Schon als kleines Kind fand Christine Rechl Fleisch eklig. „Ich finde, es schmeckt nach Tod“, sagt sie heute, 40 Jahre später. Und immer noch fühlt sie sich wohler, wenn wegen ihr kein Tier sterben muss. Wie es sich ein Leben lang damit lebt und welche Erfahrungen sie als Vegetarierin gemacht hat, erzählt sie uns im Gespräch.
„Kinder essen tote Tiere“
Noch oft muss sie an den Witz denken, der in den 80ern kursiert ist: „Mitten in Deutschland, Kinder essen tote Tiere.“ Seither konnte sie den Gedanken an den Werdegang des Stück Fleischs, das auf ihrem Teller lag, nicht mehr verdrängen. „Was für andere ein Genuss war, war für mich Quälerei, wenn aus einem Filet das Blut herauslief, kamen mir die Tränen, bei dem Gedanken, dass ich das essen muss“, erinnert sie sich.
„Bei uns zuhause gab es oft Fleisch, aber auch Gemüse. Die Karwoche war essenstechnisch meine Lieblingswoche, weil ich da endlich alles mochte, was auf den Tisch kam.“ Sie fühlte sich sehr befreit, als sie mit 16 mitteilte, dass ich keines mehr essen würde – obwohl sie Sauerbraten und Fleischpflanzerl eigentlich gern mochte.
Früher habe sie jeden „Schinkenfuzzel“ rausgepickt, heute sie das anders: „Ich kann auch mal ein kleines Stück essen – bevor ich lange diskutieren muss.“ Ihre Mutter hat dann sehr leckere vegetarische Gerichte gekocht und auch selbst weniger Fleisch gegessen. Ihr Vater allerdings habe es sich nach 20 Jahren nicht verkneifen können, sie zu fragen, ob sie Wurst möchte.
“„Ich hatte fast nie Eisenmangel, Vitamin B ist manchmal Thema gewesen. Was man als Vegetarier vermisst, sind Sachen, zu denen Senf gut passt“
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Geschmacklos, zerkocht, lieblos
In den Lokalen bekam man meist Gemüseteller mit Spiegelei à la Altenheim: „Geschmacklos, zerkocht und lieblos.“ Warum man dachte, wer vegetarisch isst, mag keine Gewürze und kein Salz, hat sie nie verstanden, genauso wenig wie die ewige Frage: Was isst du denn dann? „Also ob die Welt nur aus Schnitzeln und Würsten bestehen würde.“
Die Coburger Bratwurst hat Christine Rechl durchaus einmal probiert, um zu wissen, wovon die anderen reden. Sie findet sie langweilig. „Wenn sie nicht so verbrannt wäre, würde sie nach nichts außer Fett schmecken.“ So lautet ihr hartes Urteil.
Fisch geht ab und zu
Sie gehört übrigens zu den Vegetariern, die ab und zu Fisch essen. Ihre Begründung: „Ich habe immer gedacht, was ich nicht selbst erlegen könnte, will ich nicht essen. Ich würde niemals eine Kuh schlachten, oder einem Huhn den Kopf abschlagen. Aber ich könnte mir vorstellen, wenn ich wirklich müsste, einen Fisch zu erlegen. Allerdings sehr ungern.“
Die Coburger Designerin gehört nicht zu den radikalen Vegetariern. Sie sagt gar nicht, dass keiner mehr Fleisch essen soll: „Der Welt wäre viel mehr gedient, wenn alle weniger davon essen würden. Wenn 100 Prozent aller Fleischesser auf die Hälfte verzichten würden, dann würde der Konsum drastisch sinken. Wenn von 100 Leuten fünf Vegetarier werden, macht das wesentlich weniger aus.“
„Wie gesagt, für mich war es kein Verzicht, sondern eine Befreiung. Wenn ich wirklich sehr schwer körperlich arbeite, dann bekomme selbst ich Lust auf eine Leberkässemmel, aber das passiert einmal in 15 Jahren“, gesteht sie.
Ideologien seien nie gut
Ihr Sohn Leo war als Baby total fleischversessen, „anscheinend hat er es gebraucht“. Die 59-Jährige findet Ideologien nie gut, auch nicht, was das Vegetariertum betrifft. Ganz am Anfang habe sie schon manchmal versucht, jemandem den Spaß an seinem Schnitzel zu verderben, aber das war eher die hilflose Rache für die ganzen blöden Bemerkungen, die sie sich anhören musste, wie „Der Blumenkohl muss auch sterben“. Irgendwann hat sie geantwortet, sie esse es aus religiösen Gründen nicht – da habe keiner mehr weiter nachgefragt.
Das mit den blöden Bemerkungen habe Jahrzehnte angehalten, inzwischen drehe sich der Spieß manchmal fast um, und Leute meinen sich rechtfertigen zu müssen, wenn sie Fleisch essen.
