Künstliche Intelligenz verändert gerade die Welt – so viel ist wohl sicher. Ob zum Guten oder zum Schlechten, darüber wird in Gesellschaft und Wissenschaft noch leidenschaftlich gestritten. Währenddessen entwickeln Kriminelle immer ausgeklügeltere Methoden, um KI für ihre Zwecke zu nutzen. Und die Polizei bemüht sich auch in Coburg, Schritt zu halten, damit ihnen die technische Entwicklung nicht davonläuft.
KI als Werkzeug der Täter
Auch Verbrecher sind längst im digitalen Zeitalter angekommen – und nutzen KI-Technologien gezielt für ihre Zwecke: „Zur Kontaktaufnahme per Chatbot, zur Erstellung von Phishing-Mails und Fake-Websites, zur Durchführung von großangelegten Ransomware-Angriffen“, zählt Tino Wetzig auf. Der stellvertretende Dienststellenleiter der Kripo Coburg ist Experte für Ermittlungen zur Cyberkriminalität.
Mithilfe von frei zugänglichen Sprachmodellen wie ChatGPT lassen sich täuschend echte Nachrichten generieren, sogar automatisierte Anrufe durch KI-Agenten sind möglich. „Da müssen die Täter fast nichts mehr selbst machen“, sagt der Beamte.
Deepfakes und Fake-News als neue Bedrohung
Ein weiteres Phänomen, das die Ermittler zunehmend beschäftigt, sind Deepfakes, also täuschend echte Videos und Bilder von real existierenden Personen, und Desinformationskampagnen. „Durch Hilfe von KI kann ich ein Deepfake deutlich leichter erstellen als noch vor fünf Jahren“, sagt Wetzig.
Ein prominentes Beispiel: eine prorussische Desinformationskampagne, die der Öffentlichkeit unter dem Namen „Doppelgänger“ bekannt wurde. Dabei wurden unter anderem gezielt Fehlinformationen zum Angriffskrieg in der Ukraine über Websites gestreut, die seriöse Medien imitierten. Diese wurden dann mithilfe von Bot-Netzwerken über soziale Netzwerke verbreitet. Ein Ziel: die Zustimmung zur AfD in Deutschland zu stärken.
2024 gelang es, die internationalen Strukturen hinter der Kampagne aufzudecken und Konten zu sperren, die daran beteiligt waren – auch unter Mithilfe von Polizei und Verfassungsschutz aus Bayern: „Das war nur möglich, weil wir in Bayern die rechtlichen Voraussetzungen für Ermittlungen hatten“, betont Wetzig.
KI als Chance für die Ermittlungen
Doch KI ist nicht nur Werkzeug der Täter – sie könnte auch den Ermittlern helfen, effizienter zu arbeiten: „Wir haben es bei Ermittlungen teilweise mit Massendaten aus verschiedenen Quellen zu tun, die ein Mensch gar nicht so schnell verarbeiten kann“, sagt Wetzig, „KI könnte diese Daten analysieren und relevante Ergebnisse herausfiltern.“
Aber: Die rechtskonforme Entwicklung solcher Softwareanwendungen ist langwierig und aufwändig.
Datenschutz als Grenze
Auch der Einsatz von KI-generierten Deepfakes zur Täuschung von Tätern wäre theoretisch denkbar – etwa zur Fallenerstellung in besonders schweren Fällen. Doch hier sind die rechtlichen Hürden besonders hoch.
Neben Datenschutz gehe es bei den rechtlichen Beschränkungen von KI-Einsatz auch immer darum, die Ermittlungen rechtssicher zu gestalten, sodass die Ergebnisse auch vor Gericht Bestand haben. Und: „Natürlich sollen keine Unschuldigen in Gefahr gebracht oder geschädigt werden.“
Wie die Polizei auf KI reagiert
Die Coburger Ermittler sind sich der rasanten Entwicklung bewusst – und versuchen, Schritt zu halten. „Die Phänomene ändern sich ständig, die Modi Operandi der Täter ebenso“, sagt Tino Wetzig. Deshalb besuchen die Ermittler auch externe Fortbildungen bei Technikfirmen – aber die sind oft teuer.
Die Bayerische Polizei arbeitet zudem an eigenen Softwarelösungen, doch diese müssen rechtskonform entwickelt und landesweit skalierbar sein. „Eine Firma kauft sich einfach Software und Know-how ein – wir müssten das für alle Dienststellen etablieren“, erklärt der Beamte, „Das macht uns weniger flexibel.“
Zwischen Potenzial und Realität
Die Ermittler sehen das Potenzial von KI – und würden sie gern umfassender nutzen. Doch die Realität ist geprägt von rechtlichen Einschränkungen, Datenschutzvorgaben und technischen Hürden. „KI kann viel – und sie lernt ständig dazu“, sagt Tino Wetzig. „Aber wir müssen mit dem arbeiten, was rechtlich erlaubt ist. Und das ist leider oft weniger, als technisch möglich wäre.“













