Plötzlich war es nur noch die Hälfte: Ursprünglich sollten 7,5 Hektar als neues Gewerbegebiet „Kaserne Nord“ in Bad Kissingen entstehen – Seltene Flora und Faune, die sich in dem Areal zwischenzeitlich angesiedelt haben, machten dem jedoch einen Strich durch die Rechnung.
Nach dem jetzigen Stand der Planungen sind es noch 3,6 Hektar, auf denen sich künftig neue Betriebe ansiedeln sollen. Über die Hintergründe und den aktuellen Sachstand des seit drei Jahren geplanten Gewerbegebiets berichtete der Wirtschaftsförderer der Stadt, Sebastian Bünner, kürzlich auf der Herbsttagung des IHK-Gremialausschusses unter dem Titel „Der (unfreiwillige) Weg zum ökologischen Gewerbegebiet“.
Labore und Büros
Ausgangspunkte zur Schaffung des neuen Wohn- und Gewerbegebiets sind die Wohnungsmarktanalyse und das Gewerbeflächenkonzept der Stadt Bad Kissingen. „Die Nachfrage nach attraktiven und repräsentativen Gewerbe-und Büroflächen kann aktuell nicht ausreichend bedient werden“, betonte Bünner. Von dem bis zum Jahr 2035 geschätzten Flächenbedarf von 19 Hektar für Gewerbeansiedlung fehlen aktuell mindestens sieben Hektar. Diese sollten auf dem knapp 24 Hektar großen Gebiet „Kaserne Nord“ geschaffen werden.
Gedacht ist von Seiten des Rathauses in erster Linie an die Ansiedlung hochwertiger Büroräume und Dienstleistungsbetriebe wie Labore. Die übrigen Flächen sind als Wohn- und Mischgebiet geplant. Beginnend mit der Rahmenplanung über die Bauleitplanung ist bis zum Baubeginn mit etwa drei Jahren zu rechnen, skizzierte Bünner den Normalfall.
Bedrohte Schreckenart
Doch längst ist klar, dass es sich bei der „Kaserne Nord“ um keinen Normalfall handelt. Bereits vor drei Jahren war das Nürnberger Büro für Landschaftsarchitektur WGF mit der „Erkundung erhaltenswerter Naturschätze“ beauftragt worden. Die zu bebauende Fläche sollte nach Vorkommen gefährdeter oder bedrohter Tiere und Pflanzen untersucht werden, aber auch große Bäume, Heckenstreifen, Gräben und Terrassierungen sollten kartiert werden. Auch die Nähe zum Naherholungsgebiet um den Bismarckturm und zur Kleingartenanlage sollte beachtet werden.
Während einer mehrmonatigen Begehung und Untersuchung des Geländes wurden tatsächlich etliche Tierbestände festgestellt, darunter auch solche, die auf der Roten Liste der stark gefährdeten Arten stehen. So wurden zum Beispiel 23 Heuschreckenarten entdeckt, darunter fünf auf der Roten Liste sowie die Italienische Schönschrecke sogar als eine vom Aussterben bedrohte.
Ökologisches Gewerbegebiet
Diese Ergebnisse führten zur Erkenntnis, dass „aufgrund der vielfältigen Strukturen und der langen ungestörten Entwicklung das Gebiet eine außerordentliche Bedeutung für den Natur- und Artenschutz entwickelt hat“, so Bünner. Dies betrifft vor allem den westlichen und mittleren Teil des Planungsgebiets, weshalb „der Umfang der baulichen Entwicklung deutlich reduziert werden muss“. Der für Wohnen vorgesehene Bereich im Osten ist aus Naturschutzgesichtspunkten nicht relevant.
In Konsequenz führte dies dazu, dass die gewerblichen Ansiedlungsfläche um fast 52 Prozent auf nur noch 3,63 Hektar verkleinert wurde und dass „ökologischen Gewerbegebiets“ geschaffen werden soll: Das heißt, es darf fast ausschließlich auf versiegelten oder bereits naturgestörten Flächen gebaut werden. Eine entsprechende Abstimmung mit der Naturschutzbehörde ist inzwischen erfolgt. Für die betroffenen Tierarten sucht die Stadt nun Ausgleichsflächen.
Keine störende Betriebe
Die Schaffung eines „ökologischen Gewerbegebiets“ bedeutet eine flächensparende Bauweise und dass störender Betrieben mit Geräusch- und Schadstoffemissionen vermieden werden sollen. Das hat den Vorteil, dass der Ausgleichsbedarf durch die Stadt um bis zu 20 Prozent gesenkt werden kann. Dennoch bleibt Bedingung, dass alle Ausgleichsmaßnahmen vor Erschließung und Bebauung des Geländes beendet sein müssen. Nach Aussage des Wirtschaftsförderers rechnet die Stadtverwaltung hierfür mit einem noch völlig unbestimmten Zeitraum von etwa drei Jahren.
„Wenn unsere Bauleitplanung im Jahr 2024 abgeschlossen ist, wir dann drei Jahre für Ausgleichsmaßnahmen und Umsetzen der Tiere brauchen, kann frühestens im Juni 2027 mit ersten baulichen Maßnahmen begonnen werden“, hielt sich Bünner mit konkreten Zeitzusagen ausdrücklich noch zurück. „Aufgrund dieser Verzögerung wird sich kein Unternehmen vor dem Jahr 2029 ansiedeln können.“ Als Konsequenz könnte daraus folgen, dass das eine oder andere Unternehmen bei derart langer Wartezeit sein Interesse verliert und sich woanders ansiedeln wird.
Schick kritisiert Naturschutzbelange
In der Diskussionsrunde machte Bad Kissingens zweiter Bürgermeister Anton Schick darauf aufmerksam, dass die Halbierung der verfügbaren Ansiedlungsfläche mit Verdoppelung der Kosten einhergeht. Er kritisierte, dass die Interessen des Naturschutzes über den Interessen einer Kommune stehen, die zum Wohl ihrer Bewohner zusätzliche Arbeitsplätze schaffen und das Steueraufkommen erhöhen will.
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