„Wenn ich sage, dass ich Vegetarierin bin, denken die meisten, das mache ich, weil es Trend ist. Wenn ich dann sage, schon seit über 40 Jahren, sind sie überrascht.“ So ihre Erfahrung. Vor allem in Franken seien die traditionellen Speisekarten für Vegetarier immer noch eine Katastrophe, da sei Österreich schon immer wesentlich phantasievoller gewesen. Aber in anderen Lokalen, jenseits von Braten, habe sich viel getan.
Es geht um den Planeten
„Ich persönlich esse gerne richtig viel Gemüse. Wenn ich das nicht bekomme, merke ich, wie ich schlecht gelaunt werde. Das bekommt man aber in fast keinem Lokal. Da kocht man besser selbst“, sagt sie, die auch nicht versteht, warum Lokale nicht die Fleischgerichte so anbieten, dass man wählen kann: viele Beilagen oder viel Fleisch. Die Gewichtung findet sie nicht nachvollziehbar.
Es gehe ja nicht immer nur um die eigenen Bedürfnisse, sondern auch um den Planeten. „Und der leidet und ächzt unter dem Fleischkonsum. Um die gleiche Kalorienmenge an Fleisch herzustellen, brauche ich die achtfache Ackerfläche. Fleisch zerstört als in Massen den Planeten, es werden Wälder dafür gerodet, das ist eine Tatsache. Ich fände es toll, wenn es Fleisch aus der Retorte gäbe.“
Aber fehlt denn nicht der Geschmack oder dem Körper wichtige Vitamine? „Ich hatte fast nie Eisenmangel, Vitamin B ist manchmal Thema gewesen. Was man als Vegetarier vermisst, sind Sachen, zu denen Senf gut passt,“ sagt sie.
Vegetarisch werde gerne mit humorlos gleichgesetzt, das sei schade, findet sie. Fleischesser fühlten sich oft angegriffen, wenn sie auf Vegetarier treffen. Was Christine Rechl ganz schlimm findet: Wenn die ewig Gestrigen einen Kult daraus machen, dass sie sich „ihr“ Schnitzel nicht verbieten lassen.
Vegan „zu extrem“
Den Trend, vegan zu essen, macht die Coburgerin nicht mit. Das ist persönlich zu extrem. Aber sie kauft nur Biomilchprodukte, „denn ein Leben als Milchkuh kann auch eine Qual sein“.
Eine Lösung, um den Fleischkonsum generell zu reduzieren, sieht die engagierte Frau bei den Kosten: „Ich finde, man sollte Fleisch viel teurer machen, nicht subventionieren, und denen, die es sich sonst nicht leisten können, Bezugsscheine geben. Wer mit seinem SUV zum Supermarkt fährt, sollte das bezahlen, was Fleisch wirklich kostet.“
Ihre Katze Maunzi frisst auch Fleisch, aber soweit ihr Frauchen weiß, darf für Tierfutter kein Tier getötet werden, es ist nur den „Abfall“, der uns nicht fein genug ist. „Allerdings ist sie heimliche Vegetarierin, sie liebt Paprika, Honigmelone und Oliven hat sie auch schon gegessen.“
Katze Maunzi frisst Melone
Was man seinem Körper ohne Fleischgenuss Gutes tut
Rund acht Millionen Menschen in Deutschland verzichten bewusst auf Fleisch. Zahlreiche Studien haben mittlerweile gezeigt: Fleischverzicht tut uns gut. Diese fünf Dinge verändern sich, wenn man auf Fleisch verzichtet:
- Man riecht besser
Wer kein Fleisch isst, duftet tatsächlich angenehmer. Das fanden Forscher der Universität Prag in einer Studie 2006 heraus. - Man nimmt leichter ab
Eine Metastudie von Wissenschaftlern aus Taiwan zeigte: Menschen, die sich vegan oder vegetarisch ernähren, verlieren mehr Gewicht als diejenigen, die andere Ernährungspläne verfolgen. - Weniger Krankheiten
Studien haben bereits bewiesen: Wer kein Fleisch ist, senkt sein Risiko für zahlreiche Erkrankungen – darunter auch Herzerkrankungen, Diabetes und Krebs. - Man ist empathischer
Die Hirngegenden, die empathische Gefühle auslösen, sind bei Vegetariern und Veganern aktiver als bei Fleischessern. Das ergaben Untersuchungen italienischer Neurowissenschaftler. So reagierten Vegetarier stärker auf Bilder von menschlichem und tierischem Leid. - Der Darm wird geschützt
Für eine ausgewogene Darmflora sorgen die Bakterien in unserem Darm. Vegetarier und Veganer haben meist mehr davon – dem Darm geht es entsprechend besser. Obst und Gemüse sowie milchsaure Lebensmittel wie Joghurt helfen dabei. Diese kommen bei Vegetariern vermehrt auf den Teller. - Trotzdem gilt: Fleisch liefert dem Körper viele wichtige Proteine, Eiweiß, Zink, Eisen und Vitamin B. Das müssen Vegetarier ausgleichen. So liefern etwa weiße Bohnen und Erbsen viel Eisen, Sojabohnen und Haferflocken Zink und Eigelb Vitamin B12.
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