Bei bestem Frühlingswetter und mit außergewöhnlich großer Beteiligung hat Wildfleckens scheidender Bürgermeister Gerd Kleinhenz zum Ende seiner Amtszeit noch einmal zu einer öffentlichen Grenzbegehung eingeladen. Der traditionelle Grenzgang, der seit vielen Jahren fester Bestandteil der örtlichen Gemeinschaftspflege ist, wurde erneut vom Feldgeschworenen-Obmann Walter Vorndran gemeinsam mit seinen Feldgeschworenen-Kollegen vorbereitet und durchgeführt.
Dieses Mal hatten die Organisatoren eine ganz besondere Strecke ausgewählt: Im Mittelpunkt standen insgesamt sechs sogenannte Dreimärker – also Grenzsteine, an denen jeweils drei Gemeindegemarkungen zusammentreffen.
Treffpunkt der Teilnehmer war der Guckasparkplatz. Dort begrüßte Bürgermeister Kleinhenz die zahlreichen Besucher und zeigte sich sichtlich erfreut über den großen Zuspruch. Auch Obmann Vorndran hieß die Teilnehmer willkommen und stellte dabei fest, dass sich insgesamt 52 Personen in die Teilnehmerliste eingetragen hatten. Besonders bemerkenswert sei für ihn gewesen, dass sich unter den Teilnehmern viele neue Gesichter sowie auffallend viele jüngere Interessierte befanden. Dies wertete er als erfreuliches Zeichen dafür, dass das Interesse an örtlicher Geschichte, Grenzverläufen und altem Brauchtum auch in der jungen Generation weiterhin lebendig sei.
Daniel Kleinheinz mit dabei
Einen besonderen Gruß richtete Vorndran an den neuen ersten Bürgermeister Daniel Kleinheinz, der gemeinsam mit seiner Ehefrau und den beiden Kindern an der Grenzbegehung teilnahm. Dabei stellte sich heraus, dass Tochter Lucia mit gerade einmal acht Jahren die jüngste Teilnehmerin des gesamten Grenzgangs war.
Ebenfalls ausdrücklich begrüßt wurden der Vorsitzende der Jagdgenossenschaft Roland Fröhlich und seine Ehefrau. Vorndran dankte ihm sowie der gesamten Jagdgenossenschaft dafür, dass diese – wie bereits in den vergangenen Jahren – erneut die Kosten für die Getränke übernommen hatte.
Dankesworte richtete der Obmann außerdem an Jagdpächter Gerhard Fiedler für dessen Spende sowie an die Vorsitzende des Rhönklubzweigvereins Wildflecken, Steffi Eiter, und deren Vorstandsteam, die sich um die Verpflegung der Teilnehmer kümmerte. Ebenfalls sprach er dem Vorsitzenden des Feuerwehrvereins, Jan Weikard, und seinen Helfern seinen Dank aus. Sie sorgten für Bestuhlung, Getränke sowie den Shuttle-Service zum Guckas.
Besonders erfreut zeigte sich Vorndran zudem über die Teilnahme von drei Oberweißenbrunner Feldgeschworenen-Kollegen mit ihrem Obmann Markus Benkert. Zum Abschluss seiner Begrüßung sprach er ein ganz besonderes Lob aus: Dieses galt Walter Erb, der bislang an sämtlichen Grenzbegehungen teilgenommen hatte.
Anekdoten und Geschichten
Wie gewohnt hatte Walter Vorndran entlang der Strecke zahlreiche historische Informationen und Anekdoten vorbereitet. Bereits auf dem Weg zum ersten Dreimärker wurde ein erster Halt an einem Relikt aus den 1930er Jahren eingelegt. An noch sichtbaren Fundamenten erläuterte Vorndran, dass der Reichsarbeitsdienst dort einst eine Baracke errichtet hatte, die sogar über einen Wasseranschluss verfügte. Hierfür war eigens im Flurbereich „Kellerstein“ ein Brunnen angelegt worden – der sogenannte Aschenbrunnen. In den Jahren 1953 und 1954 entstand in unmittelbarer Nähe zudem die Jungviehweide mit Wirtschaftsgebäude, besser bekannt als Schlögelalm.
Für den Betrieb und die Versorgung des Viehs wurde Wasser benötigt. Deshalb verlängerte man damals die bereits vorhandene Wasserleitung vom Standort der ehemaligen Baracke bis hin zur Viehweide.
Stauchen als alter Brauch
Am ersten Dreimärker angekommen, erläuterte Vorndran den Teilnehmern ausführlich den alten Brauch des „Stauchens“ und dessen Bedeutung. Dabei wird die betreffende Person von zwei Helfern angehoben und mit dem Gesäß dreimal auf den Grenzstein herabgelassen. Das dadurch entstehende Schmerzempfinden solle – so die überlieferte Tradition – bis ins Gehirn vordringen und sich dort dauerhaft als Erinnerung an die genaue Lage des Grenzpunktes einprägen. Diese besondere Erfahrung durfte an diesem Tag Feldgeschworenen-Neuling Wolfgang Schmid machen.
