Die Idee, übrig gebliebene und noch genießbare Lebensmittel zu retten und damit von Armut betroffenen Menschen zu helfen, verbreitete sich vor 30 Jahren von Berlin aus rasant. Inzwischen gibt es bundesweit über 960 Tafeln. Der Dachverband der Tafeln schätzt, dass zwei Millionen Menschen in Deutschland im vergangenen Jahr die Tafeln besuchten. Das sind rund 50 Prozent mehr als im Vorjahr.
Seit rund 20 Jahren gibt es Tafeln im Landkreis. Die sogenannte „Rhön-Achse“wird von den drei Tafeln Bad Kissingen, Hammelburg und Bad Brückenau gebildet. „Der Tafelgedanke war für mich bestechend“, sagt Iris Hönig, Gründerin der Tafel in Bad Kissingen 2004. Während ihrer Elternzeit machte sie sich zusammen mit ihrer Mitstreiterin Angela Karle auf die Suche nach Räumlichkeiten, kontaktierte Geschäfte und Supermärkte, informierte sich über Abholsysteme und feilte an Dienstplänen.
Bei der Gründungsveranstaltung wurden die 35 Besucher gleich zu Mitgliedern, sodass sie mit einem 20-köpfigen Team starten konnten. „Gemeinsam im Team das Ganze aufzubauen, hat Spaß gemacht – das war eine tolle Zeit!“
200 bedürftige Kinder
Inzwischen sind 70 Ehrenamtliche regelmäßig für die Kissinger Tafel im Einsatz. „Anfangs waren es ungefähr 80 Bedürftige, die einen Abholschein hatten, heute versorgen wir gut 700 Personen, davon sind circa 200 Kinder“, informiert 2. Vorsitzende Dagmar Ziegler. „Da bringt ein Kind auch schon mal eine selbstgemaltes Bild vorbei. Die Leute sind sehr dankbar dafür, dass sie aufgefangen werden.“
Vor allem die Krisen der Welt sind spürbar: „Früher waren es viele Menschen aus Syrien – davon sind jetzt viele im Arbeitsleben untergekommen. Jetzt sind es viele Alleinerziehende aus der Ukraine“, beschreibt Ziegler die Entwicklung. Momentan herrscht Aufnahmestopp, weil es zu wenig Ehrenamtliche gibt, die mithelfen. „Wenn aber jemand in Not ist, haben wir noch keinen weggeschickt“, betont Ziegler.
Kommen an die Grenzen
Die Tafeln in Bad Brückenau und Hammelburg wurden 2004 und 2005 gegründet. Auch die Hammelburger Tafel kann mehr helfende Hände gebrauchen. „Während der Flüchtlingskrise sind wir schon an unsere Grenzen gekommen und auch jetzt mit dem Ukraine-Krieg sind die 55 Helfer mit ganz heißer Nadel gestrickt“, sagt Werner Bergmann, der sich seit acht Jahren engagiert.
„Die Arbeit bei der Tafel lässt sich oft nicht gut mit dem Beruf vereinbaren und es ist gerade für Ältere keine leichte körperliche Arbeit.“ Doch die, die kommen, seien engagiert. Derzeit werden mit der wöchentlichen Ausgabe an Nahrungsmitteln 250 bis 300 Personen versorgt, „die Nachfrage ist eindeutig steigend.“ Trotzdem können seit Januar wieder Hilfsbedürftige aufgenommen werden, denn „wir rationieren die Lebensmittel“, erklärt Bergmann.
Weniger Verschwendung von Lebensmittel
Allen drei Tafeln stehen weniger Essensspenden zur Verfügung als in den Anfängen. „Die Geschäfte kalkulieren anders und werfen nicht so viel weg, was ja gut ist“, sagt Klaus Hartmann von der Bad Brückenauer Tafel. Hinzu kommen die hohen Lebensmittelpreise und Lieferschwierigkeiten bei manchen Produkten. „Gerade frische Produkte wie Gemüse sind deutlich weniger geworden.“ Derzeit werden 260 Hilfsbedürftige in Bad Brückenau versorgt. Mehr können nicht aufgenommen werden.
Wie wird die Zukunft der Tafeln im Landkreis eingeschätzt? „Der Ansatz der Tafel, Lebensmittel vor dem Wegwerfen zu retten und denen zu geben, die sich nicht viel leisten können, wird oft in den Hintergrund gespielt“, sagt Iris Hönig. Auch hätten die Tafeln keinen Versorgungsauftrag für Bedürftige, sondern sind eine freiwillige Leistung.
Das sieht auch Klaus Hartmann so: „Die Politik hat die Verantwortung, wie man die Leute durchfüttert, das darf nicht auf dem Rücken der Ehrenamtlichen passieren. Wir wären 2015 gnadenlos untergegangen, wenn es nicht so viele Ehrenamtliche gegeben hätte, nicht nur bei den Tafeln.“
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