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Marktplatz in Neustadt
Da wo der Hund sein Beinchen hebt
60 Minuten Marktplatz NEC
 // Tobias Götz
Neustadt bei Coburg – Was kann man am Montagmittag in 60 Minuten schon auf dem Marktplatz in Neustadt bei Coburg sehen? Viel Platz, erfrischende Wasserspiele und einen arbeitsverweigernden Hund.

Es ist 11.30 Uhr und ich nähere mich dem neuen, modernen Marktplatz von Neustadt bei Coburg über die Heubischer Straße. Dort herrscht reges Treiben. Die Mittagspause beginnt allmählich und der Metzger am Platz ist hochfrequentiert.

Zwischen Rathaus, korrekt gepflanzten Bäumen und einer Häuserfront kommt man auf den ausladenden Marktplatz. Erst 2022 wurde er fertiggestellt. Montagmittag ist hier wenig los. Kein Wochenmarkt, keine Beleuchtung wie des Nachts und vor allem kein Schatten.

Der weiß gepflasterte Platz strahlt Moderne und gleichzeitig eine gewisse Kälte aus. Bepflanzung sucht man im Herzen vergebens, erst an den Terrassen, die zur St. Georg-Kirche hinaufführen, haben Büsche ihren Platz. 

Es ist ruhig auf diesen Terrassen. Im richtigen Winkel findet man sogar ein schattiges Plätzchen. Um diese Zeit spendet vor allem der Kirchturm – wie eine Sonnenuhr – einen stets wechselnden Bereich an Schatten.

Spendet Schatten wie eine Sonnenuhr: Die Kirche St. Georg
Spendet Schatten wie eine Sonnenuhr: Die Kirche St. Georg // Tobias Götz

Von der Glockenbergschule nebenan dringt kein Ton herüber. Die Ferien haben begonnen und ich sehe nur einen Hauswart die Vordertür aufschließen und darin verschwinden. Dafür herrscht Leben am Wasserspiel auf der ersten Terrasse des Platzes. 

Dort spielen Kinder in der Sonne mit den Wasserstrahlen, die abwechselnd aus dem Boden schießen. Dahinter erhebt sich der zum Marktplatz passende, modern-kantige Bau des Neustädter Ratshauses. Auch das Sparkassen-Gebäude am Rande erinnert an den Stil. Immerhin vermittelt der angedeutete Turm in der Ecke einen Hauch von mittelalterlichen Einflüssen trotz „flachdachiger“ Moderne.

Die Sparkasse setzt auf Turmbau.
Die Sparkasse setzt auf Turmbau. // Tobias Götz

Ansonsten säumt den Marktplatz eine Auswahl an Eisdielen, Cafés, Hotels und eine seit mehr als zehn Jahren geschlossene Löwen-Apotheke. In den vielen Eisdielen ist auch bereits zu dieser Zeit etwas los. Es könnte daran liegen, dass man dort Schatten findet.

Die Kinder am Wasserspiel werden gar nicht müde und die Sonne stört sie kaum. Es ist nun fast 12 Uhr. Eine Seniorin erhebt sich von ihrem Stuhl vor der Mediathek Neustadt und ruft ihren spielenden Enkel herbei. Die Fahrrad-Tour geht weiter, aber – so das Versprechen – man könne ja später nochmal hier vorbeikommen.

Danach geht eine Familie in die Mediathek, vor der soeben noch die Oma saß. Wenn sie wieder herauskommen, wird das Fazit gezogen, dass man somit genug Lesestoff für die kommenden Wochen habe. Stimmt, es sind ja Ferien! Endlich mal Zeit für etwas anderes als die viel zu schweren Schulbücher.

Das Rathaus und der Marktplatz bilden eine Einheit.
Das Rathaus und der Marktplatz bilden eine Einheit. // Tobias Götz

Ein Bellen erklingt aus der Ferne und mein Blick wandert über den Platz. Da ist kein Hund, obwohl … doch! Da steht er direkt am Wasserspiel. Er hebt sein Bein, es kommt aber nichts raus. Der Blickfang des Marktplatzes, der urinierende Hund, muss heute scheinbar gar nicht. Denn überall spritzt der Wasserpark, doch der Hund bleibt trocken. Sein Bein jedoch ist erhoben wie eh und je.

Ich frage mich, warum man dem armen Kerl keinen Laternenmast oder Baum – um wieder beim Schattenthema zu sein – hingestellt hat. Kein Wunder, dass er kein Interesse mehr am Markieren hat, wenn er dehydriert in der Sonne steht, stetig dabei sich aufzuheizen. Selbst die Kinder merken es, wenn sie im Versuch sich auf ihn zu setzen feststellen, wie heiß der Rücken des Hundes ist.

Der Hund steht allein. Bein gehoben, aber ohne Mission.
Der Hund steht allein. Bein gehoben, aber ohne Mission. // Tobias Götz

Es ist 12.15 Uhr, meine Zeit hier auf dem Marktplatz endet bald. Immerhin sind nun Wolken aufgezogen, die die Suche nach Schatten obsolet machen. Die Kehrseite: Nun haben die Kinder keinen Spaß mehr, weil es durch Schatten und Wind jetzt doch zu kalt zu werden droht. Das Dilemma des modernen Platzes offenbart sich. Zum Sitzen zu sonnig, doch ohne Sonne kein vergnügliches Wasserspiel. Eine Verkörperung des Konfliktes jung gegen Alt? – Aber ich schweife ab.

Der Rest des Platzes bleibt auch nach fast 60 Minuten weitgehend leer. Hier und da kreuzt ein Fußgänger oder Radfahrer, auch ein Auto findet mal den Weg daran vorbei. Als ich mich bereit mache zu gehen, kehrt die Sonne wieder zurück und der Spaß am Wasserspiel beginnt erneut.

Ich kehre dem Platz meinen Rücken, wandere am Rathaus samt bepflanzter Baumgalerie vorbei und beschließe auch beim Metzger haltzumachen. Für einen Montagmittag herrscht erstaunlich viel (junges) Leben auf dem modernen Marktplatz. Doch angesichts des Schattenmangels bleibt niemand wirklich länger als 60 Minuten hier. Nur der treue und nicht pinkelnde Hund hält auf drei Beinen die Stellung und wartet, bis St. Georg ihm morgen wieder etwas Schatten spendet.  

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