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Sterbehilfe in Bad Kissingen
Inge Reichert-Deurer: „Ich will so nicht mehr weiterleben“
Inge Reichert-Deurer
Inge Reichert-Deurer // Archiv Robert Deurer
Bad Kissingen – Mutter, Ehefrau, Ärztin: Als das Leben der Bad Kissingerin wegen einer Krankheit nur noch aus Schmerzen bestand, entschied sie, sich das Leben zu nehmen. Ein Nachruf auf eine mutige Frau ohne Angst.

Wenn man 52 Jahre mit einem Menschen zusammen ist – kann man ihn dann mit wenigen Worten beschreiben? Robert Deurer (75) kann es. „Angstfrei, willensstark und voller Neugierde.“ So sei sie gewesen, seine Frau Inge Reichert-Deurer (73). Am 30. September 2024 starb die Ärztin und Mutter aus Bad Kissingen. Sie hatte diesen Tag selbst festgelegt. Bis zur letzten bewusst erlebten Sekunde war Inge Reichert-Deurer  ohne Angst – sogar etwas neugierig, ob und was sie hinter diesem Tor erwartet. Als das Narkosemittel durch ihre Adern floss, sagte sie  überrascht: „Oh, ich werde so leicht!“, so erinnert sich Robert Deurer. Dann starb sie, selbstbestimmt durch einen Suizid, organisiert durch eine Sterbehilfeorganisation in ihrem Haus in Bad Kissingen

„Meine Frau litt an Krankheiten, an denen man nicht stirbt“, erzählt Robert Deurer drei Monate nach ihrem Tod. Er sitzt am Küchentisch in der einen Doppelhaushälfte in Hausen. In der anderen Hälfte des Doppelhauses hatte Inge Reichert-Deurer die  Fachärztin für psychosomatische Medizin den letzten Jahren ihre Praxis.

Ein Cocktail starker Schmerzmittel

Was ihr das Leben so schwer machte, dass sie es beenden wollte: Schmerzen, die nur noch mit  mit einem Cocktail starker Schmerzmittel zu bekämpfen waren, gegen die sie allerdings zunehmend Allergien entwickelte. „Sie litt an einer fortschreitenden Erkrankung der Wirbelsäule, wodurch  Nerven eingeklemmt wurden. Als die Schmerzen immer stärker wurden, Taubheit in den Füßen auftrat und abzusehen war, dass sie demnächst nicht mehr würde aufstehen können, da entschied sie: Jetzt! Jetzt gehe ich", erzählt Robert Deurer.

Geboren am 3. Februar 1951, gestorben am 20. September  2024 – dazwischen liegt ein facettenreiches Leben einer Frau, die sich schon früh nicht durch Konventionen aufhalten ließ.

Sie hätte den Bauernhof übernehmen sollen

Hineingeboren wurde sie in einfache Verhältnisse. Der Vater hatte bei Künzelsau eine Landwirtschaft samt Weinbau. Weil die Eltern keinen Sohn hatten, sollte Inge  den Hof übernehmen. Das wollte sie nie. Sie suchte sich eine Lehrstelle als Bürokauffrau.

Doch  Inge wollte mehr vom Leben. Nach der Lehre ging sie im Rahmen eines freiwilligen sozialen Jahres als Schwesternhelferin nach London. London in den 70er Jahren, das war Hippie und Rock’n’Roll, „Aufbruchsstimmung nach dem Mief der Nachkriegszeit“, sagt der Robert Deurer.

Inge Reichert-Deurer und Robert Deurer in frühen Zeiten bei einer Weinlese.
Inge Reichert-Deurer und Robert Deurer in frühen Zeiten bei einer Weinlese. // Archiv Robert Deurer

Zurück in Deutschland meldete sie sich beim Hessenkolleg in Wiesbaden zum Abitur an. Sie wohnte in Mainz, und dort trafen sich Robert und Inge zum ersten Mal. Bei einer Partie Mühle in einer linken Szenekneipe zockte sie ihn ab, sie verliebten sich.

