Auf Überraschungen muss ein Landrat wie Thomas Habermann (Lkr. Rhön-Grabfeld) stets gefasst sein. Die Überraschung aus München zum Thema Stromtrasse P540 aus Hubert Aiwangers Wirtschaftsministerium war dann aber doch eine besondere. Am 7. Februar um 16.51 Uhr erreichte ihn die Einladung für eine Video-Konferenz mit Aiwanger für den 8. Februar.
Diese Videokonferenz mit Aiwanger hat am 8. Februar um 14 Uhr auch stattgefunden, eine Stunde später machte die Pressemeldung aus dem Ministerium die Runde durch Bayern. Keine Chance also als Landrat, möglicherweise vom Trassenverlauf betroffene Bürgermeister irgendwie vorab zu informieren.
„Grundübel“ der Debatte ist schlechte Kommunikation
„So etwas darf sich nicht mehr wiederholen. Ich habe auch vor Herrn Aiwanger und der Bundesnetzagentur deutlich gemacht, dass wir in solche Planungen als betroffene Kommunen eng eingebunden sein wollen“, zeigt sich Landrat Thomas Habermann auch fast 14 Tage nach der Erstmeldung noch etwas verschnupft. Die schlechte Kommunikation sei das „Grundübel“ der Debatte, so der Landrat.
Untätig ist man in der Region seit den ersten Veröffentlichungen zu einer möglichen 380-kV-Trasse zwischen Thüringen und Grafenrheinfeld durch das Grabfeld und den Landkreis Bad Kissingen freilich nicht geblieben.
Münnerstadt: Kurzfristig auf die Tagesordnung gesetzt
Der Stadtrat von Münnerstadt hatte das Thema am Montag kurzfristig auf seine Tagesordnung gesetzt,rund 150 Bürgerinnen und Bürger wollten sich über den aktuellen Stand informieren. Von detaillierten Planungen ist man freilich noch weit entfernt.
Münnerstadts Bürgermeister Michael Kastl betonte in der Sitzung die grundsätzliche Notwendigkeit des Netzausbaus in Bayern, der zur Sicherung des Wirtschaftsstandortes nötig sei und der die Einspeisung regional erzeugter regenerativer Energie verbessere.
Rhön-Grabfeld: Betroffene Bürgermeister zusammengetrommelt
In Rhön-Grabfeld hatte Landrat Habermann am Montag die betroffenen Bürgermeisterinnen und Bürgermeister zusammengetrommelt, um über den eher dürftigen Sachstand zu informieren. Praktisch sämtliche Vertreter aus dem Grabfeld, aber auch Kollegen aus Strahlungen, Burglauer oder Hohenroth waren zusammengekommen.
Viel Konkretes konnte Habermann nicht mitteilen. Die vom Wirtschaftsministerium veröffentlichte Karte zeige nur einen breiten Strich, der den Anfangs- und Endpunkt der geplanten Leitung zeigt, aber noch nichts über einen möglichen Trassenverlauf.
Eine druckreife Positionsbestimmung der Rhön-Grabfelder Kommunen wurde nicht erarbeitet. „Allerdings kristallisierte sich bei dem Treffen die Haltung heraus, dass ein Netzausbau grundsätzlich als erforderlich angesehen wird, damit das Netz zukunftsfähig insbesondere im Hinblick auf die vorhandenen Industriestandorte bleiben kann“, so Landrat Thomas Habermann gegenüber dieser Redaktion.
Verbesserungen beim 110-kV-Netz gewünscht
Was dem Landrat und den Bürgermeistern aber besonders wichtig ist: Auch der Ausbau der regionalen 110-kV-Netze müsse vorangetrieben werden. Damit werde die Versorgungssicherheit verbessert, außerdem werden Einspeisemöglichkeiten geschaffen für regional gewonnene Energie aus Windkraft- oder Photovoltaik-Anlagen. „Das stellen wir auch als Bedingung. Wir wollen konstruktiv das Thema P540 begleiten, wenn auch Verbesserungen beim 110-kV-Netz erfolgen“, macht der Landrat unmissverständlich klar.
„Die Notwendigkeit des Netzausbaus beschränkt sich hierbei nicht allein auf die Übertragungsnetze; vielmehr müssen auch die lokalen Verteilnetze – etwa in Form neuer 110 kV-Leitungen ausgebaut werden“, formuliert es Habermann.
Nachteil durch ehemalige DDR-Grenze
Was diese Leitungsgröße betrifft, so ist der Landkreis diesbezüglich historisch bedingt etwas im Nachteil. Durch die ehemalige DDR-Grenze kam es nie zu einem übergreifenden Ausbau, auch nach der Wende wurden hier keine Verbindungen geschaffen.
Diese sogenannte „Vermaschung“ der Netze müsse jedoch gelingen, auch im Sinne der Versorgungssicherheit. Ähnlich war der Tenor auch bei der Stadtratssitzung im benachbarten Münnerstadt. Dort wurde betont, dass die 380-kV-Leitung auch ohne den geplanten Windpark im Bildhäuser Forst nötig sei. Außerdem wurde die Ansicht geäußert, dass solche Hochvolt-Leitungen weniger auffällig seien im Landschaftsbild als zum Beispiel Windräder.
Trassenverlauf noch längst nicht klar
Am Landratsamt Rhön-Grabfeld suche man nun den Kontakt mit den Nachbarlandkreisen, auch mit Thüringen. Dort würde die Leitung teilweise als Netzverstärkung auf einer bereits bestehenden Stromtrasse geführt werden.
„Mit Landrat Thomas Bold bin ich bereits im Gespräch“, so Habermann weiter. Nachdem Aiwanger nach der ersten Ankündigung etwas zurückruderte und Anfang der Woche auch einen Verlauf über den Landkreis Coburg und den Haßbergkreis ins Spiel brachte, ist noch weniger Eile geboten, zumal die Realisierung der P540-Trasse erst für die 2030er Jahre angedacht ist.
Auch für Helmerich (FW) überraschende Ankündigung
Auch für den Freien Wähler und Landtagskandidaten von 2023, Frank Helmerich aus Bad Königshofen, kam Aiwangers Pressemeldung als „überraschende Ankündigung“, so Helmerich in einem Facebook-Post.
„Da alle Beteiligten von Wirtschaftsminister Aiwanger mit diesem Projekt überrascht wurden, ist es um so wichtiger, diesen Prozess gemeinsam zu gestalten und sicherzustellen, dass die Bedenken und Ideen der betroffenen Gemeinden gehört und berücksichtigt werden“, schreibt er weiter. Die Münnerstädter Informationsveranstaltung sei ein wichtiger Schritt, damit sich die Region Gehör verschaffe.
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