Die Tour führte zu insgesamt sechs Dreimärkern. Diese befanden sich in den Flurbereichen „Eiserne Hand“ zwischen Wildflecken, Oberbach und Langenleiten, im Bereich „Guckas“ zwischen Wildflecken, Sandberg und Haselbach, im „Rotgraben“ zwischen Wildflecken, Haselbach und Oberwildflecken, zweimal im „Kappelbacher Grund“ zwischen Wildflecken, Haselbach und Frankenheim sowie schließlich im Bereich „Bastenrain“ zwischen Wildflecken, Frankenheim und Oberweißenbrunn.
Am Dreimärker an der Gemarkung Sandberg hatte Vorndran für Bürgermeister Kleinhenz eine besondere Überraschung vorbereitet. Gemeinsam mit dessen Nachfolger Daniel Kleinheinz sollte er eigentlich Sandbergs Bürgermeisterin Sonja Reubelt stauchen. Da diese jedoch terminlich verhindert war, musste ihr Stellvertreter Siegfried Söder das traditionelle Prozedere über sich ergehen lassen. Für ihn war das Stauchen völliges Neuland – entsprechend überrascht, aber auch angetan zeigte er sich von der ungewöhnlichen Zeremonie.
Feierliche Freilegung
Doch damit nicht genug der Überraschungen: Zurück am Guckasparkplatz wartete bereits die nächste Besonderheit auf die Teilnehmer. Dort fehlte seit Jahren ein Grenzstein, der eigentlich eine wichtige Ecke des Grenzverlaufs markieren sollte. Dieses Fehlen hatte Walter Vorndran schon längere Zeit gestört. Daher hatte er wenige Tage vor der öffentlichen Grenzbegehung – und ohne Wissen seiner Kollegen – anhand von GPS-Koordinaten prophylaktisch einen imaginären Grenzstein gesetzt. Dieser war zunächst verdeckt worden und wurde anschließend gemeinsam von Bürgermeister Kleinhenz und Obmann Vorndran feierlich freigelegt.
Anschließend führte die Strecke weiter über die Panzerstraße in Richtung Kappelbacher Grund. Unterhalb der Straße wurde der zweite Feldgeschworenen-Neuling, Horst Kleinheinz, auf dem Dreimärker zwischen Wildflecken, Haselbach und Oberwildflecken gestaucht und damit symbolisch mit der Grenzmarke vertraut gemacht.
Entlang des Bachlaufes Rotgraben führte der Weg weiter vorbei am Dreimärker Wildflecken–Haselbach–Frankenheim zu einem weiteren historischen Zeugnis aus den 1930er Jahren. Mit der Erweiterung des Bahnhofs, der Gleisanlagen, der Verladerampe und der Bahnstrecke nach Oberwildflecken wurde damals deutlich mehr Wasser für die Dampflokomotiven benötigt. Aus diesem Grund legte man im Kappelbacher Grund den sogenannten Sandbrunnen an und verlegte von dort eine Rohrleitung bis zum Bahnhof.
Durch den Bahntunnel
Der weitere Grenzverlauf führte schließlich durch den Bahntunnel, in dem zugleich auch der Rotgraben verläuft. Am sechsten Dreimärker zwischen Wildflecken, Frankenheim und Oberweißenbrunn angekommen, war für die Teilnehmer schnell klar, dass nun auch ein Oberweißenbrunner Feldgeschworener gestaucht werden müsse. Diese Aufgabe fiel Patrick Vorndran zu, der die Zeremonie mit einem schmerzhaften, aber humorvollen Lächeln über sich ergehen ließ.
Zum Abschluss präsentierte Walter Vorndran den Teilnehmern ein weiteres historisches Relikt: ein noch erhaltenes Betonbauwerk aus den Jahren 1918 beziehungsweise 1919. Vorndran erklärte, dass Wildflecken im Jahr 1919 erstmals elektrischen Strom erhielt.
Betreiber war damals Ingenieur Fritz Becker, der im heutigen E-Werk am Auershof tätig war. Becker plante zusätzlich am oberen Ortsrand von Wildflecken eine wasserbetriebene Turbine zur Stromerzeugung in das Betonbauwerk einzubauen. Der Wasserzulauf sollte dabei über eine offene Rinne erfolgen, deren Reste teilweise noch heute sichtbar sind. Gespeist werden sollte diese Anlage aus den Brückenquellen am oberen Sinnlauf.
Wohlverdiente Brotzeit
Da der Wettergott den Teilnehmern den gesamten Tag über wohlgesonnen war, konnte die Veranstaltung schließlich in gemütlicher Atmosphäre ausklingen. Vor dem Feuerwehrhaus nahmen die Teilnehmer an den vorbereiteten Tischen Platz und ließen sich die gespendete Brotzeit schmecken. Walter Vorndran ließ anhand der Flurkarten die gesamte Grenzbegehung nochmals Revue passieren und bedankte sich abschließend erneut bei allen Teilnehmern für ihr Interesse und ihre Teilnahme. Besonders charmant: Seine letzten Dankesworte richtete er – kniend – an die jüngste Teilnehmerin Lucia, die damit zweifellos zu den heimlichen Hauptpersonen dieses besonderen Grenzgangs zählte.











