Seit dem 16. September 2022 ist für ein Ehepaar aus Weitramsdorf nichts mehr so, wie es einmal war. Dabei hatte der Abend so schön begonnen: In einem Restaurant in der Coburger Innenstadt hatten der damals 55-Jährige und seine 54 Jahre alte Frau etwas gegessen. Anschließend wollten sie einfach nur mit dem Bus nach Hause fahren. Doch auf dem Weg zur Haltestelle vor der Post in der Hindenburgstraße begegnete das Ehepaar gegen 20.20 Uhr zwei jungen Männern – und das Schicksal nahm seinen Lauf. Es kam zu einer Schlägerei. Der Ehemann erlitt dabei derart schwere Verletzungen, dass er bis heute unter den Folgen leidet.
Wie diese Schlägerei aber genau begonnen hat und wie sie verlaufen ist, dazu gab es am Mittwoch unterschiedliche Aussagen. Vor dem Landgericht Coburg hat der Prozesses gegen Joni A. (heute 22 Jahre alt) und Tim S. (heute 20) begonnen, denen laut Anklageschrift gemeinschaftliche schwere Körperverletzung vorgeworfen wird.
Zur Tatzeit „sturzbetrunken“
Gleich zu Beginn ließ Joni A. durch seinen Anwalt mitteilen, dass er keine Angaben zu dem Vorfall machen werde. Der Rechtsanwalt von Tim S. verlas zwar eine kurze Erklärung, doch die brachte keine neuen Erkenntnisse: Sein Mandant habe keine Erinnerung mehr an den Vorfall, weil er zuvor bereits sehr viel Alkohol konsumiert habe. Auch im weiteren Prozessverlauf werde er deshalb keine Angaben machen können. Um zumindest ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen, zitierte Richterin Jana Huber daraufhin aus dem Protokoll einer polizeilichen Vernehmung. Tim S. habe demnach am 16. September 2022 „Bier und Wodka“ getrunken und sei zur Tatzeit gegen 20.20 Uhr „sturzbetrunken“ gewesen.
Sehr emotional wurde es am Mittwoch, als die Ehefrau des Opfers als Zeugin gehört wurde. Immer wieder kämpfte die 54-Jährige mit den Tränen. Gleich mehrmals bekam sie von ihrer Anwältin zur Beruhigung den Arm auf die Schulter gelegt. Einmal musste die Verhandlung auch kurz unterbrochen werden, damit sich die Ehefrau etwas sammeln und ein Glas Wasser trinken kann.
Laut den Schilderungen der Ehefrau seien sie und ihr Mann sehr in Eile gewesen, als sie am 16. September 2022 in Richtung Bushaltestelle liefen. „Wir waren spät dran“, sagte sie mit leiser, brüchiger Stimme, „und dann habe ich schon von weitem diese Männer gesehen.“ Sie hätte „kein gutes Gefühl“ gehabt. Als sie schließlich – an der Ecke Lohgraben/Badergasse – an den Bier trinkenden und auf dem Boden sitzenden Männer vorbeilaufen wollten, habe einer von beiden zu ihrem Ehemann gesagt: „Was guckst Du?“ Man sei weitergelaufen, doch die jungen Männer wären ihnen gefolgt. Und dann, so die weiteren Schilderungen der Frau, muss alles ganz schnell gegangen sein: Erst kam es zu einem Wortgefecht, dann zu Handgreiflichkeiten. „Ich war in Panik“, erinnerte sich die Frau. Und sie hatte das Gefühl, dass auch ihr Mann in Panik gerate. „Ich habe um Hilfe geschrien“, sagte die Frau – doch dann „geschah“ es auch schon: Die zwei jungen Männer hätten ihren Mann geschlagen und getreten. Ein Faustschlag ins Gesicht war besonders heftig, so dass ihr Mann stürzte. Er konnte sich zwar wieder aufrappeln, doch er kam ins Torkeln und stürzte mit dem Kopf auf einen am Gehweg stehenden Betonpoller. Explizit sagte die Ehefrau aus, dass ihr Mann während des Konflikts „Schutz gesucht“ habe. So hätte er als Zeichen der Abwehr die Arme hochgerissen.
Etwas anders schilderte das eine Frau, die just zur Tatzeit mit ihrem Lebensgefährten durch die Badergasse lief. Sie habe sowohl die zwei jungen Männer als auch das Ehepaar gesehen. „Und dann habe ich mit halbem Ohr mitbekommen, wie der Ehemann die zwei Männer angesprochen habe.“ Es sei „irgendetwas Unfreundliches, etwas Provokantes“ gewesen, so die Zeugin. Möglicherweise sei es bei dem Wortwechsel darum gegangen, dass sich der Ehemann am Biertrinken der zwei gestört habe. Einer der zwei jungen Männer habe daraufhin geantwortet: „Sag das nochmal.“
„Alle drei haben geschubst“
Die Zeugin will sich noch gut daran erinnern können, dass die Ehefrau versucht habe, ihren Ehemann wegzuziehen. „Lass Dich nicht darauf ein“, habe sie gesagt. Doch dann habe auch schon ein „Geschubse“ angefangen. Der Ehemann habe auf sie „dominant“ gewirkt und „wenig deeskalierend“.
Der Lebensgefährte dieser Zeugin bestätigte diese Aussage und sprach ausdrücklich davon, dass zu Beginn des Konflikts alle drei „geschubst“ hätten. Außerdem habe sich der Ehemann vor den zwei jungen Männern „aufgebaut“.
Wurde mit der Tat geprahlt?
Eine weitere überraschende Wendung ergab sich am ersten Verhandlungstag, als ein Freund von Tim S. vernommen wurde. Er berichtete von einer zufälligen Begegnung mit Tim S. am späteren Abend des 16. September 2022: Er habe „geprahlt“, soeben jemandem „den Schädel eingetreten“ zu haben, sagte der Freund als Zeuge aus.
Zur Überraschung vieler Zuschauer des Schlägerprozesses ist am Mittwoch auch das Opfer vor Gericht erschienen. Der inzwischen 56-jährige Mann wurde als Zeuge vernommen, wobei die Befragung – wohl auch mit Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand – deutlich kürzer ausfiel als bei seiner Ehefrau. Ob er noch Erinnerungen an den 16. September 2022 habe, wollte Richterin Jana Huber wissen. „Nein“, sagte der Mann, „mein Kopf ist komplett weg.“ Er spielte damit vor allem auf das schwere Schädel-Hirn-Trauma an, das er bei dem Sturz auf den Betonpoller erlitten hatte. Er lag wochenlang im künstlichen Koma, schwebte in Lebensgefahr. Beim Schädel-Hirn-Trauma wurde der linke Temporallappen des Gehirns geschädigt, so dass bis heute unter anderem sein Sprachvermögen gestört ist. Vor Gericht sprach er deshalb ganz langsam und mit Pausen: „Ich bin sehr schwach, schlafe lang, werde schnell müde.“
Urteil im Juni erwartet
Die Verhandlung wird am Dienstag, 23. Mai, fortgesetzt. Ein weiterer Termin ist der Dienstag, 14. Juni, geplant, an dem auch das Urteil gefällt werden.
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