Vier Arme der Maschine stecken im Körper des Patienten. An ihren Enden drei chirurgische Instrumente und eine Kamera. Der Chirurg selbst sitzt einige Meter entfernt an einem Gerät, das aussieht wie eine etwas seltsam gebaute Spielkonsole. Mit Händen und Füßen steuert er die Roboterarme – setzt Schnitte, entfernt Tumorgewebe, näht die Wunde zu.
Seit dem 26. Mai verfügt das Klinikum Coburg über einen „Da Vinci Xi“, einen Operationsroboter der neuesten Generation. Rund zwei Millionen Euro hat das System gekostet, mit dem am 9. Juni die erste Operation in Coburg ausgeführt wurde. Seither war er schon neunmal im Einsatz. „Die roboterassistierte Chirurgie ist die Zukunft“, ist Regiomed-Hauptgeschäftsführer Alexander Schmidtke überzeugt.
Deshalb die teure Investition, deshalb auch die Verpflichtung von Professor Thomas Bschleipfer als Chefarzt für die Coburger Urologie: Er hat Erfahrung mit dem Da-Vinci-Operationssystem, das nicht nur in der Urologie eingesetzt werden soll. Auch die Allgemeine Chirurgie und die Gynäkologie sollen damit arbeiten.
Kein Zittern
Was der Roboter kann, klingt beeindruckend: Die Kamera liefert Bilder aus dem Körperinneren mit zehnfacher Vergrößerung und dreidimensional. „Ich kann kleinste Gefäße darstellen und Blutungen vermeiden“, sagt Professor Bschleipfer. Die Instrumente arbeiten präziser als der Mensch – selbst, wenn dem Operateur die Hände zittern sollten, wird das System das nicht übertragen, erläutert Bschleipfer.
Keine großen offenen Operationen mehr, noch weniger Zugänge als bei der bisher bekannten „Schlüssellochoperation“ (lapraskopische Chirurgie), aber weitaus mehr Möglichkeiten, weil die Roboterarme beweglich sind wie eine menschliche Hand. „Ich kann bei einer Nierentumoroperation sogar um die Niere herumgreifen und von hinten operieren“, erläutert Professor Bschleipfer.
Operieren als Teamleistung
Für ihn ist der Roboter mehr als eine neue Technologie. „Er wird auch ein Umdenken bewirken, wie wir im OP arbeiten.“ Denn der Chirurg, der Operateur, steht selbst nicht mehr am Patienten. Er sitzt an seiner Konsole, einige Meter entfernt, vor seinen Augen die Kamerabilder aus dem Körperinnern in 3D. „Ich muss mich darauf verlassen können, dass am Tisch alles richtig gemacht wird“, sagt Bschleipfer. Das Team am OP-Tisch müsse wissen, „was der Operateur denkt und macht. Das ist ein Mannschaftssport.“
Deshalb gehören auch umfangreiche Schulungen dazu, bis der OP-Roboter eingesetzt werden kann. Nicht nur für die Chirurgen, auch für die Assistenten und Pflegekräfte. Wobei Reinhard Günther, der Leiter der OP-Pflege, so grundlegende Unterschiede zu anderen Operationen gar nicht erkennen kann. „Die Technik ist anders, aber vom Prinzip her ist es nicht anders als bei der lapraskopischen Chirurgie.“
Es gibt bereits Wartelisten
Für den Patienten sind die roboterunterstützten Operationen die bessere Behandlungsmethode, sagt Bschleipfer. Das scheinen auch die Patienten und Ärzte zu wissen – es gibt bereits Wartelisten für Operationen mit dem „Da Vinci“ in Coburg. Allerdings müsse der Patient auch wissen, dass es im Notfall nicht bei der minimalinvasiven Operation bleibt. „Alle im OP-Saal müssen auch in offenen OPs geschult sein“, erläutert Bschleipfer.
Angst, er sei einem Roboter ausgeliefert, brauche allerdings kein Patient zu haben. „Es ist ein Unterstützungssystem, ähnlich wie bei den modernen Assistenzsystemen im Auto. Aber noch operiert der Mensch.“
Simulator, Huhn, Schwein
Und der wird umfangreichgeschult, wie der Chefarzt der Urologie betont. Die Ausbildungszentren betreibt das Unternehmen Intuitive, das die DaVinci-Roboter herstellt. Erst werde am Simulator geübt, dann an Hühnern und Schweinen, schließlich an menschlichen Leichen“, berichtet Bschleipfer. Ein weiterer Vorteil sei, dass die Operationen mit dem Gerät direkt aufgezeichnet werden. Das ermögliche es, aus eigenen Fehlern zu lernen – falls welche passieren.
Entwicklung geht weiter
Zudem ist davon auszugehen, dass OP-Roboter der Zukunft dem Menschen einige Routinesachen abnehmen werden. Schon jetzt könne der Roboter warnen, wenn eins der Instrumente aus dem Blickfeld der Kamera kommt, sagt Tim Heisterkamp von der Herstellerfirma Intuitive. Gearbeitet werde an Verfahren, die es erlauben, die Operation am 3D-Modellen zu planen, die auf computertomografischen Aufnahmen des Patienten basieren. Oder an Software, die helfe, die Strukturen besser zu erkennen – liegt vor dem Skalpell nun ein Tumor oder ein Blutgefäß?
Ohne geht’s nicht mehr
Die Frage, ob sich die Anschaffung fürs Coburger Klinikum lohnt, stellt sich aus Professor Bschleipfers Sicht gar nicht. „Eine Klinik wird nur überleben, wenn sich auch eine Roboter-Operations-Einheit hat.“ Auch Hauptgeschäftsführer Schmidtke geht aufgrund der bisherigen Resonanz davon aus, dass die Anschaffung richtig war. „Für die Patienten ist das ein Quantensprung.“
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