In der vergangenen Zeit wurde bekannt, dass das Altstadtcafé und das Tintenfässchen schließen, dass die Tankstelle ihre Öffnungszeiten weiter reduziert, dass der Kleiderladen "Power of Street" umzieht. Der Bundtschu hat nun etwa ein Jahr zu, Hellmig schließt im April 2025 und im Bayerischen Hof waren die Lichter länger nicht mehr an, ebenso in den beiden Läden zwischen Bär und Bayerischer Hof oder im ehemaligen Kupsch.
Auf der anderen Seite eröffnete El Moro im Bären, Tante Enso ist nun ein Jahr in Betrieb, Deml's Greenland eröffnete im Herbst und der Naturkostladen Blauer Storch bereichert den Marktplatz, wie auch seit längerem die Eisdiele. Das neue M17 im Blauen Laden in der Klostergasse hat die Stadt erfolgreich an die Lebenshilfe untervermietet und bietet daneben Platz für Initiativen und Vereine. Wer Elektrogeräte, Pflanzen, Second-Hand-Ware, Drogerieartikel oder ähnliches braucht, wird in der Stadt fündig.
Herr Kastl, obwohl die Aussichten nicht nur negativ sind, gibt es über fast alle Läden das Gerücht, dass sie bald schließen – "Mürscht stirbt aus" ist hier und da zu hören. Wie bewerten Sie die Lage?
Michael Kastl (CSU): Es gibt einige Entwicklungen, die besorgniserregend sind. Zum einen die bereits erfolgten Schließungen und zum andern die Perspektive der inhabergeführten Geschäfte. Damit meine ich Läden, die von denen betrieben werden, die dort auch wohnen. Das war früher gang und gäbe. Aber Kinder übernehmen nicht mehr selbstverständlich den Laden der Eltern und diese gehen auf das Rentenalter zu. Die neuen, wie der Kleiderladen, El Moro oder Tante Enso, sind Mieter. Wer jetzt ein Geschäft aufbauen will, muss Miete zahlen.
Was hat sich noch verändert?
Manche Hausbesitzer, bei denen mal Gewerbe drin war, wollen das jetzt nicht mehr. Das haben wir gemerkt, als wir für Tante Enso alle abgeklappert haben. Diese Einstellung kann verschiedene Gründe haben.
Früher war es außerdem so, dass die Bundesstraße durch die Stadt ging. Da war die Wahrscheinlichkeit, dass mal jemand anhält und etwas mitnimmt, viel größer als heute. Jetzt fährt man nur in die Stadt, wenn man etwas braucht oder wenn man auf den Karlsberg will. Außerdem gibt es die größeren Märkte außerhalb und den Onlinehandel, den eben auch alle gerne nutzen.
Das sind einige Punkte. Aber es gibt ja auch Laden-Öffnungen.
Wir geben die Hoffnung nicht auf: Ein erster Lichtblick war die Eisdiele, die während Corona plötzlich eröffnet hat. Dann kam Tante Enso als großer Frequenzbringer. Und El Moro hat den Bären belebt. Nicht zu vergessen ist der Anger Wein, der zwar schon etwas länger geöffnet ist, aber auch Leben in die Stadt bringt.
Was kann die Stadt gegen eine sterbende Innenstadt machen?
Der Trend ist generell das Ladensterben, nicht nur hier. Wir versuchen zum einen mit den Sitzgruppen am Marktplatz und der Sperrung der Apothekergasse dort, Plätze aufzuwerten. Unser Kreativteam ist ebenfalls auf Innenstadtbelebung angesetzt, denn das ist eng vernetzt mit Klimawandel, Tourismus und Kultur. Eine Steuer auf Leerstand ist leider nicht möglich.
Wir halten außerdem den Fuß in der Tür: Zuletzt erst hat die Lebenshilfe am Blauen Laden in der Klostergasse Einweihung gefeiert. Sie hat Räume übernommen, nachdem die Stadt die lange leerstehende Ladenfläche gemietet und etwas hergerichtet hat. Ähnlich war es auch beim M17 am Markplatz. Wir haben das M17 für Initiativen und Vereine angemietet. Dann haben wir Platz für den Naturkostladen gemacht. Unser Ziel ist es, weiterhin Leerstände anzumieten und in Szene zu setzen, um die Räume dann an andere abzugeben. Denn die Stadt wird als zuverlässiger Mieter erkannt. Besitzer öffnen sich dann doch eher mal und man kann den Laden anmieten, was vorher nicht so einfach möglich war.
