Tino Wetzig jagt Verbecher im Netz, vom Datendieb bis zum Terroristen. Der Erste Kriminalhauptkommissar ist stellvertretender Leiter der Kriminalpolizei Coburg – und dort seit mehr als zehn Jahren verantwortlich für das Thema Cyberkriminalität.
Im Interview erzählt Wetzig von Wettläufen gegen die Zeit, Spurensuchen auf anderen Kontinenten und von Ermittlungen im Darknet, die vielleicht eine Bluttat in Coburg verhindert haben. Und erklärt, wieso er trotz allem manchmal das Gefühl hat, den Verbrechern hinterherzuhinken.
Warum das Internet Kriminelle anzieht
Wenn Sie Ihrer Großmutter erklären müssten, womit Sie sich eigentlich beruflich beschäftigen: Verfolgen Sie heute dieselben Delikte wie die Kollegen vor 50 Jahren – nur online?
Tino Wetzig: Genau – aber Verbrecher haben es heute wesentlich bequemer: Der Bankräuber muss nicht mehr zur Bank gehen. Er ruft als falscher Polizeibeamter an und bekommt dank vorher gestohlener Daten Zugriff aufs Konto. Der Rauschgiftdealer kann sich seine Ware im Darknet bestellen. Und die Betrüger, die früher an der Haustür ihre Dienstleistung oder Waren angeboten haben, finden ihre Opfer jetzt im Internet. Es muss auch niemand mehr im Mediamarkt Waren klauen – sondern kann sie online mit gefälschten oder geklauten Daten bestellen und zahlen.
Bundesweit gab es 2024 so viel Cyberkriminalitätsfälle wie nie zuvor. Was macht das Internet für Straftäter so attraktiv?
Es gibt dort genug Techniken, um sich zu anonymisieren. Über VPN-Dienstleister, Anbieter im Ausland oder Call-ID-Spoofing, also das Anrufen mit Fake-Telefonnummern. Viele Daten, die Geschädigten durch Phishing oder durch Schadsoftware abhandengekommen sind, kursieren als ganze Datenpakete zu einer Person im Netz. Die müssen Verbrecher nur noch kaufen. Im Internet muss also niemand mehr mit der eigenen Identität auftauchen.
Phishing, Datenklau, Fakeshops: Tricks der Täter
Was sind die häufigsten Fälle, mit denen Sie im Cybercrime-Kommissariat Coburg zu tun haben?
Sehr häufig sind Datendiebstähle, also die Übernahme von Social-Media-Accounts, von E-Mail-Adressen, von Kundenaccounts auf Plattformen und Websites. Man sagt dann ja immer: „Mein Account ist gehackt“ – aber das würde bedeuten, dass Schadsoftware eingesetzt wurde, um Passwörter auszulesen. In der Regel ist es aber so, dass Leute auf Phishing reinfallen und ihre Daten den Verbrechern selbst preisgeben.
Was wird neben Daten online noch geklaut?
Ein weiteres großes Feld ist der Computerbetrug: Warenbestellungen mittels geklauter Kundenaccounts, gehackter PayPal-Konten oder fremder Girokonten. Die Waren lassen sich die Betrüger dann an ein leerstehendes Haus liefern oder an einen Paketshop, wo sie sie mit gefälschter Vollmacht abholen. Da sind der Fantasie tatsächlich keine Grenzen gesetzt. Andere Kriminelle richten komplett gefälschte Online-Shops ein, die nie Waren versenden, obwohl Kunden Geld überweisen. Solche Fake-Shop-Websites werden immer professioneller. Dahinter können auch organisierte Strukturen stecken, die damit Terrorismus oder Kriege finanzieren.
Zwischen Deepfakes und Datenschutz
Haben Sie manchmal das Gefühl, Sie hinken den Straftätern hinterher?
Manchmal ja – weil wir durch gesetzliche Vorgaben, die ja grundsätzlich ihre Berechtigung haben, einfach eingeschränkt sind. Die Polizei kann oft nur reagieren, statt proaktiv tätig zu werden. Sicherheitsteams in Firmen oder auch private Ermittler können da freier agieren.
