Der Sicherheitsmann vor der Bühne war gestern schon da, bei der Rammstein-Coverband „Stahlzeit“ mit ihrer Pyro-Show – die Haut an seinen Oberarmen spanne noch etwas von der Hitze, sagt er. Heute wird es wieder warm werden auf dem Schotterplatz vor der Bühne. Auch ganz ohne Feuer.
Aperol und Sommer-Sehnsucht
Die untergehende Sonne spiegelt sich golden in den Sonnenbrillen, die Eiswürfel klirren in den Aperol-Gläsern. Aperitifs und Cocktails verkaufen sich gut heute, sagt der Mann hinter der Bar, „es sind viele Frauen da und Frauen trinken geschmeidig.“
„Giovanni, Giovanni, Giovanni“, skandiert ein Chor aus hellen Stimmen, als der Konzertbeginn näher rückt und sich auf der Bühne langsam Rauchschwaden kräuseln. „Zarrella!“, brüllt eine tiefe dazwischen. Kollektives Kichern.
„Buona Sera, Coburgo!“ – Der Startschuss zur Italo-Party
Eine „italienische Sommernacht“ haben die Konzertplakate versprochen, das warme Wetter spielt schon mal mit. Das Publikum trägt Bonbonfarben, Sommerkleider, weiße Hosen, vereinzelte Fähnchen in grün-weiß-rot.
„Buona Sera, Coburgo!“: Giovanni Zarrella und seine Band betreten um 19.30 Uhr unter Jubel und vor gezückten Smartphones die Bühne, gleich das erste Lied, „La discoteca italiana“, beschwört das Disco-Feeling der Achtziger. Viele im Publikum haben damals wahrscheinlich schon mitgetanzt, andere waren jung zu Zarrellas Anfangszeiten bei der Casting-Band „Bro’Sis“ Anfang der 2000er. Einige sind gleich mit der ganzen Familie gekommen, „Die Giovanni Zarrella Show“ im ZDF vereint Generationen vor dem Fernseher wie einst „Wetten, dass…?!“.
Amore mit Nena und der Münchner Freiheit
„Ragazzi! Nehmt euch Amore, Tränen, Lachen – nehmt euch alles mit aus diesem Abend!“, ruft Giovanni Zarrella, „Ihr habt dafür bezahlt!“ Mit dem Nachsatz hat er das Lachen schon mal abgehakt.
Das Italienisch reicht nicht für viel mehr als „Amore“? Kein Problem, Mitsingen klappt trotzdem: Zarella hat nicht nur Songs aus seinem aktuellen Album „Universo“ im Programm, sondern interpretiert deutsche Klassiker auf Italienisch und Deutsch, es ist sein Markenzeichen seit dem Comeback 2019. „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ von Nena und „Ohne dich“ von der Münchner Freiheit, untermalt von einem kubanischen Bläser-Trio.
Dazwischen Zarellas eigener Synthiepop-Titel „Fantastico“, ein Medley aus bekannten Italo-Hits, dann eines ebenso bekannter Latino-Rhythmen: Der Aufforderung „Tanzt aus vollem Herzen!“ kommt das Publikum gerne nach, Hände klatschen, Hüften wiegen, hier und da wirbelt ein Tanzpaar über den Schotter.
Genügend Platz gibt es: Ausverkauft ist das Konzert nicht, der Platz vor der Bühne nur zu etwa zwei Dritteln gefüllt.
Ein Konzert wie eine Umarmung
Um 20 Uhr 15, pünktlich zur Primetime, gerade als die Sonne endgültig hinter den Backsteingebäuden der Kulturfabrik Cortendorf versinkt, gibt es zum ersten Mal „was fürs Herz“: Beim Klassiker unter den italienischen Liebesliedern, „O Sole Mio“, beweist Zarrella, lässig im Sitzen, dass er nicht nur Stimmung, sondern auch Stimme kann, hält mühelos die hohen Töne wie einst Enrico Caruso.
Auch wenn Giovanni Zarrella vielleicht ein wenig zu oft ein Herz mit den Händen formt und Kusshände in die Menge wirft, auch wenn manche seiner Sprüche auch Wandtattoos irgendwo zwischen „Live, Love, Laugh“ und „Latte Macchiato“ sein könnten: Die Show ist voll echter Wärme.
