So klappt Integration: In Schondra zeigt ein Beispiel, wie Menschen aus dem Kriegsland Ukraine auf dem unterfränkischen Arbeitsmarkt Fuß fassen können. Und was der Rhöner Unternehmer Thomas Schuhmann dabei leistet, zeigt auch: Ohne besondere Hilfe geht es nicht.
Schuhmann hat als Geschäftsführer mit seiner Möbel und Raum GmbH & Co. KG und ihren 40 Beschäftigten schon viel Verantwortung. Doch mit einer Mischung aus Nächstenliebe und Pragmatismus hat der 59-Jährige vor einem Jahr sprichwörtlich eine weitere Baustelle aufgemacht: Er begleitet vier Erwachsene aus der Ukraine dabei, beruflich auf eigenen Beinen zu stehen.
Betrieb gegründet
Oleg und Alex Voichuk profitieren davon. Die 33 und 35 Jahre alten Brüder gründeten 2022 mit Schuhmanns Hilfe im Rhön-Dorf Schondra einen kleinen Betrieb für Trockenbau. Die Ehefrauen der beiden Handwerker, Jana und Inna Voichuk, arbeiten wiederum in Schuhmanns Betrieb.
Klassische Kriegsflüchtlinge sind die Voichuk-Brüder nicht. Sie hatten ihre Heimat im Januar 2022, also wenige Wochen vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine, verlassen. Nach einer Zwischenstation in Polen landeten sie im Frühjahr zwecks Arbeit in Haßfurt. Ihre beiden Frauen waren im Februar 2022 nachgekommen.
In Haßfurt lernte Thomas Schuhmann über seine Schwester die Voichuks kennen. Ihm sei schnell klar geworden: Den Brüdern und ihren Frauen wollte er bei der Integration in den regionalen Arbeitsmarkt unbedingt helfen. Sein Beweggrund: „Ich bin nun mal Christ.“
Hochgradig akzeptiert
Hinzu kommt, dass der 59-Jährige allmählich auf dem Rückzug in Richtung Ruhestand ist. Maximilian Schuhmann, sein Sohn, ist ebenfalls Geschäftsführer bei „Möbel und Raum“. So hat der Seniorchef, wie er sagt, genug Zeit für Hingabe und die Unterstützung der beiden Paare aus der West-Ukraine.
Schuhmanns Wertschätzung für Oleg und Alex Voichuk stützt sich auch auf ihre Expertise: „Das sind Vollhandwerker“, meint der Schondraer Ladenbau-Unternehmer über die beiden Trockenbauer, die ihren Beruf gleich nach der Schule gelernt hatten. Bei der mainfränkischen Kundschaft seien sie deshalb „hochgradig akzeptiert“. Auch wenn die Voichuks nach eigenen Worten keine Dokumente über ihre Ausbildung vorlegen können. Aber das sei heute „beim Endkunden nie ein Problem“, sagt Schuhmann. Überhaupt seien die beiden Männer „absolut lernwillig und fleißig“.
Geld mit eigener Arbeit verdienen
Der Weg zur Selbstständigkeit war für die Brüder kurz. Bereits im Juni 2022 gründeten sie ihr kleines Unternehmen. „Wir wollten keine Hilfe vom Staat“, betont Oleg Voichuk. Geld mit eigener Arbeit verdienen, allein das sei ihm wichtig.
Den ersten Firmenwagen liehen sich die Brüder von Schuhmann. Den zweiten und deutlich größeren hätten sie schon aus ihren Firmenerlösen finanzieren können, sagt der Unternehmer aus Schondra, der in der Anfangszeit auch den einen oder anderen Auftrag vermittelte, bei Behördengängen half und Wohnungen im Nachbarort Schönderling auftat.
Mund-zu-Mund-Propaganda
Mittlerweile stehen die beiden Handwerker wirtschaftlich auf eigenen Beinen. Vor allem Mund-zu-Mund-Propaganda sichere ihnen im Umkreis von 70 Kilometern immer mehr Aufträge, sagt Oleg Voichuk. Schuhmann wiederum ist es wichtig zu erklären, dass er mit dem Betrieb der beiden Ukrainer nichts zu tun habe. Das sei allein deren Ding.
So ganz getrennt sind die Verbindungen nicht. Denn die Voichuks haben ihren Firmensitz auf dem Gelände von Schuhmanns Unternehmen. Und dessen Abteilung für Buchhaltung übernimmt Aufgaben für die Brüder – gegen ordnungsgemäße Bezahlung, wie Schuhmann betont.
Wer aus dem Ausland kommt und hier in Deutschland beruflich Fuß fassen will, steht bei der Anerkennung der Qualifikation oft vor einem Hindernislauf. Die Voichuk-Brüder hatten es hier vergleichsweise leicht, weil im Trockenbau die Gründung einer Firma keinen Meisterbrief verlangt.
Eine Hürde ist freilich die Sprache. Deutsch können weder die beiden Männer noch ihre Frauen fließend. Zum Glück sprächen auf den Baustellen viele Leute englisch, meint Oleg. Deutsch-Kurse haben er und sein Bruder Alex nicht besucht. Für die beiden Frauen will Thomas Schuhmann demnächst etwas in die Wege leiten.
Bisher wenige Arbeitskräfte auss der Ukraine
Was die Einbindung von Menschen aus der Ukraine in den mainfränkischen Arbeitsmarkt angeht, sind Oleg und Alex Voichuk eine Minderheit: Aus dem vom Krieg gebeutelten Land seien bislang nur wenige Arbeitskräfte oder Lehrlinge im unterfränkischen Handwerk angekommen, teilt die Handwerkskammer in Würzburg mit. Das liege unter anderem daran, dass der Großteil der Geflüchteten Frauen und Kinder seien, „die dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen“.
Laut Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sind 2022 etwa 132.000 Menschen aus der Ukraine nach Bayern gekommen. 11.000 von ihnen seien in festen Beschäftigungsverhältnissen. Auch für 2023 rechne man mit einem weiteren Zuzug. Bleibt also die Chance, dass sich Konstellationen wie in Schondra wiederholen. Für Unternehmer Schuhmann ist klar, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer dabei unbedingt Hilfe brauchen: „Man muss ihnen Türen öffnen.“
HIntergrund: Qualifikation von Berufstätigen aus der Ukraine
Wer zum vorübergehenden Schutz in Deutschland Aufenthaltsrecht hat, kann – wie im Fall der Geflüchteten aus dem Kriegsland Ukraine – hier unter gewissen Voraussetzungen seinem Beruf nachgehen. Hilfreich ist laut Handwerkskammer für Unterfranken dabei, wenn die Betroffenen ihre Qualifikation nachweisen können.
Ob eine ausländische Qualifikation in einem vergleichbaren Beruf in Deutschland anerkannt werden kann, regelt ein bestimmtes Verfahren. In Unterfranken ist dafür unter anderem die Handwerkskammer zuständig. Sie kann zunächst eine „teilweise Gleichwertigkeit“ feststellen, so dass Betroffene mit einer Anpassungsqualifizierung nachträglich die volle Anerkennung ihrer Qualifikation erlangen können.
Geflüchtete aus der Ukraine mit handwerklichen Berufsqualifikationen wie auch Betriebe, die solche Geflüchtete beschäftigen möchten, können sich bei der Handwerkskammer für Unterfranken beraten lassen. Infos: hwk-ufr.de („Service-Center“).
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