Viel ist nicht los, an der ehemaligen Grenze zwischen BRD und DDR bei Eisfeld-Rottenbach. An der Tankstelle dort stehen nur wenige Autos und LKW. Im Shop gibt es Leberkäsebrötchen und Bockwurst. Die Hamburger, die lecker aussehen und auf einer Tafel angepriesen werden, aber nicht: „Am Wochenende machen wir die nicht“, sagt der freundliche Mann hinter dem Tresen. Links und rechts Wald im Herbstlaub, und auch auf der Straße fährt nur selten ein Auto vorbei.
Dass das ganz anders war, am 9. November vor 35 Jahren, kann man sich denken. Am Tag des Mauerfalls passierten auch hier DDR-Bürger die Grenze. Ein gewichtiges Ereignis geschah aber schon früher, am 19. Dezember 1975. Das weiß Sven Gregor zu berichten. Und davon erzählt der Landrat von Hildburghausen an diesem nebligen Samstagmorgen auch Horst Teltschik, der dort zu Gast ist. Wenn Helmut Kohl als „Vater der Einheit“ bezeichnet wird, dann ist Teltschik so etwas wie der Vater-Berater. Der heute 84-Jährige war maßgeblich an allem beteiligt, was zur deutschen Einheit geführt hatte. Am 9. November 2024, genau 35 Jahre nach dem Mauerfall besuchte er die Gedenkstätte dort an der ehemaligen Grenze.
Ja, 1975 also – da hatte es im Bereich dieser Grenze zwei Tote gegeben. Werner Weinhold aus Dresden, Wehrpflichtiger beim 14. Panzerregiment der NVA, beschließt zu fliehen. Der in der DDR vorbestrafte Mann hatte sich dazu unter anderem eine Maschinenpistole besorgt und 390 Schuss Munition. Auf seiner Flucht erschießt er zwei Grenzsoldaten, 20 und 21 Jahre alt. Später im Westen behauptet er, aus Notwehr geschossen zu haben. An der Darstellung gibt es Zweifel, es kann aber nichts bewiesen werden. Weinhold wird im Westen nicht verurteilt. Horst Teltschik hört interessiert zu, noch bevor das offizielle Gedenken am Grenzturm, der heute ein Museum ist, beginnt.
Es geht um viele kleine Geschichten, an diesem Gedenktag. Natürlich auch um das epochale Ereignis und um die Verdienste von Teltschik. Was er und andere in der Wendezeit getan hätten, sei eine „historische Meisterleistung“, sagt Coburgs Landrat Sebastian Straubel (CSU). Und Sven Gregor (Freie Wähler) betont den Kraftakt, den es brauchte, um die Einheit in dem einen Jahr nach dem Mauerfall auf die Beine zu stellen. „Wenn ich mir überlege, dass wir als Kommunalpolitiker manchmal fünf Jahre brauchen, um eine Baumaßnahme durchzubringen.“
Mit Helmut Kohl zum Checkpoint Charlie
Teltschik hat keine Rede vorbereitet. „Ich will einfach den Moment und den Ort erleben.“ Und er erzählt Anekdoten aus den Tagen, die den Kontinent erschütterten. Dass er mit Kohl in Warschau war, als sie zum ersten Mal hörten, dass in der DDR etwas vor sich gehe. „Da müssen wir sein, wussten wir. Wir müssen nach Berlin. Aber das war nicht so einfach. Mit einer bundesdeutschen Maschine durften wir nicht einfach so nach Berlin fliegen“. Der US-Botschafter habe helfen müssen, damit Kanzler und Berater in einer amerikanischen Maschine nach Berlin konnten.