Die erste WG als soziopolitisches Experiment

Beide politisch und gesellschaftlich interessiert gründeten sie 1974 mit anderen Paaren eine Wohngemeinschaft.  WGs waren damals für viele noch gleichgesetzt mit Kommunen voller Hippies. „Aber wir haben das ernsthaft als Experiment betrieben, wie man lernt, zusammenzuleben. Wir hatten Raucher-Nichtraucher-Diskussionen, erarbeiteten, wie wir den Haushalt organisieren samt Putzdiensten, gemeinsamer Haushaltskasse und regelmäßiger gemeinsamer Diskussions- oder Spieleabende. Und wir mussten auch feststellen, dass für manche die Solidarität in Chile begann und in der WG-Küche aufhörte.“

Viel später, 2019, gab die Psychotherapeutin Inge Reichert-Deurer ihre Erfahrungen für Alters-WGs bei einer Veranstaltung der Schweinfurter Diakonie weiter.

Beide studierten mittlerweile in Heidelberg. Robert Mineralogie und Geologie, Inge  Medizin. Dann bekam Robert eine Stelle im Labor einer Erdölgesellschaft in Hannover. Sie packten damals ihre Ente voll bis unters Dach und zogen nach Hannover, wo Inge weiter Medizin studierte. Im Rahmen ihres Studiums war eine Famulatur, die Mitarbeit in einer Praxis vorgesehen.

Drei Monate in einem Krankenhaus in Ghana

Doch statt sich eine Praxis im Umfeld zu suchen, griff die mutige Frau nach der Welt: Sie erhielt eine Stelle in einem Buschkrankenhaus in Ghana.  Drei Monate arbeitete sie dort. Robert Deurer: „Ich habe sie dort besucht. Es mangelte an allem. Sie hat einfach hingelangt, assistierte bei Operationen unter einfachen Bedingungen. Wir sind anschließend noch einen Monat als Rucksacktouristen durch Ghana gereist."

Inge Reichert-Deurer während ihrer Zeit in Ghana. Sie arbeitete drei Monate dort in einem Krankenhaus.
Inge Reichert-Deurer während ihrer Zeit in Ghana. Sie arbeitete drei Monate dort in einem Krankenhaus. // Archiv Robert Deurer

1978 machte Robert ihr einen Heiratsantrag. Der erste Sohn wurde 1979 geboren, der zweite 1981, die Tochter 1987. Ein Leben als Mutter auch von Wunschkindern muss für Inge dennoch das Gegenteil ihres bisherigen Entwurfs vom selbstbestimmten Sein gewesen sein. Der Drang, als Ärztin zu arbeiten, war so groß, dass Robert drei Jahre zuhause blieb und die Kinder versorgte. „Das war schwierig für mich“, sagt er offen. Die Gesellschaft war noch nicht auf erziehende Väter eingestellt.

Nach den Kindern keine Stelle mehr in der Medizin

Inge arbeitete derweil in einer Lungenfachklinik. Als sie versuchte als Medizinerin nur noch halbtags zu arbeiten, traf ihr Wunsch mit der damaligen Ärzteschwemme zusammen. „Sie bekam keinen Fuß mehr rein“, sagt ihr Mann.

Als dann die Tochter zur Welt kam, wurde das gemeinsame Leben zur Herausforderung. „Ihr fehlte die Wertschätzung, die der Arztberuf mit sich bringt“, erzählt Robert Deurer.  Er arbeitete mittlerweile Baustoffbereich, sie versuchte, mit Bauchtanz eine Abwechslung zu finden. Inge, die sonst immer so kraftvoll und resilient war, wurde verzweifelt, depressiv, sagt Robert Deurer. Schließlich begann sie eine abendliche Weiterbildung an der Akademie für Tiefenpsychologie. Das hat sie wieder begeistert. Aber – „Wir verstanden uns nicht mehr gut“.

