Die 329 Tage zur Einheit - so heißt das Buch, aus dem Kanzlerberater Horst Teltschik in Coburg liest (18.00 Rathaus, Sitzungssaal). Er war dabei, als Sowjetführer Michail Gorbatschow zum ersten Mal sagte, dass die Zukunft Deutschlands in den Händen des deutschen Volkes liege. Aber nach dem Ende des Kalten Krieges - wie sieht er die heutige Lage im neuen Kalten Krieg, mit Ukraine, Trump und Atomwaffen?
Haben Sie mit diesem Ausgang der Wahl in den USA gerechnet?
Ich habe diesen Wahlausgang in den USA befürchtet. Es ist der Vize-Präsidentin Kamala Harris nicht gelungen, in ihrer Amtszeit im Weißen Haus ein eigenständiges und überzeugendes politisches Profil zu gewinnen. Ihr Präsident Biden hat ihr auch nicht den dafür nötigen politischen Spielraum eingeräumt und Charme allein reicht nicht aus, wenn es darum geht, einen skrupellosen und machtbewussten Gegenkandidaten wie Trump zu besiegen.
Werden die USA eine Demokratie bleiben? Stichwort Project 2025.
Selbstverständlich werden die USA eine Demokratie bleiben. Pläne wie das Projekt 2025 zur totalen Umgestaltung der amerikanischen Administration werden auf vielfachen Widerstand im Kongress, bei der Justiz, in den Medien, in den Thinktanks und Universitäten stoßen. Vermutlich wäre eine solche Auseinandersetzung hilfreich, um die demokratischen Kräfte zu mobilisieren.
Sind die Amerikaner auch in Zukunft unser Partner?
Die USA sind global die stärkste Macht, politisch, wirtschaftlich und militärisch. Sie sind als Führungsmacht in der NATO der Garant für die Sicherheit aller Mitgliedsstaaten. Sie erwarten aber zu Recht eine faire Lasten- und Arbeitsteilung innerhalb des gemeinsamen Bündnisses.
Mit der Wende, die Sie im innersten politischen Kern miterlebt haben, endete der Kalte Krieg. Jetzt sind wir wieder in einem. Sind die Situationen vergleichbar?
Heute hat sich der Kalte Krieg partiell zu einem heißen Krieg in der Ukraine weiter entwickelt. Wir können nicht ausschließen, dass Präsident Putin diesen Krieg ausweitet, militärisch und regional. Er hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er bereit ist, ganze Städte wie in Tschetschenien und in Syrien dem Erdboden gleichzumachen. 600.000 Menschen haben in Syrien ihr Leben verloren. Die Situationen sind nicht vergleichbar, aber der Krieg in der Ukraine geht unvermindert weiter.
Wie kann ein Dialog mit Russland wieder aufgenommen werden, wenn überhaupt?
Es gibt darauf keine abschließende Antwort. Könnte China mit Indien oder mit der Türkei oder Südafrika für eine Vermittlerrolle gewonnen werden? Könnten Politiker eine vertrauliche Vermittlerrolle einnehmen, wie zum Beispiel Bundeskanzlerin Merkel, die am häufigsten zu Vier-Augengesprächen mit Putin zusammengetroffen ist; Präsident Putin schätzt sie nachweislich sehr. Bundeskanzler Schröder hat sich aufgrund seiner Eigenwerbung selbst verbrannt.
Hat hier auch der Westen in den vergangenen 15 Jahren Fehler gemacht, die zur jetzigen Situation beigetragen haben?
Das ist eine berechtigte Frage. Im November 1990 hatten sich alle 34 Staats- und Regierungschefs der KSZE-Staaten in Paris getroffen und die „Charta von Paris für ein neues Europa“ unterschrieben. Das war der Traum von einer gesamteuropäischen Friedens- und Sicherheitsordnung von Vancouver bis Wladiwostok. Das Zeitalter der Konfrontation und der Teilung Europas sei zu Ende gegangen. Sicherheit sei unteilbar und untrennbar mit der aller anderen verbunden. Ein Traum schien Wirklichkeit geworden zu sein. Alle müssen sich fragen, was haben sie aus dieser Vereinbarung gemacht?