„Und dann hat Kohl gesagt: Komm, wir fahren zum Checkpoint Charlie“, erzählt Teltschik. „Also sind wir hin. Nur wir beide, ohne Sicherheitsbeamte. Dann sind wir aus dem Auto ausgestiegen und haben es gesehen, wie die Menschen in den Westen strömten. Und als die wiederum Helmut Kohl gesehen haben – da gab es kein Halten mehr. Alle wollten sie ihn berühren, ihn anfassen!“
Die Brieffreundin aus der DDR
Teltschik hatte schon in seiner Jugend am Tegernsee den Kontakt in die DDR gesucht. Über eine kirchliche Einrichtung konnte er eine Brieffreundschaft mit einer jungen Frau im Osten eingehen. Durch ein Besuchsprogramm habe er sie dann irgendwann in Ost-Berlin treffen können. „Da sind Tränen geflossen“, sagt er. Und er ist auch in diesem Moment bewegt – denn sie ist da, an der Grenze zwischen Franken und Thüringen, die Edeltraut. Aus Ruhland stamme sie ursprünglich, sagt Edeltraut Wichert, sie ist mit ihrer Tochter Daniela zum Gedenken gekommen. Oft habe sie den Horst nicht gesehen, nach der Wende. „Zum ersten Mal so vor 15 Jahren, da hat er eine Rede in Coburg gehalten.“ Aber den Kontakt gehalten und geschrieben haben sie sich immer – „und Telefone gibt es ja auch.“
Nur kurz kann Teltschik sich mit Edeltraut unterhalten, dann wollen sie ihm alle den Grenzturm, die jetzige Gedenkstätte, zeigen. Und auch da geht es weiter mit den Anekdoten, zum Beispiel vom Gedenkstättenleiter Heiko Haine. Der berichtet zum Beispiel von dem US-Soldaten, der seinen Jeep nahe der Grenze abgestellt hatte, um mit dem Fernglas in die DDR zu schauen. „Und dann hat der durch sein Fernglas gesehen, wie sein eigener Jeep den 400 Meter langen Hang in Richtung DDR wegrollte und in Grenzanlagen krachte – der hat ganz schön Fahrt aufgenommen!“ Handbremse vergessen – kommt in den besten Armeen vor...
Oder davon, dass Haine irgendwann Einsicht in seine eigene Stasi-Akte genommen hat. „Vier Seiten war die nur dick. Eine Seite davon war dann der erste Liebesbrief, den ich damals meiner Freundin geschrieben hatte.“ Was so ein Brief in der Akte verloren hatte? „Später hat sich herausgestellt, dass ihr Vater Offizier bei der Stasi war.“
Russland nicht als Partner aufgeben
Ganz ohne mahnende Worte kommt aber Horst Teltschik nicht aus, an diesem 9. November. Wo der Geist von 1989 und 1990 geblieben sei, müssten sich auch die Verantwortlichen, müsste sich auch die heutige Generation fragen. Und dass man daran glauben müsse, dass man Dinge ändern kann. Und man dürfe Russland nicht abschreiben. Man müsse fragen, wo die Spannungen herkamen, die zum Krieg geführt haben. „Ich habe viel mit Russland und den Russen zu tun gehabt, mit guten, wertvollen Menschen. Wir dürfen Russland als möglichen Partner nicht aufgeben. Russland ist nicht nur Putin.“
Denn schon einmal sei etwas geschehen, das niemand für möglich gehalten hatte. Teltschik erinnerte an die Pariser Charta, am 21. November 1990 unterzeichnet, die eine neue, friedliche Architektur für Europa vorgesehen hatte. 32 europäische Staaten, von Deutschland über San Marino, von Island über den Heiligen Stuhl sowie die USA und Kanada hatten sie unterzeichnet. Und auch Gorbatschow für die Sowjetunion. „Und dann, nach seiner Unterschrift, ist Gorbatschow aufgestanden, und hat gesagt, wir müssten nun von der Diktatur in die Demokratie kommen, von der Kommandowirtschaft in die Marktwirtschaft. Wer hätte damals geglaubt, dass das passieren kann?“
„Republikflucht“ als Tondokument
Die Republikflucht aus der DDR als Tondokument
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