“Im Internet muss niemand mehr mit der eigenen Identität auftauchen.
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Was schränkt Sie konkret ein?
Das Thema Vorratsdatenspeicherung ist ja eigentlich eine alte Kamelle. Aber im Internet haben wir als objektiven Ermittlungsansatz eben oft nur die rein technischen Spuren, also die IP-Adressen. Und wenn ich sieben Tage nach der Tat keine Infos zum IP-Adressinhaber mehr bekommen kann, sind die Ermittlungen oft einfach schon am Ende: Betroffene zeigen die Tat oft nicht direkt an. Und die Anbieter, die die IP-Adresse speichern, brauchen oft zehn Tage, bis sie eine Anfrage von uns beantworten. Würden wir die Vorgaben zur Vorratsdatenspeicherung aus dem Digitalen aufs echte Leben übertragen, würde das bedeuten, dass die Meldeadresse einer Person sieben Tage nach Ausstellung ihres Ausweises automatisch gelöscht wird.
Machen Ihnen die schnellen technischen Fortschritte im Bereich der Künstlichen Intelligenz Angst?
Im Bereich Cybercrime haben wir es immer wieder mit Phänomenen zu tun, die es vor ein paar Jahren noch gar nicht gab. Deepfakes oder die immer raschere Erstellung und Verbreitung von Falschinformationen machen mir schon Sorgen. KI bedeutet eben nicht nur in Unternehmen eine Arbeitserleichterung, sondern auch für Täter. Bei mir überwiegt aber das Interesse an den technischen Entwicklungen: Was kann ich daraus für den Dienst oder auch privat gewinnen? Der Gesetzgeber und auch wir im Vollzug können aber natürlich nicht so schnell darauf reagieren, wie wir eigentlich müssten. Da müssen wir aufpassen, dass keine Frustration bei den ermittelnden Kollegen entsteht.
Wie schützt die Polizei die Psyche der Ermittler?
In Oberfranken unterstützt das Polizeiliche Soziale Netzwerk Kolleginnen und Kollegen, die bei belastenden Ermittlungen – etwa im Bereich Kinderpornografie – psychisch an ihre Grenzen kommen. Sozialpädagogen und Psychologen stehen zur Seite, regelmäßige Reflexionsgespräche helfen, Belastungen früh zu erkennen. Auch bei Überlastung durch hohe Fallzahlen gibt es gezielte Angebote. Das Bewusstsein für mentale Gesundheit hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert.
Eine der Stellschrauben, an denen Sie als Beamte drehen können beim Thema Cyberkriminalität, ist die Prävention. Wieso ist es so schwierig, die Leute für das Thema zu sensibilisieren?
Viele Menschen sind im Umgang mit Technik heute zu sorglos. Früher wusste man noch, was im Hintergrund passiert – etwa beim Betriebssystem oder beim Online-Banking. Heute klickt man nur noch auf Apps, ohne die Abläufe zu hinterfragen. Manche Betroffene können beim Anzeigen nicht einmal schildern, was genau passiert ist, weil sie es gar nicht wahrgenommen haben. Ein Kollege sagte mal: Man müsste einen Internetführerschein einführen.
Datenflut im Netz: Warum wir zu sorglos sind
Sind wir zu freigebig mit unseren persönlichen Daten?
Ja, definitiv. Im Zeitalter von Social Media geben wir deutlich mehr persönliche Daten preis – oft unbewusst. Viele Dienste verarbeiten und verkaufen diese Daten laut AGBs weiter – aber kennen Sie jemanden, der sich die AGBs komplett durchliest? Wer seine Daten schützen will, müsste sich fast komplett aus dem digitalen Alltag zurückziehen – was kaum realistisch ist. Je mehr man online unterwegs ist, desto größer wird das Risiko: Von fast jedem von uns existieren inzwischen Datenblöcke, die durch Leaks oder Weiterverkäufe im Umlauf sind. Die können nicht nur Informationen wie Wohnadresse, Telefonnummer und Geburtsdatum enthalten, die man selbst irgendwann einmal irgendwo eingegeben hat. Sondern auch Informationen wie persönliche Interessen und Suchpräferenzen, die etwa für personalisierte Werbung gespeichert worden sind.
