; in der Dörrenbergstraße wären 16 Menschen untergebracht. Ein Platz sei reserviert für eine angekündigte Einreise.
Eines lässt sich behaupten: Der soziale Frieden in Wildflecken scheint nicht in Gefahr. Die Neuankömmlinge verhalten sich unauffällig. Doch andere angesprochene Herausforderungen bleiben.
Am Limit bei der Kinderbetreuung
Zum Beispiel das der Kinderbetreuung. „Was die Situation in unseren Kindertageseinrichtungen angeht, stehen wir vor riesigen Problemen“, schreibt Gerd Kleinhenz. Die Kapazitäten – räumlich wie personell – seien am Limit. Einige einheimische Kinder und auch solche mit Migrationshintergrund, können derzeit und voraussichtlich in absehbarer Zeit nicht aufgenommen werden.
Nach konkreten Zahlen befragt, teilt der Bürgermeister mit: „Fakt ist, dass derzeit in der Einrichtung in Wildflecken acht Kinder definitiv nicht aufgenommen werden können, obwohl sie einen Rechtsanspruch hätten; in Oberbach ist es ein Kind.“ Im Laufe des Jahres würden noch mehrere Kinder mit den selben Voraussetzungen hinzukommen. „Wir suchen händeringend nach Lösungen.“
Kellermann gibt Deutschkurse - mit 80 Jahren
Gerwin Kellermann aus Oberbach war früher Lehrer. An der Wildfleckener Schule unterrichtete er unter anderem von 1991 bis 1998 Klassen, die zum großen Teil oder fast ausschließlich aus Schülern aus der ehemaligen Sowjetunion bestanden. Seit Mitte November versucht Kellermann nun, zweimal pro Woche für eine Stunde den zugezogenen Afghanen, Syrern, aber auch Menschen aus dem „russischen Sprachraum“ etwas deutsch beizubringen – mit 80 Jahren.
Große Nachfrage aus Wohnheim
Damit reagiert der Oberbacher auf eine große Nachfrage aus dem Übergangswohnheim. Und einen Mangel. Denn dessen Bewohner warten seit Monaten auf ihren Integrations-Deutschkurs, Lida und Abdul Baqi Arzoo beispielsweise seit ihrer Ankunft im September.
18 Menschen besuchen Kellermanns Kurs im Wildfleckener Rathaussaal regelmäßig. „Sie sind eifrig dabei. Und auch mir macht es Spaß“, sagt er. Die Lernfortschritte seien überschaubar; nach drei Monaten schafften viele seiner „Schüler“ noch nicht, einen klaren deutschen Umlaut herauszubringen. Aber Kellermann spürt große Dankbarkeit unter ihnen. Vor ein paar Tagen richteten sie ein kleines Fest für ihn aus.
Der 80-Jährige betrachtet den Erwerb der deutschen Sprache und eines Führerscheins als grundlegend für die Integration der Flüchtlinge. Dass diese sich ins Dorfleben und die deutsche Gesellschaft einfügen wollen – daran hegt Kellermann keine Zweifel. Sonst hätten sie nicht vor einigen Wochen in Eigeninitiative das Umfeld ihrer Behausungen gesäubert.
Fazit: Menschen werden alleine gelassen
Alles in allem muss der Oberbacher aber feststellen: „Die Leute, die in diesen Häusern leben, fühlen sich alleingelassen.“ Es werde sich zu wenig um sie gekümmert. Deswegen kämen viele mit anderen Anliegen als dem Spracherwerb zu ihm. Doch da könne er nicht helfen.
Sowohl Kellermann als auch der Bürgermeister sehen die schlechte ÖPNV-Anbindung Wildfleckens als weiteren Hemmschuh für Integration. „Da einige Bewohner zur Zeit den Führerschein in Bad Brückenau machen, kommen sie nach dem Theorieunterricht am Abend nicht mehr zurück nach Wildflecken“, berichtet Kleinhenz.
Fahrdienst funktioniert gut
Immerhin: Auf einen Aufruf zur Findung eines Fahrdienstes hätten sich einige Ortsbewohner gemeldet. Eine Wildfleckenerin, die nicht namentlich genannt sein will, teilt auf Anfrage mit: Derzeit machen drei Bewohner des Übergangswohnheims in Bad Brückenau ihren Führerschein. Über ein Dutzend Einheimische hätten Fahrten übernommen, um sie nach den abendlichen Kursen heimzubringen. Alle hätten sich gefreut, die Erfahrung gemacht zu haben.
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