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Kissinger Sommer 2026
DSO: Anregender Wettlauf zwischen Orchester und Solist
Deutsches Symphonieorchester
Das Deutsche Symphonieorchester Berlin mit Kent Nagano im Max-Littmann-Saal. // Julia Milberger
Mao Fujita
Solist war der 28-jährige Japaner Mao Fujita. // Julia Milberger
Bad Kissingen – 40 Jahre Kissinger Sommer – das kann man nicht feiern ohne das Deutsche Symphonieorchester Berlin (DSO), das zwar erst relativ spät zum Festival gekommen ist, aber in den letzten Jahren dafür erfreulicherweise regelmäßig.

Im Moment vollzieht sich an der Spitze des Deutsche Symphonieorchesters Berlin (DSO) ein Führungswandel: für den geschiedenen Robin Ticciati wurde Kazuki Yamada berufen. Noch ist er designierter Chefdirigent. Aber zu Beginn der neuen Spielzeit im September wird er offiziell als Chefdirigent installiert. So konnte die bestmögliche „Ersatzlösung“ zum Tragen kommen: Der Ehrendirigent Kent Nagano, der das Orchester durch eine langjährige Zusammenarbeit bestens kennt, stellte sich ans Pult.

Klangsensible Bearbeitung

Eröffnet wurde das Konzert mit einem Werk, das interessant zu werden versprach: mit Henry Purcells Three Consorts aus Consort Music for Strings: „In Nomine“, „Fantazia 7“ und „Fantazia on One Note“.

Der Engländer George Benjamin hat aus diesen drei barocken Sätzen eine schöne, klangsensible Bearbeitung gemacht, unter anderem dadurch, dass er auch Bläser dazugenommen hat. Aber es ist zu Beginn vor allem die Bildung von Klangflächen, die durch permanente Veränderung der Klangfarben und eine chromatische Entwicklung wie ein aufsteigender Morgennebel wirkten.

Benjamin hat die harmonischen und auch rhythmischen Probleme, die Purcell für ein fünfstimmiges Gambenconsort entwickelt hat, sehr geschickt und fantasievoll auf die kleine Orchesterbesetzung übertragen. Und Kent Nagano nutzte diese Problemstellen, um sie mit einem entschieden differenzierten Klang der unterschiedlichen Instrumente herauszuholen und interessant zu machen. Und man konnte auch schmunzeln, als die Musik plötzlich wie ungewollt in die Klangsprache und Rhythmik der Moderne rutschte.

Eine spannende Sache versprach das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c-Moll op. 37 von Ludwig van Beethoven zu werden (und wurde es auch). Zum einen nahm Nagano Beethovens Tempovorschriften ernst. Der erste Satz wurde dadurch ein echtes Allegro con brio, mit viel Feuer und Pfiff, ohne in die Bereiche des Überzogenen zu geraten.

Die lange, schön pulsierende Einleitung, in der das Orchester eigentlich schon alle Themenideen verrät, hatte nichts von bewundernder Weihe, sondern signalisierte dem Solisten, dass er gefordert werde. Der Solist war allerdings der 28-jährige Japaner Mao Fujita, der momentan eine steile Karriereleiter hinaufklettert und Preisträger bei mehreren international bedeutenden Klavierwettbewerben war. Der lässt sich durch energisches Musizieren nicht einschüchtern. Er brachte sich, als er endlich an der Reihe war, mit zwei massiven Akkordschlägen in das Bewusstsein des Orchesters.

Schnelle Läufe abgefedert

Aber dann suchte er sofort die Sanglichkeit, die lockere Virtuosität. Er federte sehr wirkungsvoll die schnellen Läufe ab und spielte mit lockerer, aber zielstrebiger Virtuosität und Souveränität, dass manches geradezu spontan, improvisiert wirkte. Wobei er sich dabei bestens mit Kent Nagano traf, der mit seinem Orchester präzise reagierte. Und Mao Fujita suchte immer das gezielte Zusammenspiel mit den Solisten, insbesondere den Bläsersolisten, die eine Menge Dialoge in den drei Sätzen anzubieten hatten.

Die Einleitung zum zweiten Satz wirkte ein bisschen wie eine süße Rache am Orchester für das Tempo des ersten Satzes. Denn Fujita spielte sein solistisches Einstiegsthema so langsam, dass man Bedenken bekommen konnte, ob das Orchester bei der Übernahme dieses Tempos die Spannung halten könne. Eine Spur zog es vielleicht an, aber die Spannung blieb durch eine ganz klare Zeichnung der Stimmen und ihrer Beziehungen zueinander.

Das Schlussallegro mit seinen großen dynamischen Kontrasten wurde wieder zu einem anregenden Wettlauf. Wobei sich allerdings Solist und Orchester einige kreative agogische Freiheiten leisteten, die sie offenbar sehr gut abgesprochen hatten. Eine ganz starke Stretta lieferte den fulminanten Schluss.

Antonín Dvořáks 9. Sinfonie mit dem lockenden Untertitel „Aus der Neuen Welt“ war ein beflügelnder Schluss. Nicht nur, weil das Werk wegen seiner reichen Melodienseligkeit außerordentlich beliebt ist. Sondern auch, weil Kent Nagano in diesem eigentlich sattsam bekannten Werk so manches anders spielen ließ als gewohnt. Weil er jedem einzelnen Thema großes Gewicht gab und an den Artikulationsmöglichkeiten getüftelt hatte. So gönnte er dem ersten Satz, vor allem dem Einstieg, einiges an Dramatik, die den volksmusikalischen Erwartungen eigentlich entgegensteht. So hatte er an vielen Themen in allen Sätzen gefeilt, um ihnen die neutrale Glätte zu nehmen.

Spannendes Verhältnis

Besonders auffallend war das bei der berühmten Englischhorn-Melodie im zweiten Satz, die nicht feierlich rüberkam, sondern durch eine differenzierte Agogik sehr persönlich wurde. Sie klang, als hätte der Komponist an dieser Stelle mit dem Heimweh zu kämpfen gehabt. Oder im dritten Satz, in dem durch eine stark pulsierende Motorik und häufige Rhythmusänderungen ein ungewöhnlich spannendes Verhältnis zwischen Melodien und Begleitung zur Geltung kam.

Auch der letzte Satz erfuhr einen starken Vorwärtsdruck bis hin zu einer „unböhmischen“ Nervosität, die sich erschöpft entladen musste. So konnten die melancholischen Hörner die Stretta einleiten, die lange nachhallte.

Die Zugabe hätte man erraten können: der Ungarische Tanz Nr. 5 von Johannes Brahms – in dem Fall gar nicht mal unpassend.

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