Donnerstagmittag in Coburg-Creidlitz: Martin Angermüller will gerade seine drei Pferde auf ihre Koppel nahe dem Creidlitzer Bahnhof bringen, wie er es jeden Tag tut. Der Wallach mit Namen Lord, 24 Jahre alt und Ruheständler, sowie die 12 und 14 Jahre alten Stuten sind schon auf die Koppel nahe dem Stall gelaufen, als sie scheuen, umdrehen und durchs noch offene Tor davongaloppieren. „Ich konnte sie nicht aufhalten“, sagt Angermüller. Hilflos muss er zusehen, wie die Pferde an ihrem Stall vorbei und davonlaufen, Richtung Coburg. Sie nehmen die Creidlitzer Straße, überqueren die Gleise, laufen den neuen Radweg entlang. Dann teilen sich die Wege. Die Stuten biegen zunächst links ab, Lord hält sich rechts.
Durch den Kreisverkehr zur B4
Donnerstagmittag in Coburg: Michael Stoschek hat am Brose-Garagenbetrieb am Postweg zu tun, als er Hufgetrappel hört. Ein Pferd? Hier, am Südkreisel? Er sieht, wie Lord durch den Kreisel und zur Südzufahrt läuft. Stoschek zögert nicht, ruft einen Mitarbeiter, der ihn auf kürzestem Weg hinunter fährt auf die autobahnähnlich ausgebaute B4. Lord ist da schon ziemlich weit gekommen, die Südzufahrt hinunter, immer brav an der Leitplanke entlang, aber entgegen der Fahrtrichtung. Stoschek, einst passionierter und erfolgreicher Springreiter, lässt das Auto einige Meter vor dem Pferd anhalten, geht hin, spricht es an. „Der hatte sofort Vertrauen zu mir.“
Zum Glück mit Halfter
Auch trägt das Tier ein Halfter, so dass Stoschek es zurück in Richtung Coburg führen kann. „Wir hätten ja keine Chance gehabt, über die Leitplanke zu kommen“, sagt Stoschek. „Das war ein ziemlich langer Weg. Das dauerte über zehn Minuten.“ Am Garagenbetrieb angekommen, befestigt Stoschek ein Abschleppseil am Halfter und bindet das Tier neben dem Hof an. Das führt zum einzigen Unfall im Zusammenhang mit dem Pferde-Ausbruch: Ein Autofahrer ist von dem Anblick neben dem Kreisverkehr so abgelenkt, dass er auf ein anderes Auto auffährt.
Bahnverkehr unterbrochen
Die beiden Stuten sind derweil aus dem Ahorner Wäldchen wieder hinaus gelaufen und auf Höhe des Güterbahnhofs in die Gleisanlagen geraten. Inzwischen ist die Polizei verständigt, und Martin Angermüller mit einer großen Zahl an Helfern unterwegs. „Mein A-Team, meine Nachbarn, der Reitstall Holzheid in Niederfüllbach, der Reitstall Stahn in Meschenbach – danke, dass die so schnell zur Stelle waren und geholfen haben!“ Die Polizei sorgt dafür, dass der Bahnbetrieb vorübergehend eingestellt wird. Aber erst an der Frankenbrücke gelingt es, die Stuten einzufangen.
Fluchtursache unklar
Donnerstagnachmittag gegen 14 Uhr. Die drei Pferde sind wieder zurück in ihrem Stall, von einigen leichten Blessuren abgesehen geht es zweien von ihnen ziemlich gut. Nur eine Stute macht Martin Angermüller Sorgen: Sie lahmt sehr stark, hat eine größere Verletzung am Fesselkopf. Sie trägt keine Hufeisen, das Laufen im Schotter des Gleisbetts hat ihre Hufe splittern lassen. Auch das Hufbett ist versehrt. Angermüller wartet auf den Tierarzt. Einerseits froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist, wirkt er immer noch aufgewühlt. „Ich weiß nicht, was die Pferde so erschreckt hat“, sagt er bei der Erinnerung an den Moment, als sie durchgingen. Straßenverkehr seien die Pferde gewohnt.
Lieber helfen anstatt Fotos machen!
Lord, das 24 Jahre alte Dressurpferd, hat das ganze Leben bei und mit Martin Angermüller verbracht. „Dass der mal eine solche Aktion macht, hätte ich auch nicht gedacht.“ Hinzu kommt bei Angermüller die Dankbarkeit, dass so schnell so viele Helfer zur Stelle waren: „Die kamen sogar aus Lichtenfels angefahren!“ Komplimente für die Polizei: „Die hat schnell und gut reagiert. Die war Bombe.“ Und eine gewisse Ratlosigkeit, weil es vielen, die die Pferde gesehen haben, offenbar wichtiger war, Fotos und Videos zu machen, als Hilfe zu leisten. „Ich würde wenigstens versuchen, das Pferd vom Bahngleis runter zu bekommen. Und wenn man sich das nicht zutraut, muss man doch nicht noch Schadenfreude zeigen und Fotos machen.“
Keine größeren Schäden
Bilanz am Donnerstagabend: Die Pferde sind von der weiten Strecke einigermaßen erschöpft. „Aber ich bin erst mal froh, dass sie in ihren Boxen stehen und fressen“, sagt Martin Angermüller. Allem Anschein nach hat keins der Tiere bleibende Schäden davongetragen, und sie haben auf ihrem Weg auch nichts beschädigt. Auch im Bahnverkehr gab es laut Auskunft der Bahn-Pressestelle keine größeren Einschränkungen.
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