Inge Reichert-Deurer gebar drei Kinder. Ihnen wenige Monate vor ihrem Tod zu sagen, dass sie aus dem Leben scheiden werde, verlangte ihr viel Kraft ab.
Inge Reichert-Deurer gebar drei Kinder. Ihnen wenige Monate vor ihrem Tod zu sagen, dass sie aus dem Leben scheiden werde, verlangte ihr viel Kraft ab. // Archiv Robert Deurer

Inge bekam schließlich eine Stelle in einer weiter entfernten psychosomatischen Klinik.

Nach der Trennung: „Zusammen sind wir besser“

Sie führten nun eine Wochenendehe, trennten sich schließlich, versuchten jeweils andere Beziehungen. Dabei hatten sie aber immer noch ein Grundvertrauen zueinander. „Heute denke ich, wir waren nie wirklich getrennt. Und irgendwann haben wir gemerkt: Zusammen sind wir besser“, sagt er.

Robert, der sich schon lange in seinem Beruf nicht mehr wohlfühlte, hatte sich in den letzten Jahren nebenberuflich im therapeutischen Bereich weitergebildet. Die Kinder waren inzwischen flügge. Damit war auch er nicht mehr örtlich gebunden. So landeten beide schließlich in den Heiligenfeld Kliniken in Bad Kissingen, sie als Ärtzin für psychosomatische Medizin und er als Kreativtherapeut. Sie hatten in Bad Kissingen ein älteres Haus mit Garten gekauft und renoviert. Es folgten einige glückliche Jahre.

Am Ende blieb nur noch die Couch

Dann traten bei Inge erste Bewegungseinschränkungen und Schmerzen auf, die im Lauf der Jahre zunahmen und mehr und mehr ihren Alltag prägten. Sie, die früher gerne wanderte und tanzte musste sich auf immer kürzer werdende kleine Spaziergänge beschränken.

Inge Reichert-Deurer konnte sich zum Schluss nur noch sehr schlecht bewegen. Die Schmerzen wurden unerträglich.
Inge Reichert-Deurer konnte sich zum Schluss nur noch sehr schlecht bewegen. Die Schmerzen wurden unerträglich. // Archiv Robert Deurer

Ihre Mitgliedschaft im Chor „InTakt“ in Garitz hatte sie schon ad acta gelegt – sie konnte nicht mehr längere Zeit stehen. Als einzige halbwegs angenehme Körperhaltung blieb am Ende nur noch die Couch, liegend, rechts und links mit einer Katze. Eine letzte Rückenoperation hatte keinen bleibenden Erfolg.

„Ich bin des Lebens müde“

Aussicht auf Besserung und Heilung gab es nicht mehr.  Das wusste sie als Ärztin. Ein Jahr vor ihrem Tod, mit 72 Jahren, sagte sie es zum ersten Mal. „Ich will so nicht mehr weiterleben. Ich habe im Leben alles gehabt, ich hadere nicht damit, irgendwann ist es gut. Ich bin des Lebens müde.“

Angst vor dem Tod habe sie nie gehabt, sagt der Witwer: „Sie war ein spiritueller Mensch und schon immer interessiert, was nach dem Sterben kommt. Sie wusste: Ich bin jetzt dran – warum etwas hinauszögern, was ich nicht gewinnen kann?“ Sie nahm Kontakt mit einer Sterbehilfeorganisation auf.

Der Entschluss zu sterben wurde einvernehmlich getroffen

„Ich hätte und habe alles für sie gemacht. Vielleicht habe ich sie so ein bisschen länger im Leben gehalten. Aber zum Schluss wurde es sehr schlimm für sie. Und ich sagte zu ihr: "Ich kann nicht von dir verlangen, dass du dich für mich weiter quälst.“ Schlussendlich sei der Entschluss einvernehmlich getroffen worden.

