Historisches
Nazis sperren Kulmbacher ins Zuchthaus
Das Foto ging um den Globus: Die Anprangerung am 13. November 1938 wegen angeblicher „Rassenschade“ haben die Nazis an Zeitungen in alle Welt verschickt.
Das Foto ging um den Globus: Die Anprangerung am 13. November 1938 wegen angeblicher „Rassenschade“ haben die Nazis an Zeitungen in alle Welt verschickt.
Foto: Repro: Wolfgang Schoberth
Dagmar Strauß: Sie hat ein ergreifendes Buch über ihre Eltern und ihren Großvater Karl Strauß geschrieben.
Dagmar Strauß: Sie hat ein ergreifendes Buch über ihre Eltern und ihren Großvater Karl Strauß geschrieben.
Foto: FT
F-Signet von Wolfgang Schoberth Fränkischer Tag
Kulmbach – Die Enkeltochter des Viehhändlers Karl Strauß stößt auf eine große Zahl von Briefen ihrer Eltern aus der Zeit des Dritten Reichs. Was sie erfährt, ist für sie rätselhaft und schockierend.

Zweiundfünfzig Jahre alt ist Dagmar Strauß, sie lebt seit Jahren mit ihrem Mann in Israel, als etwas Unerhörtes passiert: 1996 entdeckt in Melbourne eine Verwandte in der ehemaligen Wohnung von Dagmars Eltern eine Ledermappe mit 160 Briefen aus der Nazizeit. Dagmar Strauß wusste bisher so gut wie nichts über die Vergangenheit ihrer Familie.

Ihre Eltern waren traumatisiert – und schwiegen. Allein, dass ihr Kulmbacher Großvater wegen einer „Arier-Sache“ ins Zuchthaus gebracht und später umgekommen sein soll, wusste sie. Die Korrespondenz erstreckt sich von 1935 bis 1939.

Deportation in verschiedene Konzentrationslager

Ihr Vater schreibt aus dem Zuchthaus und aus Internierungslagern. Kurz nach der Hochzeit im Dezember 1935 in Mühlheim a. R. wurde er verhaftet. Über zwei Jahre musste er im Zuchthaus Halle verbringen, im Juni 1938 wurde er nach Dachau gebracht, danach nach Flossenbürg und Buchenwald.

Welche entsetzlichen Qualen ihr Vater in den Lagern erleidet, spricht aus jeder Zeile – trotz der Beschönigungen und falschen Versicherungen, die wegen der Briefzensur erforderlich sind. Wiederholt ist in den Briefen ihrer Eltern von ihrem Kulmbacher Großvater Karl die Rede, der seinen Sohn auch zweimal im Zuchthaus besucht hat. „Er ist der beste Mensch, den ich kenne und seine Zukunft hängt von uns ab“, schreibt ihr Vater im Mai 1936.

Verurteilung wegen “Rassenschande“

Als Karl im März 1939 von der Großen Strafkammer Bayreuth „wegen des Verbrechens der Rassenschande“ zu acht Jahre Zuchthaus verurteilt wird, findet er die Kraft, aus der Zelle zu schreiben: „Denn euer Wohlergehen ist ein besonderer Trost für mich, und ich kann euch versichern, dass ich, im Vertrauen auf Gott, den Mut nicht sinken lassen werde.“

Karl Strauß
Karl Strauß
Foto: Repro: Wolfgang Schoberth

Je tiefer Dagmar Strauß in die Briefwelt eintaucht, umso deutlicher wird ihr die Tragik ihres Großvaters: 1905 heiratet er Frieda Hamburger; sie mieten eine Wohnung in der Kronacher Straße 3, zwei Jahre später wird Gottfried – ihr Vater – geboren. Schon 1923 stirbt Frieda mit 39 Jahren an Tuberkulose. Nach dem Ersten Weltkrieg kämpft Karl als Viehhändler ums Überleben.

Frieda Strauß
Frieda Strauß
Foto: Repro: Wolfgang Schoberth

Wegen der mageren Einnahmen vermietet er einige Zimmer an das Ehepaar Hans und Ida Weber. „Ida führt mir den Haushalt“, schreibt er 1937 – zu einem Zeitpunkt, als nach den Nürnberger Rassegesetzen keine Frauen unter 45 Jahren in einem jüdischen Haushalt beschäftigt sein durften. Als er September 1938 auf der Straße sitzt, nehmen ihn Ida und Hans Weber in ihrer neuen Unterkunft, Pörbitscher Weg 2, als Untermieter auf.

Das Halbwissen, das Dagmar Strauß den Briefen abgewinnt, reicht ihr nicht aus. Sie möchte die ganze Wahrheit, vor allem auch über ihren Großvater. 2001 beginnt sie im großen Stil zu recherchieren. Sie wendet sich an KZ-Gedenkstätten, zahlreiche Archive und beauftragt das Historisches Forschungsinstitut Berlin „Facts & Files“ mit Nachforschungen.

Verhör im Gefängnis des Kulmbacher Amtsgerichts

Um die Vorkommnisse um die „Reichskristallnacht“ in Kulmbach auszuleuchten, spüren die Wissenschaftler die Vernehmungsprotokolle der Kulmbacher Polizei und die Prozessakten des Bayreuther Landgerichts auf. Die Verfasserin zitiert ausführlich daraus.