Internet-Kriminalität kennt keine Ländergrenzen. Wie oft kommt es vor, dass Sie in Coburg Teil internationaler Ermittlungen sind?
Internationale Ermittlungen in Coburg sind eher selten – vor allem aus Kapazitätsgründen. Großverfahren mit internationalem Bezug werden meist von zentralen Dienststellen mit mehr Personal geführt. Dennoch gibt es auch in Coburg solche Fälle, etwa Fake-Shops mit Spuren nach Afrika und Frankreich oder bei Ermittlungen mit Verbindungen nach Schweden und Osteuropa. Solche Verfahren sind sehr aufwendig und binden viel Zeit und Ressourcen. In den meisten Fällen sitzen die Täter nicht in Coburg – gerade bei komplexer Cyberkriminalität agieren sie oft aus dem Ausland oder aus Ballungszentren, wo sie schwerer zu fassen sind.
Waffenfund in Coburg, Callcenter in Polen
Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Ein besonders spektakulärer Fall war die Festnahme eines Mannes aus dem Raum Coburg, der über das Darknet versucht hatte, Waffen zu kaufen. Dank eines Hinweises von Interpol und dem Einsatz eines V-Manns konnte er durch ein Spezialeinsatzkommando festgenommen werden – inklusive Waffenfund. So konnte eine potenzielle Gefahr für die Bevölkerung gestoppt werden. Ein weiterer Erfolg war die Aufdeckung eines Callcenters in Polen, das für Betrugsanrufe verantwortlich war. Die Ermittlungen dazu wurden von der Polizei Oberfranken geführt und führten zu einer erfolgreichen Durchsuchung vor Ort. Solche Fälle zeigen, wie wichtig die Zusammenarbeit über Dienststellen und Ländergrenzen hinweg ist.
Sie arbeiten seit mehr als zehn Jahren im Bereich Cyberkriminalität. Sind Sie misstrauischer geworden, wenn Sie privat im Netz unterwegs sind?
Misstrauen gehört im Polizeiberuf fast schon zur Grundausstattung – aber gerade im digitalen Bereich bin ich deutlich sensibler geworden. Das betrifft nicht nur meinen eigenen Umgang mit Social Media, sondern auch den Schutz der Familie und insbesondere der Kinder.
“Das Internet hat zwei Gesichter. Für die meisten bereichert es den Alltag, für Täter ist es ein Werkzeug.
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Sind Ihre Kinder im Netz unterwegs?
Ein Smartphone gibt es bei uns erst ab der weiterführenden Schule – und Social-Media-Apps nur abgestuft, je nach Art der App. ‚Alle in der Klasse haben das schon‘ zählt bei uns nicht. Es gibt klare Regeln und Einschränkungen, aber immer im offenen Austausch mit den Kindern. Kontrolle gehört dazu, genauso wie Aufklärung – damit ein Bewusstsein für Risiken entsteht.
Letzte Frage – und noch einmal der Vergleich zum analogen Leben: Ist das Internet für Sie eine No-Go-Area, vergleichbar mit einem berüchtigten Stadtteil in einer Großstadt?
Das Internet ist definitiv keine No-Go-Area – aber es hat zwei Gesichter. Für die meisten bereichert es den Alltag, für Täter ist es ein Werkzeug. Entscheidend ist, wie bewusst man damit umgeht. Online fehlt oft die direkte Rückmeldung wie im echten Leben, deshalb braucht es mehr Sensibilität und technisches Verständnis. Wer im Netz genauso vorsichtig wäre wie beim Abschließen seines Fahrrads, könnte sich besser schützen. Trotz Risiken überwiegt der Nutzen – auch wenn man bei einer von vielen Online-Bestellungen mal auf einen Betrug hereinfällt.