Immer wieder verschwindet Zarrella von der Bühne, plaudert mit Fans in der ersten Reihe, schwätzt in breitem Schwäbisch von seiner Heimatstadt Hechingen, applaudiert knutschenden Paaren im Publikum für so viel „Amore“. Zarrella ist das personifizierte, augenzwinkernde Lachfältchen – wenn nicht gar die feste Umarmung in Person.
Den bis dahin größten Applaus gibt es, als er während eines Songs beinahe beiläufig zur Rollstuhl-Tribüne joggt und dort beim Singen Selfies knipst. Einigen der Fans dort kommen die Tränen vor Überraschung. Nach gut der Hälfte ist das Anfangsversprechen des Konzerts – Lachen, Liebe, Tränen, Tanz – damit eingelöst.
Zarella drückt genau die richtigen Nostalgie-Knöpfe, beschwört im Dialog mit dem Publikum kollektiv-deutsche Italien-Erfahrungen – Urlaubsfahrt Richtung Gardasee über den Brenner, Fußball-WM 1990 in Rom – und liefert den Soundtrack dazu. Von „Un'Estate Italiana" und „L’italiano“, dem Zarrella zufolge „italienischsten Lied überhaupt“, über „Volare“ bis zu „Sempre, sempre“ – Zarella und Band haben sie alle drauf.
Dass der Showmaster dabei nicht nur die rauchige Stimme von Gianna Nanini, sondern auch den näselnden Gesang von Eros Ramazotti fast perfekt imitieren kann, hilft, dass die kollektive Unbeschwertheit nicht abkippt in den Schnulz.
90er Medley mit verletztem Fuß
Um kurz nach 21 Uhr hat Giovanni Zarrella sich wundgetanzt, bekommt ein Pflaster für den Fuß, an dem der Schuh scheuert. Das hält ihn nicht davon ab, zum 90er-Eurodance-Medley mit Background-Sängerinnen Verena und Natalie über die Bühne zu hüpfen. Das Publikum hüpft mit. Auch wenn die Abendluft schon kühl ist: Es bleibt warm in Cortendorf – und der Platz wirkt plötzlich richtig voll.
Nach rund zwei Stunden kündigt Giovanni Zarrella dann, unter bedauerndem Murren der Menge, das letzte Lied an: „Torneró“, ein Lied über die Sehnsucht nach der Heimat, für dessen Refrain auf „Ohohoo“ er sich einen „Chor der Liebe in Coburgo“ wünscht. Zarrella erzählt von der Liebe zu seinen zwei Heimaten Deutschland und Italien und davon, wie seine Eltern und Großeltern, die in den 60ern mit vielen anderen aus Süd- und Osteuropa nach Deutschland kamen „und das Land mit aufgebaut haben“, mit Liebe empfangen wurden.
„Wahnsinn“ statt Statement zur Weltlage
Kurz scheint es, als wolle er den Moment, die weichen Herzen und offenen Arme seines Publikums nutzen, um im Heute der geschlossenen Grenzen und Kaltherzigkeiten in aller Welt ein klares Statement zu setzen. Aber er entscheidet sich, im Gestern zu bleiben, in der harmlosen Unbeschwertheit.
Natürlich ist es nicht das letzte Lied des Abends. Zugabe eins: Wolfgang Petrys „Wahnsinn“ – selbstverständlich auf italienisch, statt „Hölle“ lässt sich da einfach „bella, bella, bella“ oder „Amore, -more, -more“ als Echo brüllen. Zugabe zwei: „eine noch, fürs Herz“, sagt Zarella in sein blaues Mikro. „Bello Ciao!“, ruft es aus dem Publikum, die antifaschistische Hymne.
Giovanni Zarrellas Abschied mit „Angels“
Zarella hört es nicht. Er stimmt an: Seine Version von „Angels“, im Original von Robbie Williams, der es, ähnlich wie Zarrella, vom Bandmitglied zum Solostar geschafft hat. Es ist gerade richtig dunkel für die Handy-Taschenlampen.
Ein letztes „Hört nicht auf zu träumen!“, ein letztes „Ciao, Ragazzi“, eine letzte Kusshand ins Publikum. Dann ist das Konzert zuende. Einige Fans aus Coburgos Chor der Liebe summen noch ein wenig weiter.