Um das „Verbrechen der Rassenschande“ nachzuweisen, wird Ida Weber zwei Tage im Kulmbacher Amtsgerichtsgefängnis verhört, bis sie gesteht. Intime Details werden ihr abgepresst. Das Protokoll wird Karl Strauß vorgelesen. Er leugnet die sexuelle Beziehung nicht, doch verweist er auf ihr stetiges Einverständnis.

Nazis halten Schauprozess ab

Dazu die Verfasserin: „Die langwährende, persönliche und vielleicht sogar liebevolle Beziehung musste in der erzwungenen öffentlichen Preisgabe unweigerlich verzerrt werden, da sie als Verbrechen galt.“ Die Nazis haben die Gelegenheit zu einem Schauprozess genutzt. Der Auftakt dazu ist die von Parteistellen inszenierte Anprangerung, die detailliert beschrieben wird: Vor dem Fronfestenturm erwartet Ida Weber eine johlende Menge von einigen Hundert Kulmbachern.

Mit einem Schmähschild wird sie durch die Innenstadt geführt. Wie Dagmar Strauß herausgefunden hat, ist ein Fotograf mit Aufnahmen des widerlichen Spektakels beauftragt worden. Telegrafisch sind die Fotos an Zeitungen in alle Welt verschickt worden.

Acht Jahre Zuchthaus

Ida Weber wurde in die Zelle zurückgebracht und sechs Wochen später entlassen. Dagmar Strauß’ Großvater sieht die Freiheit nicht mehr: Nach fünf Monaten U-Haft beginnt am 17. Februar 1939 die Verhandlung vor der Großen Strafkammer. Am 15. März 1939 ergeht das Urteil: acht Jahre Zuchthaus.

Im April 1943 wird er von der Gestapo abgeholt und ins Polizeigefängnis Frankfurt transportiert, später nach Auschwitz gebracht. Dort verlieren sich die Spuren. Strauß’ Eltern flüchten 1939 nach Shanghai, 1947 nach Australien. „Mein Vater war ein gebrochener Mann. Ich habe ihn sehr geliebt, aber ich hatte schon als kleines Mädchen großes Mitleid mit ihm. Er sprach leise, seine ganze Körperhaltung war ohne Stolz. Ich bin sicher, dass der Verlust ihres Heimatlandes immerzu an meinen Eltern zehrte.“

Interview: „Ich möchte den Stolperstein für meinen Großvater sehen“

Dagmar Strauß hat die Geschichte ihrer Eltern und ihres Großvaters , der in Kulmbach gelebt hat, aufgearbeitet. Doch die Stadt selbst hat sie noch nie gesehen. Das möchte die Autorin in naher Zukunft ändern.

Wir sprechen Englisch, Sie fühlen sich da sicherer. War Ihr Deutsch denn gut genug, die Briefe Ihrer Eltern zu lesen und in den Archiven durchzusehen?

Dagmar Strauß: Eher nicht. Ich bin 1944 in Shanghai geboren, 1946 sind meine Eltern nach Australien ausgewandert, seit 1991 wohne ich mit meinem Mann in Israel. Zwar haben die Eltern zu uns, meiner Schwester Noemi, Deutsch gesprochen. Doch um die Briefe wirklich zu verstehen, habe ich sie ins Englische übersetzen lassen und mich für die Akten an eine professionelle Recherchegruppe in Berlin gewandt

Ihrem Großvater Karl Strauß, ist es gelungen, am Tag vor der „Reichskristallnacht“ die Thora der Kulmbacher Gemeinde an den Nazis vorbei nach Bamberg zu „schmuggeln“. War das, was folgte, die Rache?

Das glaube ich nicht. Die Tatsache, dass er Jude war, war Grund genug. Dass er gegen die Nürnberger Rassegesetze verstieß, war den Nazis vermutlich schon vorher zugetragen worden. Der „Schmuggel“ war eine zusätzliche und bequeme Ausrede.

Sie vermuten, trotz aller erzwungenen Geständnisse, dass es zwischen Ihrem Großvater Karl und Ida Weber eine innere Nähe gegeben hat?

Ich bin nach all den Recherchen nicht sicher: War es Liebe? Ich wollte einfach die Möglichkeit zulassen. Sie wurden öffentlich gedemütigt, ihre Beziehung wurde durch den Dreck gezogen, aber wer weiß, was wirklich zwischen zwei Menschen in einer intimen Beziehung passiert?

Wann haben Sie nach dem Krieg die Kraft gehabt, Deutschland, das Land der Täter, aufzusuchen?

2003 zusammen mit meiner älteren Schwester Noemi. Es war eine aufregende Erfahrung. Wir wollten Deutsch hören, das Land kennenlernen. Zudem wollten wir uns mit den Wissenschaftlern der Recherchegruppe in Berlin treffen. Mit ihnen zusammen sahen wir im Bundesarchiv die Originaldokumente durch, die meine Eltern und meinen Großvater betrafen. Wir besuchten das jüdische Museum, die Synagoge, die „Ausstellung „Topografie des Terrors“, doch auch „Unter den Linden“ und das moderne Berlin.

Haben Sie auch Kulmbach, die Stadt Ihrer Eltern, Großeltern und vieler Verwandter, besucht?

Nein, aber mein Mann und ich beabsichtigen, in nicht allzu ferner Zukunft Kulmbach zu besuchen. Wir möchten gerne den Stolperstein sehen, der zum Gedenken an meinen Großvater gelegt wurde.

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