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Endlagersuche läuft
Atommüll: Könnte das Endlager vor unserer Haustür entstehen?
Atomares Zwischenlager
Bis es ein Atomendlager für hochradioaktiven Abfall in Deutschland geben wird, wird es noch Jahrzehnte dauern. Derzeit lagern die Castoren mit dem strahlenden Müll in 16 Zwischenlagern. (Archivbild) // Uli Deck/dpa
Kulmbach/Bayreuth – Trotz aller politischen Beteuerungen aus München: Bayern könnte sehr wohl zum Standort für ein Endlager von Atommüll werden. In der engeren Wahl stehen aktuell zwei Gemeinden vor der Haustür.

Haben sich Bayern und seine politische Vertretung zu früh gefreut? Es sieht danach aus, denn: Noch vor wenigen Jahren verlautbarten die zuständigen Stellen, dass die Sucher nach einem Endlager für den deutschen Atommüll sicher nicht im Freistaat fündig würden. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte sich sogar expressis verbis gegen ein solches Endlager vor der Haustür ausgesprochen, denn der Freistaat sei dafür geologisch ungeeignet.

Nun aber ist eine mögliche Kehrtwende eingetreten - und sogar Oberfranken steht (wieder) auf der Liste potenzieller Stätten. Demnach kommen auch Regionen mit Kristallingestein wie etwa Granit, Gneis oder Marmor in Betracht. Und damit Orte wie Bischofsgrün oder Weißenstadt im Fichtelgebirge.

Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) hat ein aktuelles Ergebnis ihres Prozesses veröffentlicht, Ende 2027 will sie Orte für die oberirdische Erkundung vorschlagen; die finale Entscheidung hat der Gesetzgeber zu treffen.

Blick zur Kulmbacher Plassenburg

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Gesucht wird bis spätestens 2050 ein Lager für rund 27.000 Kubikmeter hoch-radioaktiven Atommülls, der in über 60 Jahren Kernkraftnutzung angefallen ist. Voraussetzung für den Standort: Er soll Sicherheit für eine Million Jahre bieten.

SPD-Abgeordneter ist überrascht

In Weißenstadt hält sich die Begeisterung um die Nachricht erwartungsgemäß in Grenzen. Holger Grießhammer (SPD) kommt selber aus Weißenstadt und vertritt seit 2020 den Wahlkreis Kulmbach-Wunsiedel, er ist zugleich auch Fraktionsvorsitzender der Sozialdemokraten im Landtag.

Unserer Redaktion sagt er auf Nachfrage: "Es überrascht mich doch sehr, dass wir jetzt wieder in der engeren Auswahl sind. Die Bohrungen für unsere Thermalquelle hatten ja eigentlich bewiesen, dass es ganz tief im Granit immer wieder zu Wassereintritten kommt, was ursprünglich als Ausschlusskriterium für ein atomares Endlager galt."

Besagte Quellbohrung habe bis in eine Tiefe von 1800 Metern gereicht. Grießhammer selber verfalle noch nicht in den Panikmodus, "aber diese aktuellen Resultate müssen uns natürlich zu denken geben". 

Bischofsgrüns Bürgermeister Michael Schreier (SPD) fürchtet um die touristische Attraktivität der Region, sollte seine Kommune den "Zuschlag" für ein Endlager bekommen. "Wir beobachten den weiteren Fortgang natürlich genau, immerhin handelt es sich um eine fortgeschrittene Runde im Suchverfahren. Dazu kommt, dass wir keinen Einfluss auf die Suchkriterien haben."

Schreier sei davon ausgegangen, dass aufgrund früherer Ergebnisse der gesamte Fichtelgebirgsraum nicht infrage käme. "Wenige Kilometer weg von uns sind Gebiete aus der Kartierung rausgefallen, deswegen wundert es mich etwas, dass es jetzt wieder akut wird. Aber wir haben offenbar keine geologische Einheit unter unseren Füßen."

Einrichtung geht auf einen GAU zurück

Derzeit lagert deutscher Atommüll noch in 16 oberirdischen Zwischenlagern in verschiedenen Bundesländern - ein Standort ist das ehemalige AKW Grafenrheinfeld, das vor zehn Jahren vom Netz genommen wurde. Zuständig für den Rückbau ist die Außenstelle des Landesamts für Umweltschutz in Steinenhausen.

Es war einst ein tragisches Ereignis der Weltgeschichte, das für das dortige historische Schloss die Weichen stellte: Das Reaktorunglück in Tschernobyl am 26. April 1986 war der Auslöser dafür, dass in den ehemaligen Gemäuern des Freiherren von Guttenberg, am Zusammenfluss des Roten und des Weißen Mains gelegen, heute Umweltfachleute aus diversen Referaten und Fachabteilungen arbeiten. 1988 gab es den Startschuss für die Außenstelle des Landesamtes für Umweltschutz, kurz LfU.

Das Endziel für Grafenrheinfeld ist ein hehres: die Herstellung der „grünen Wiese“ direkt neben einem Atommüll-Zwischenlager. Die beiden markanten, je 143 Meter hohen Kühltürme fielen im August 2024. Der sogenannte Nachbetrieb dauerte vom Zeitpunkt der Abschaltung bis ins Jahr 2018, danach sprechen die Experten vom "Restbetrieb" mit einem Zeitfenster bis 2033. Der komplette Gebäudeabriss soll bis 2035 über die Bühne gegangen sein.

600 Brennstäbe fürs Zwischenlager

Für Grafenrheinfeld reden die LfU-Fachleute vom Ziel der „Kernbrennstoff-Freiheit“. Heißt: Alle Brennelemente - laut Betreiber Eon fast 600 an der Zahl - mussten dafür aus der Anlage entfernt werden. Dazu wurden sie zunächst aus dem Reaktor ins Abklingbecken befördert. Nach fünf Jahren ist das verstrahlte Material so weit abgekühlt, dass es in Schutzbehälter (Castoren) verpackt und auf dem Kraftwerksgelände ins Zwischendepot transportiert werden kann. Das trägt die wohlklingende Abkürzung „BELLA“ und steht für BrennELementeLAger.

Besagte Brennstäbe machten 99 Prozent der Radioaktivität in der gesamten Anlage aus. Darüber hinaus sind auch alle Bauteile, die mit Strahlung in Berührung kamen, zu reinigen und gegebenenfalls zwischenzulagern. Der Abbau erfolgt nach dem Prinzip „von innen nach außen“. Besonders knifflig ist das Zerlegen des Reaktordruckbehälters und seines Betonmantels; beides ist am stärksten kontaminiert. Die Komponenten werden dabei unter Wasser zerkleinert, um die Strahlung abzuschirmen.

19 Brennelemente passen in einen Castor, er wiegt beladen 120 Tonnen. 50 davon werden im „BELLA“ zwischengelagert. Der Zeithorizont dafür reicht 40 Jahre. Ob bis dahin ein Endlager nicht nur gefunden, sondern auch gebaut ist?

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