Ist es besorgniserregend, dass es nunmehr nicht zwei Blöcke und nennenswerte Atommächte gibt, sondern viele?
Viele „Atommächte“ bedeuten ein größeres Risiko, dass atomare Waffen verfügbar und eingesetzt werden können. Man denke nur an Nordkorea oder an den Iran, die von totalitären Regierungen regiert werden. Dieses Risiko steigt, weil die atomaren Waffensysteme mit verschiedener Sprengkraft gezielt eingesetzt werden können.
In Ihrem Buch beschreiben Sie den Weg zur Wende. Hat es den einen Moment gegeben, in dem Sie gespürt haben: Jetzt können wir nach der Einheit greifen, jetzt ist die Chance?
Ich habe bereits im Sommer 1989 in einem Interview im Bonner General-Anzeiger darauf hingewiesen, dass die beginnenden Reformbestrebungen in den Warschauer Pakt-Staaten, vor allem in der Sowjetunion selbst, vergleichbare Auswirkungen auf die DDR haben werden und damit die Grundsatzfrage der Einheit wieder auf die Tagesordnung der internationalen Politik bringen wird. Der Bundeskanzler ist daraufhin von Politikern vor allem der Opposition aufgefordert worden, mich zu entlassen.
Wenn Sie jetzt die politischen Unterschiede und das Misstrauen zwischen Ost- und West-Deutschen sehen, berührt Sie das?
Ja, sehr. Ich hatte seit meiner Schülerzeit Brieffreundschaften mit Gleichaltrigen in der DDR. Als Student in Berlin konnten wir uns nach dem Passierscheinabkommen von Willy Brandt in Ostberlin treffen. Die beruflichen Probleme, die schwierigen Lebensumstände, die persönlichen Opfer, die meine Freunde als praktizierende Christen erbringen mussten, weil sie keine Mitglieder der SED waren, haben mich stets sehr bewegt. Ich habe manches Mal davon geträumt, die Mauer niederreißen zu können und meine Freunde zu befreien. Wie habe ich mich gefreut, dann persönlich beitragen zu können, dass die Wiedervereinigung möglich wurde. Heute ist das alles Geschichte, aber sie beeinflusst noch immer die persönlichen Beziehungen. Ich verstehe das, weil ich als sudetendeutsches Flüchtlingskind nach 1946 in Oberbayern aufgewachsen bin. Das war auch nicht immer einfach, aber Selbstmitleid hilft schon gar nicht.
Welche Fehler wurden im Zuge der Wiedervereinigung gemacht – in den 20 Jahren danach?
Aus meiner Sicht haben die Verantwortlichen auf beiden Seiten das Bestmögliche versucht. Sie konnten aber auf keine Erfahrung zurückgreifen. Und verständlicherweise standen die persönlichen Interessen im Vordergrund. Aber allein die Tatsache, dass rund 500.000 sowjetische Truppen und rund 300.000 Familienangehörige aus allen Warschauer Pakt-Staaten mit allen ihren Waffensystemen in der vereinbarten Zeit friedlich in die Sowjetunion zurückgekehrt sind, ist fast als Wunder zu bezeichnen. Wer will in diesem Zusammenhang über „Fehler“ reden.
Sie sind am Samstag an der Grenze bei Eisfeld. Was können Menschen und Politik in Grenzgebieten, wie in dem unseren, beitragen, um Gräben zu überwinden?
Sie sollten jeden Anlass zu gemeinsamen Unternehmungen und Feiern nutzen. Nach meiner Erfahrung sind die Bürger selbst sehr erfindungsreich, wenn es um gemeinsames Feiern und um gemeinsame Unternehmungen geht und das alles grenz- und ortsüberschreitend. Sie brauchen oft nur einen Anstoß und aktive Freunde.
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