Vor Wochen war er zu den diesjährigen Jubiläumsfestspielen in Bayreuth ein- und kurz danach wieder ausgeladen worden. Aus Sicherheitsgründen, so hieß es aus dem Büro der Festspielleitung. Als könnte dieser Einwand nicht entkräftet werden.
Das muss sich wohl auch Festspielleiterin und Richard-Wagner-Urenkelin Katharina Wagner gedacht haben, als sie nach öffentlich harscher Kritik den wohl sichtlich vor den Kopf Gestoßenen anrief, sich entschuldigte ( „Eine Verkettung organisatorischer und sicherheitsrelevanter Fehleinschätzungen“) und einen neuen Termin vorschlug. Michel Friedmann schlug ein („Nehme ich gerne an“).
Und so sprach der 70-Jährige vor vollem Haus an Bayreuths „Grünem Hügel“ im Rahmen der 150. Festspiele. „An diesem Sonntag beginnt das neue Bayreuth“, schwärmte der Publizist in seiner von Anfang bis Ende fulminanten und teils sehr persönlich gehaltenen Rede mit viel Lob an die künstlerische Leiterin Wagner („meine Freundin“). Das Publikum dankte ihm nach gut einer Stunde mit frenetischem Beifall und „Standing Ovations“.
Dabei hatte die Hausherrin schon einige Zeit neue Wege beschritten und die geistige Welt am „Grünen Hügel“ geöffnet („Gegen Rassismus und Verharmlosung der Geschichte“). Bereits seit 2012 befindet sich die Dauerausstellung „Verstummte Stimmen“ im Park unterhalb des Festspielhauses. Sie zeigt die Vertreibung der Juden aus der Oper in den Jahren 1933 bis 1945 und zeichnet die Prozesse von Ausgrenzung und Verfolgung nach.
„Sie wurden auf Grund von Herkunft und politischer Haltung ausgegrenzt, denunziert und der Verfolgung preisgegeben, entlassen, ins Exil oder in die Deportation und den Tod getrieben, Karrieren und Leben wurden zerstört. Wir bekennen uns dazu, dass die Erinnerung an das damals geschehene Unrecht heute und in der Zukunft wachgehalten wird,“ so die seinerzeit beteiligten Intendanten der Häuser in Deutschland.
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Wachhalten, erinnern, aufarbeiten, das will Michel Friedmann auch. Er erinnerte an Hitler, der am Hügel einige Jahre quasi ein- und ausging und auch ein sehr persönliches Verhältnis mit Teilen der Familie Wagner hatte. Und auch an die Brüder Wieland und Wolfgang, die 1951 das Zepter übernahmen und baten,„doch freundlichst von politischen Gesprächen“ Abstand zu nehmen, um den Spieleablauf ohne Probleme zu gewährleisten.“ Viel zu lange habe man geschwiegen. Aber jetzt stehe er, Friedmann, als Jude auf dieser Bühne: „Ich weiß nicht, ob es (den bekennenden Antisemiten) Richard Wagner geärgert hätte.“
Warnung vor der AfD
„Wir müssen die Erinnerungen kennen, nur dann können wir daraus lernen.“ Und sich damit auseinandersetzen, als Demokraten, was auch Streitigkeiten beinhalte, um sich aber anschließend wieder die Hand zu reichen. Das böte nur die Demokratie: „Wer in Bayern abends mit dem Ziel zu Bett geht, morgens zu wandern, wird dies wohl tun können. Wer in Teheran oder Peking zu Bett geht, weiß nicht, ob er sich nicht am nächsten Morgen im Gefängnis wiederfindet.“
Friedmann plädierte leidenschaftlich für die Demokratie und warnte vor einem möglichen Wahlausgang in Sachsen-Anhalt: „Das liegt nicht sonstwo, sondern mitten in Deutschland. Warum nehmen wir sie nicht ernst? Wenn nicht jetzt, wann denn dann?“
Er selbst habe seit einigen Jahren Angst in Deutschland, weil der Judenhass ständig zunehme.
Der deutsch-französische Publizist fragte seine Zuhörer: „Sind wir demokratiemüde geworden?“ Er appellierte an die Möglichkeiten, die unsere Staatsform bietet und warnte: „Jede Stimme, die wir antidemokratischen Parteien geben, gibt ihnen mehr Macht. Was muss eigentlich noch passieren, damit wir persönlich unsere Demokratie verteidigen? Wir dürfen doch ihre Werte und Ziele nicht ablegen.“