Aber das geht nur, wenn man einen Überblick über die Leerstände hat.
Wir haben vor, ein städtebauliches Quartiersmanagement für die Altstadt einzuführen. Da wäre eine Person aktiv beschäftigt – beispielsweise, um ein Leerstandkataster zu erstellen. Aber es geht auch um die direkte Ansprache: Es gibt noch Unternehmen und Initiativen, die in die Stadt wollen. Und es gibt Immobilienbesitzer, die unter bestimmten Umständen einverstanden wären, ihre Immobilie zu vermieten. Es geht dann darum, die Ansprüche beider Seiten zu matchen. Diese Arbeit mache ich derzeit schon, aber kann das nur in einem bestimmten Rahmen machen und auch nicht alles im Blick behalten.
Also geht es darum, damit umzugehen, wie die Stadt im Umbruch ist?
Ich bedaure sehr, dass Traditionsbetriebe schließen. Gerade das Tintenfässchen war eine Institution, das geht ein Stück meiner Kindheit. Klar ist aber auch: Das wird man so nicht mehr abbilden können. Es wird nicht mehr so, wie es mal war, aber Tante Enso und die Eisdiele haben gezeigt: irgendwie geht es trotzdem. Im Moment befindet sich die Altstadt im Umbruch und man muss hoffen, dass die Leute das annehmen, was es gibt. Wenn das gut funktioniert, werden andere mitmachen.
Also blicken Sie nicht nur negativ in die Zukunft?
Ich bin schon stolz darauf, dass wir in manche Immobilien eine Nutzung bekommen haben. Gerade Enso hat eine weite Strahlkraft nach außen. Man sieht: In Münnerstadt geht was. Das ist das, was wir machen können: eine positive Grundstimmung der Unterstützung anbieten, die Schwelle runterdrücken, die Angst nehmen.
Es geht auch viel um Psychologie: In einer Abwärtsspirale ist man schnell, und die ist auch schnell vernichtend. Eine Aufwärtsspirale – im Denken, beim Kaufverhalten oder beim Investitionsverhalten – ist schwerer in Gang zu setzen. In den kommenden Jahren wird es immer mal Nachrichten geben, die einen zurückwerfen, aber da muss man mit den guten Entwicklungen entgegenwirken. Und es gibt definitiv Interesse, sich hier in der Altstadt zu betätigen. Zwar ist das weniger der Einzelhandel, aber das ist einfach schwierig derzeit. Und: je mehr Menschen in der Stadt sind, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wieder eine Gastronomie kommt.
Was ist Ihre Vision, wie funktioniert eine Stadt trotz Onlinehandel?
Beim Kaufverhalten zeigt sich: Es gibt einen Teil, der verantwortungsbewusst ist und Angebote vor Ort nutzt und den anderen Teil, der bequem ist und der sagt: Geiz ist geil. Der Wunsch der Konsumenten und ihr tatsächliches Handeln driftet oft weit auseinander. Ich sage, wenn es uns gelingt, mit der Gastronomie noch eine Schippe draufzulegen, wenn die Läden, die es jetzt gibt, gut laufen und wenn die Immobilien-Eigentümer bereit sind, vielleicht mal, ein kleines Wagnis einzugehen, dann wäre das super.
Wie geht das mit dem Seger-Areal zusammen? Das macht doch die Bemühungen kaputt. Dort soll ein Supermarkt und ein Discounter, ein Getränkemarkt, ein Café sowie ein Drogeriemarkt entstehen.
Das sehe ich anders. Es wird auf das Konzept von Enso – in der Stadt und 24/7 Einkaufen – wenig Auswirkung haben. Der Naturkostladen hat seine Kundschaft. Hart hätte es für das Tintenfässchen werden können. Drogerieartikel, wie Eisen Krais sie hat, gibt es auch jetzt schon bei den Supermärkten und er hält sich. Wir hatten schon Gespräche mit Kaufhaus Mürscht zu dem Thema: Uns ist wichtig, dass wir da unten durch Werbung beispielsweise Lust auf die Altstadt machen. Es werden viele Menschen dort einkaufen, die nicht aus Münnerstadt kommen, und die nicht hierherkommen würden, wenn hier nicht der Discounter oder Drogeriemarkt wäre. Die wollen wir in die Stadt bekommen. Derzeit läuft auch eine Studie zu den Wechselwirkungen zwischen Altstadt und dem geplanten Gebiet.
















