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Festival
Uraufführung im Kissinger (Jazz-)Sommer
Luigi Grasso (links) bei einem seiner Soli. Sein Saxofon-Kollege in der NDR Bigband hält Augenkontakt – Kommunikation unter Jazzern.
Luigi Grasso (links) bei einem seiner Soli. Sein Saxofon-Kollege in der NDR Bigband hält Augenkontakt – Kommunikation unter Jazzern. // Philipp Dippl
Signet des Fränkischen Tags von Philipp Dippl
Bad Kissingen – Was war das denn? Für viele war der (Free-)Jazz-Abend der NDR Bigband mit Luigi Grasso eine Überraschung. Eine äußerst gelungene, findet der Autor.

„La Dimora dell’ Altrove“, das bedeutet in etwa „der Aufenthaltsort in der Ferne“. Unter diesem romantischen, nach Sommer, Sonne, Strand und Adria klingenden Titel gab die NDR Bigband am Tag drei des Kissinger Sommers 2023 bei bestem Wetter ein Gastspiel im Innenhof des Luitpoldbades. Das Festival steht unter dem großen Thema „La Dolce Vita“ und schon alleine deshalb unterwirft sich die NDR Bigband für dieses Konzert vollständig dem alles bestimmenden, nach Zitronen und Aperol duftenden Überbau italienischer Lebensfreude. Doch ist dem wirklich so? Einem solchen Klischee sollte man nicht verfallen, denn der Konzertbesucher wurde von der ganzen musikalischen Bandbreite des modernen Jazz überrascht.

Altherren-Schlager? Weit gefehlt!

„La Dimora dell’ Altrove“ kann man durchaus auf zwei Arten verstehen: Nicht nur steht es für Heimweh (für das es kein Wort im Italienischen gibt), sondern auch dafür, eine neue Heimat zu finden. Und genau diese Zweideutigkeit zog sich durch den gesamten Abend. Die NDR Bigband machte schon bei den ersten Tönen klar, um was es geht: Jazz. Das Ensemble hat seine Geschichte im spießigen Swing der 50er Jahre als klassisches Rundfunk-Tanzorchester. Doch Altherren-Schlager der Wirtschaftswunderzeit sind schon lange nicht mehr das Geschäft der Band, die heute einen exzellenten Ruf in der Jazz-Szene genießt.

Genuss auf dem schönsten Platz

Der erst vor einigen Jahren neu gestaltete Innenhof des Luitpoldbad-Ensembles sorgte bei diesem Jazz-Abend für den mehr als passenden Rahmen. Denn auch hier treffen zwei Welten aufeinander. Die historische Architektur der einst von Ludwig I. in Auftrag gegebenen Kuranlagen gaben Kissingen das passende Ambiente für den Status eines Bades von Weltruhm. Doch erst die Baumeister des 21. Jahrhunderts verpassten dem Luitpoldbad seinen schlichten, hochmodernen, geradlinigen, aber niemals kühlen oder emotionslosen Charme einer zeitgemäßen Eventlocation. Was könnte hierher besser passen, als echter, handgemachter Jazz?

Filigraner Free-Jazz

Und die NDR Bigband lieferte in grandioser Weise: Energiegeladene, fette Bigband-Sounds wechselten sich in grandioser Virtuosität mit filigranen Free-Jazz-Parts ab. Während manch ein Konzertbesucher ob der zeitweise nur schwer verständlichen, frei gespielten Melodiefolgen wohl schon bald nach Konzertbeginn ausgestiegen ist, kamen die echten Jazz-Freunde bei den brillant improvisierten Soli der Musiker erst so richtig in Fahrt. Der Applaus einiger besonders begeisterter Genre-Fans nach den verschiedenen Impro-Solos war der verdiente Dank des Publikums für die leidenschaftlichen Jazzer unter der Leitung des gebürtigen Norwegers Geir Lysne, Chefdirigent und Bandleader des Ensembles seit 2016.

Hingabe am Saxofon

Doch der eigentliche Star des Abends war der italienische Saxofonist Luigi Grasso, der sein Instrument mit wahrer Hingebung bediente. Der mit jugendlicher Energie aufgeladene Lockenkopf entlockte seinem Saxofon wahrlich meisterhafte Melodiefolgen. Und trotzdem drängte er sich nie in den Vordergrund und ließ seine Bandkollegen ebenso über weite Strecken neben sich brillieren.

Uraufführung in Bad Kissingen

Übrigens ist Grasso selbst nicht nur für den italienischen Titel des Abends verantwortlich, sondern gestaltete das gesamte Konzert musikalisch. Die Werke basieren auf seinen Ideen und auf seiner musikalischen Rahmengestaltung. In dieser Form wurde der Jazz-Abend mit italienischer Kolorierung vorher noch nie aufgeführt, und so konnten die Fans und Freunde des Jazz im Publikum wahrlich eine Weltpremiere erleben.

Jeder Ton einmalig

Doch was heißt das schon? Jazz lebt vom Moment und von der Improvisation: Es liegt im Wesen des Jazz, dass jeder Ton, jede Fingerbewegung auf dem Instrument, jeder Atemzug einmalig und unwiederbringlich sind. Und die NDR-Bigband bewies an diesem Abend auf meisterhafte Weise ihre Liebe zu den verschiedenen Spielformen des Jazz. Nicht nur das bedeutungsstiftende, titelgebende Wort Heimat, sondern auch das im Allgemeinen beinahe abgedroschen klingende La Dolce Vita wurden so von Grasso und seinen Kollegen in einen erfrischend neuen Kontext gesetzt, der noch lange im Kopf mitjazzen wird.

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