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An Uni Würzburg
Sigmar Gabriel: „Wir sind die letzten Vegetarier“
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Der frühere Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) mahnt zu mehr Leistungsbereitschaft in Deutschland. // Thomas Obermeier
Signet des Fränkischen Tags von Andreas Jungbauer
Würzburg
Würzburg – Ex-SPD-Chef und -Außenminister Sigmar Gabriel findet als Geopolitiker Gehör. Im Uni-Hörsaal analysiert er die Welt – und wie sich Deutschland verändern muss.

Es ist die Stunde der Realpolitik. Wenn ausgerechnet ein US-Präsident imperialistisch an der Weltordnung rüttelt, bleibt Transatlantikern wie Sigmar Gabriel kaum etwas anderes übrig, als auf das Machbare zu schauen. Mit dem moralischen Zeigefinger, findet der Politiker, komme man im „Dschungel“ nicht weiter. Statt Verständigung und Balance gilt hier das Recht des Stärkeren.

Was dies für Deutschland und Europa bedeutet, hat der frühere Parteichef und Außenminister bei einem Gastvortrag an der Uni Würzburg ausgeführt. Eingeladen hatte ihn Ökonom und Seniorprofessor Peter Bofinger, die beiden kennen sich aus dessen Zeit bei den fünf Wirtschaftsweisen.

Gabriel ist als Geopolitiker gefragt in diesen Tagen, auch in TV-Talkshows. In Würzburg ist das Audimax der Neuen Uni mit 400 überwiegend jungen Leuten bis auf den letzten Platz besetzt.

„Zeitenwende“? Eigentlich könnte er von Ex-Kanzler Olaf Scholz ein Honorar für die Zweitverwertung verlangen, witzelt Gabriel am Schluss. Schon 2018 – vor Pandemie und Ukraine-Krieg – brachte er sein Buch heraus: „Zeitenwende in der Weltpolitik – mehr Verantwortung in ungewissen Zeiten“. Das war während der ersten Amtszeit Trumps. Seine Befunde von damals kann er heute nur dick unterstreichen. Gabriel ist ein blendender Rhetoriker, hat Fingerspitzengefühl für sein Publikum.

Die eigenen Interessen klar benennen

50 Minuten lang spricht er frei, geschliffen, pointiert – souverän sagen die einen, etwas oberlehrerhaft finden ihn andere. Er schlägt historische Bögen und liefert eine schonungslose Analyse der globalen Lage. „Wir sind die letzten Vegetarier in der Welt der Fleischfresser“: Während die Großmächte USA, China und Russland ihre Hemisphären abstecken, finde Europa kaum eine gemeinsame Linie.

Gabriel mahnt eine ehrliche „Interessenpolitik“ an, losgelöst von „Wertetabellen“. Nationalistisch will er sie nicht verstehen. Er setzt auf Europa und auf die Demokratie und „hofft, dass sie nicht durch die nächsten Wahlen ausgehöhlt wird“. Dafür bekommt er langen Applaus. Die Rechtspopulisten muss er dafür gar nicht beim Namen nennen.

Seit 2019 ist Sigmar Gabriel – als Nachfolger von Friedrich Merz – Vorsitzender der Atlantik-Brücke. Sie soll die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA stärken. Unter den neuen Vorzeichen vergebens? Im Gegenteil, beteuert der SPD-Mann im Gespräch mit der Redaktion, aktuell bekomme man viele Mitglieder hinzu. Viele wollten verstehen, was da in den USA passiert.

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Kennen sich schon lange: Ökonom und Wirtschaftsprofessor Peter Bofinger (links), Vorsitzender des Alumni-Vereins der Uni Würzburg, und der frühere SPD-Chef und Vizekanzler Sigmar Gabriel. // Thomas Obermeier

Illusionen macht sich Gabriel nicht. Dass die Vereinigten Staaten die Lieferketten für die deutsche Wirtschaft und die Verteidigung Europas sichern: „Das alles ist vorbei.“ Die USA konzentrierten sich auf den Indopazifik – „und das wird unter Trumps Nachfolgern so bleiben, Amerika wird nicht zurückkommen.“ Deshalb gelte es, neue Partner in der Welt zu finden – ohne sie mit ökologischen und sozialen Standards zu knebeln.

Für Deutschland und Europa stelle sich die Frage: „Sind wir bereit, unsere Freiheit zu verteidigen?“ Der Ex-Außenminister hat Zweifel. Die Bundeswehr werde dafür angesichts ihres Zustands noch zehn Jahre brauchen, lautet sein drastischer Befund.

Was Aufrüstung angeht, hat Gabriel ganz eigene Einblicke: Nach seinem Abgang bei Thyssenkrupp sitzt er seit Mai 2025 im Aufsichtsrat des Rüstungskonzerns Rheinmetall. Angesprochen darauf, bleibt er wortkarg. Was er „verlogen“ findet: Einerseits Unabhängigkeit von den USA zu fordern, „und dann so eine Firma nicht haben zu wollen“.

Deutschland aus der Komfortzone holen

Für ihn besteht kein Zweifel, dass die Ukraine weiter unterstützt werden muss, „damit sie standhält“. Denn Putin führe keinen Krieg gegen die Ukraine, „sondern gegen den ganzen Westen“. Gabriel lobt den Versuch von CDU-Kanzler Merz, eingefrorene russische Gelder sofort der Ukraine zur Verfügung zustellen. Dass sich die EU darauf nicht verständigen konnte, zeuge von deren Zustand.

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Volles Haus beim Vortrag mit Sigmar Gabriel im Audimax der Neuen Universität in Würzburg. // Thomas Obermeier

Und Deutschland selbst? Nicht nur militärisch schwach auf der Brust, sondern derzeit auch wirtschaftlich und gesellschaftlich. Um aus der „schwierigsten ökonomischen Krise seit Gründung der Bundesrepublik“ herauszukommen, hilft für Gabriel nur eines: Ärmel hochkrempeln, mehr arbeiten und anstrengen, „wir müssen unsere Leistungsfähigkeit steigern“. Zur Diskussion über eine Vier-Tage-Woche mag er angesichts des Fachkräftemangels nur den Kopf schütteln.

Gabriel blickt heute mit Abstand auf das politische Tagesgeschäft. Der Koalitionsregierung attestiert er teilweise handwerkliches Unvermögen, etwa bei der Rentenreform. Politik müsse auch Zumutungen formulieren und sie gegenüber der Bevölkerung begründen. Das kann – siehe Gerhard Schröder – Wählerstimmen und Ämter kosten, schafft aber auch neue Freiheiten. Sigmar Gabriel scheint sie zu genießen.

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