Kaiserin Elisabeth „Sisi“ von Österreich suchte zwei Jahre nach ihrer Hochzeit innere Ruhe und körperliche Erholung. Ihre Wahl fiel wegen der diskreten Umgebung und der Nähe zu den von ihr so geschätzten norditalienischen Landschaften auf Venetien. In den Jahren 1856 und 1857 nahm sie in Verona Quartier.
Kaum 25 Kilometer entfernt liegt die Gemeinde Bovolone, eines der bedeutendsten Zentren für historische Restaurierung mit Welterbe-Bezug. Gemäß der Stadtchronik hatte Sisi im Palazzo del Vescovo o Vescovado, der ehemaligen Villa Scipioni, mehrmals logiert. Dieser Palast wurde vor einigen Jahren von der Stadt erworben und sollte zum Rathaus mit Behördenzentrum umgebaut werden. Das noch vorhandene Originalmobiliar aus der Zeit Sisis wurde verkauft.
Jetzt hieß es handeln, sagte sich Kunsthistoriker Prof. Reinhard Haus (74), wenn man verhindern wollte, dass diese Möbel für immer aus der Öffentlichkeit verschwinden. Haus lebt seit 2019 in Bad Kissingen und ist seit Mai 2025 ehrenamtlicher Ortskurator der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Er verfügt seit seinem 40 Jahre zurückliegenden Studium an der Accademia di Belle Arti in Venedig und durch seine Tätigkeit an der Denkmal-Akademie, dem Bildungsinstitut der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, über ein Netzwerk an Kontakten zu italienischen Kunststätten und -handwerkern. Dadurch erfuhr er gerade noch rechtzeitig vom Verkauf und erwarb ein Original-Schlafzimmer mit dem gesamten Mobiliar.
Die auf Restaurierung spezialisierte Tappezzeria Saggioro in Bovolone übernahm die Restaurierung, die von Haus intensiv begleitet wurde. Bei dieser Gelegenheit stellte sich heraus, dass in dieser Werkstatt auch ein dem Original nachgebautes Zimmer lagerte, das im Filmklassiker „Sissi“ aus dem Jahr 1955 mit Romy Schneider genutzt worden war.
Auch dieses Schlafzimmer arbeitete die Firma auf. Es könnte somit nun mit dem Original zwei Sisi-Suiten ausstatten.
Das Mobiliar beider Suiten besteht jeweils aus einem drei Meter breiten, fünftürigen Kleiderschrank, einem Bett, zwei als Nachttische nutzbaren Beistellkommoden, einer großen Kommode mit Spiegelaufsatz und zwei gepolsterten Sesseln. Alle Möbelstücke sind im Stil des zwischen 1850 und 1895 beliebten historisierenden Neorokoko, mit dem man das französische Rokoko des 18. Jahrhunderts nachempfinden wollte. Das Innere der Kommodenschubladen und der beiden Nachttischkommoden ist mit Seidenbrokat ausgelegt, die neue Polsterung der inneren Bettrückwand sowie der beiden Sessel wurde mit Bezug auf das historische Dekor ausgewählt.
Die Suiten entsprechen vom Stil her der Ausstattung der Hermesvilla in Wien, die in den Jahren 1882 bis 1886 für Sisi gebaut und eingerichtet worden war, sowie jener im Schloss Schönbrunn.
Kaiserin Sisi besuchte Bad Kissingen insgesamt sechsmal. Die ersten vier Male – in den Jahren 1862 bis 1865 – logierte sie für jeweils einige Wochen im Hotel Carl von Hess, dem Südflügel des heutigen Grandhotels Kaiserhof Viktoria am Kurgarten. Auch im damaligen Königlichen Kurhaus war sie im Jahr 1897 zu Gast, dessen Nachfolge das noch in Bau befindliche Hotel Sonnenhof am Kurgarten antreten wird.
„Als Vorsitzender des Ortskuratoriums der Deutschen Stiftung Denkmalschutz schlägt mein Herz für Bad Kissingen“, sagt Reinhard Haus. Mit den Vertretern der Stiftung, die nach dem Turniergebäude weitere Sanierungsprojekte in Bad Kissingen unterstützen will, ist er überzeugt, dass die Suiten sowohl für ein Hotel als auch für die Unesco-Welterbe-Kurstadt insgesamt von touristischem Nutzen sein könnten.
Deshalb sollen die beiden Suiten, die am Markt laut Haus pro Stück kaum unter 30.000 Euro zu haben sein dürften, zunächst in Bad Kissingen angeboten werden. Da beide Hotels am Kurgarten gerade mit Umbauten beschäftigt sind, wäre ein Einbau der Suiten noch leicht möglich, meint der Ortskurator.
Unter Rücksichtnahme auf interne Planungs- und Entscheidungsprozesse will Haus das Angebot bis zum Jahresende 2026 für Bad Kissingen offenhalten. Die Bauunternehmung Otto Heil unterstützt ihn dabei, indem sie das Mobiliar so lange kostenfrei einlagert.
Das Angebot historisch ausgestatteter Zimmer oder Suiten mit Bezug zu königlichen oder kaiserlichen Persönlichkeiten scheint für den gehobenen Tourismus wieder im Trend zu liegen. So gebe es Sisi-Suiten in den Hotels Imperial (Wien) und im Grand Elisabeth (Bad Ischl) oder auch eine Ludwig-II.-Suite im Münchner Kempinski-Hotel Vier Jahreszeiten, wirbt Reinhard Haus für sein Vorhaben.



















