Vier Jahre liegt der erbittert geführte Arbeitskampf zwischen den Beschäftigten der Staatsbad Philharmonie auf der einen Seite und auf Arbeitgeberseite der Staatsbad GmbH und der Stadt Bad Kissingen zurück. Seitdem der polarisierende Orchesterleiter Burghardt Toelke entlassen wurde und sich die Parteien Ende 2021 in Bezug auf Gehalt und Arbeitsbedingungen geeinigt hatten, war es öffentlich friedlich geworden. Der Fokus kehrte zum Wesentlichen zurück: zur Musik und zu den Konzerten.
Erneut Spannungen im Kissinger Kurorchester
Recherchen dieser Redaktion zeigen jedoch, dass es erneut Spannungen im Kurorchester gibt: Die Bandbreite reicht von Schilderungen über eine angespannte Stimmung im Ensemble bis hin zu Differenzen um die musikalische Ausrichtung und Vorwürfen zu verschiedenen Arten von Fehlverhalten.
Ein Mitglied des Ensembles schildert im Gespräch mit dieser Redaktion, aus Sorge vor persönlichen Nachteilen anonym, die Situation. Es sieht strukturelle Probleme, weil einerseits hoch qualifizierte Musiker eingestellt werden, andererseits das Orchester nicht die Qualitätsansprüche einer Philharmonie erfülle. Versuche der Belegschaft, das Orchester positiv mitzugestalten, würden blockiert. Von Mobbing-Vorfällen ist die Rede. Die Stimmung im Orchester beschreibt das Mitglied als schlecht und gedrückt.
„Aus den genannten Gründen haben viele Musiker Bad Kissingen verlassen. Alle schweigen zur Zeit, niemand spricht“, sagt das Mitglied. Ehemalige Beschäftigte des Orchesters haben in anonymen Briefen, die der Redaktion vorliegen, an die Geschäftsführung der Staatsbad GmbH sowie die Stadt auf die Missstände aufmerksam gemacht.
Arbeitgeber des Orchesters und damit direkt verantwortlich ist die Staatsbad GmbH. Wie ernst erneuter Unfrieden im Orchester genommen wird, zeigt sich daran, dass die Stadt Bad Kissingen sich inzwischen in die Klärung der Vorgänge eingeschaltet hat. Die Staatsbad ist eine Tochtergesellschaft der Stadt.
Hohe Fluktuation in Staatsbad Philharmonie
Konzertbesucher haben zuletzt häufige Personalwechsel im Ensemble bemerkt, die auf interne Spannungen hindeuten. Die Pressestelle des Rathauses teilt dazu mit, dass das Orchester aktuell mit zehn Musikern und Musikerinnen besetzt ist. Zwei Stellen sind vakant, eine davon wird im November nachbesetzt.
Seit Januar 2022, also nach dem großen Orchesterstreit, wurden demnach insgesamt 13 Musikerinnen und Musiker neu eingestellt. 14 sind in der Zeit ausgeschieden, darunter waren elf Kündigungen. Diese Entwicklung gefällt den Entscheidungsträgern im Rathaus nicht. „In der Tat ist die Fluktuation auch aus unserer Sicht zu hoch“, heißt es aus der Pressestelle.
Für die hohe Fluktuation führt das Rathaus verschiedene Ursachen an. Es gebe eine normale Fluktuation, wie das Erreichen des Rentenalters sowie Kündigungen aus privaten Gründen.
Rathaus will neue Kriterien beim Einstellungsprozess
Der Einstellungsprozess soll sich ändern. Hier sei bisher ausschließlich das musikalische Können ausschlaggebend gewesen. „Das hat dazu geführt, dass tolle und talentierte Musikerinnen und Musiker eingestellt wurden, für die eine Beschäftigung in Bad Kissingen aber nur ein Sprungbrett war“, so die Antwort aus der Pressestelle.
Der musikalische Schwerpunkt der Staatsbad Philharmonie liegt auf Kur- und Unterhaltungsmusik. Eine Ausrichtung als Spitzenorchester vergleichbar mit Philharmonie-Ensembles in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München sei nicht der Anspruch von Bad Kissingen.
Insofern bestehe ein Grunddissens zwischen einerseits dem Können und der Erwartungshaltung junger Musiker und andererseits den tatsächlichen Anforderungen des Orchesters. „Deswegen wollen wir beim Einstellungsprozess künftig verstärkt die Chance auf ein dauerhaftes Engagement vor Ort und Identifikation mit der hiesigen, teilweise auch herausfordernden Aufgabe als Kurorchester berücksichtigen“, heißt es aus der Pressestelle.
Vorwürfe werden extern bewertet
Die internen Spannungen und wechselseitigen Vorwürfe ordnet das Rathaus als „übliche Konflikte am Arbeitsplatz, auch im Rahmen der installierten kollegialen Führung“ ein. Nach den Zerwürfnissen des Arbeitskampfes und der Trennung von Toelke wurde das Orchester neu organisiert. Kollegiale Führung meint, so eine Presseerklärung der Staatsbad GmbH von Anfang 2022, dass das Kurorchester keinen Leiter mehr hat, sondern die Verantwortung kollektiv übernimmt.
Das Rathaus kündigt an, die im Orchester existierenden Vorwürfe „zusätzlich mit externer Unterstützung in den nächsten Wochen aufzuarbeiten.“ Es sollen ein Fachanwalt für Arbeitsrecht sowie ein Mediator beauftragt werden, die die Vorwürfe aufarbeiten, rechtlich bewerten und zu Lösungen kommen sollen.