Der 30. September 2024 sollte der letzte Tag sein. Sie widmeten jedem Kind ein Wochenende in Bad Kissingen, um den Söhnen und der Tochter den Entschluss nahezubringen. „Das“, erinnert sich Robert Deurer, „war ein Kraftakt. Die Kinder waren erst sehr schockiert, aber letztlich einsichtig, weil sie sahen, dass es ihrer Mutter immer schlechter ging.“

Die letzten Wochen und Monate sprachen Inge und Robert sehr viel, „Alles ist nie geklärt, aber wir haben uns ausgesprochen. Ansonsten lebten wir unsere normales Leben weiter, aber ich habe auch geweint", sagt Robert Deurer.

Der letzte gemeinsame Abend

Am Abend vor dem Todestag saßen sie mit engen Freunden zusammen. Das letzte Zusammentreffen war nicht ohne Komik. Inge griff zu Knabbereien, sagte: „Ich muss damit aufhören, ich werde zu dick“, da fiel ihr ein: „Ach Quatsch! Morgen sterbe ich ja!“ und dann langte sie erst richtig zu.

Am nächsten Morgen kamen die Sterbehelfer. Das Schlafzimmer hatten sie schön hergerichtet, es lief Musik, die sich Inge gewünscht hatte, ein Räucherstäbchen verbreitete einen angenehmen Duft.  

Inge Reichert-Deurer, die Medizinerin, fachsimpelte noch mit der Sterbehelferin über die beste ihrer Venen für die Infusion. Zunächst lief dort hinein über einen Katheder nur Kochsalzlösung. Das Gesetz sieht vor, dass der Sterbewillige selbst und unter Zeugen auf das tödliche Medikament umschaltet.

Er hielt ihre Hand, bis Inge tot war

Inge legte den Schalter um. Robert hielt ihre Hand. Er ließ sie erst los, als Inge tot war.

Begraben wurde Inge Reichert-Deurers Asche auf dem Naturfriedhof in Nüdlingen. Sie wollte keine Trauer-, sondern eine Abschiedsfeier, auf der ihrem Wunsch auch  getanzt werden sollte.

Nun ist Robert Deurer allein. „Das habe ich mir natürlich nicht so gewünscht, aber das ist die zwangsläufige Konsequenz.“ Wie sollte es ohne Inge weitergehen? „In ihrer forschen Art hat sie mich sehr ermuntert, noch ein anderes Leben anzufangen. Es war ein gegenseitiges Freigeben: Ich gab sie für den Tod frei, sie mich für mein Leben nach ihrem Tod.“


In der Regel berichtet die Redaktion nur über Selbsttötungen, wenn die Umstände besondere öffentliche Aufmerksamkeit erlangen.

Haben Sie Suizidgedanken oder befinden Sie sich in einer psychischen Notsituation? Oder kennen Sie jemanden, der dringend psychische Hilfe benötigt? Sie sind nicht alleine. Und es gibt Hilfe. Etwa bei der Telefonseelsorge unter den kostenfreien Nummern 0800-1110111 und 0800-1110222. Auch online oder per Mail ist die Telefonseelsorge erreichbar unter online.telefonseelsorge.de.


 

Hinweis der Redaktion

Wenn Sie Gedanken quälen, sich selbst das Leben zu nehmen, dann kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Rufnummer 0800/1110111 oder 0800/1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die Ihnen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können. 

Liebe Leserinnen und Leser,

wir erinnern mit der Serie „Menschen wie du und ich“ an nicht-prominente Menschen aus dem Landkreis Bad Kissingen, die in jüngster Zeit gestorben sind. Wenn auch Sie wünschen, dass wir das Leben eines geliebten Menschen nacherzählen, kontaktieren Sie uns gerne per E-Mail an susanne.will@saale-zeitung.de. Dieser sehr persönliche Service ist mit keinen Kosten für die Hinterbliebenen verbunden. 

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