Geländewagen! Nicht Jeep - Gabor ist vernarrt in sein schwarzes, in der Stadt zwar völlig überflüssiges, aber unglaubliches Fahrgefühl vermittelndes Allrad-Monster, hat lange gespart, dann noch 75 000 Euro Schulden dafür gemacht.
Das Auto ist das Symbol für den Aufstieg
Selbst wenn er sich dafür Kleinpenis-Witze anhören muss. Sein Auto ist Symbol dafür, dass er es aus der Ärmlichkeit geschafft hat: Jetzt ist er in der Verwaltung Herrscher über all die Bedürfigkeitswürstchen. Wie etwa Maud, die er beim Pfandflaschensammeln erwischt hat. Das Pfandgeld zieht er ihr von der Grundsicherung ab. Ober war das noch das Bürgergeld? Jedenfalls reichen die zugestandenen täglichen 4,80 oder so nicht dafür aus, dass Maud sich anständig ernähren kann.
Die Grundfrage nach Gerechtigkeit
„Jeeps“ heißt die Komödie des Landestheaters Coburg in der Reithalle, für die es bei der Premiere am Freitag viel Applaus gab. Doch Achtung! Es handelt sich um Theater der bissigen Art. Das Stück von Nora Abdel-Maksoud stellt auf satirisch-radikale Art die Grundfrage nach Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft.
Der Bürokratie-Irrsinn
Das Stück der in München geborenen Autorin, 2021 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt, klatscht einem – witzig, aber gleichzeitig schmerzhaft - die herrschende Realität und den gegenwärtigen Diskussionsstand über per Geburt vergebene Ungleichheit ins Gesicht. Die wird im biestig vorgeführten Bürokratie-Irrsinn statt abgemildert höhnisch zementiert. Man muss schon fließend Amtsdeutsch beherrschen, um überhaupt an das richtige Formular zu gelangen.
Intensiv nachvollziehbar und nachfühlbar wird das drohende Zerbrechen der sozialen Grundverfassung unserer Gesellschaft in der Coburger Inszenierung am konkreten Beispiel von vier Personen, die im Jobcenter aufeinander treffen.
Sie greifen zu drastischen Mitteln
In der einfallsreichen, dabei für den psychischen Zustand der Handelnden sensiblen Regie von Anna Tenti geraten Niklaus Scheibli und David Köster als (mehr oder weniger) überzeugte Vertreter der angeblich gerechten und unbestechlichen Bürokratie in Konfrontation mit der Not von Maude und Silke. Kerstin Hänel als die alte, um den Rest ihrer Würde bemühten „Kundin“ und Antonia Bockelmann als brutal aus dem gewohnten Wohlstand geworfenes Kind greifen zu drastischen Mitteln. Die vier spielen sich in dem höhnisch mit viel Rosa ausgestatteten Bühnen-Jobcenter von Pina Starke in ein packendes Quartett.
Erbschaften werden per Los verteilt
Abdel Maksouds brutaler Griff in unsere wirtschaftliche wie geistige Verfasstheit: Erbschaften werden ab sofort per Los unter der Bevölkerung neu verteilt. Gabor ist der Hüter der Lose. Es geht um jährlich 400 Milliarden Euro. Es kommt zu entsetzlichen Auswüchsen.
Bei allen absurden Konstellationen, die beschrieben werden - etwa dass bei der Masse an Arbeitsuchenden aus Platzgründen überwiegend Kinder in den Wartesälen sitzen - werden klar und unmittelbar herausfordernde Grundfragen gestellt. Hängt Zivilisation vom Schutz des Privateigentums ab? Endet die Einsicht in jede als sinnvoll erachtete Maßnahme für mehr Gerechtigkeit bei der Verteilung von Eigentum stets abrupt da, wo sie einen persönlich und konkret fordert?
So witzig, satirisch frech und selbstverständlich überzogen die Autorin die Vertreter der Verwaltung wie der unterschiedlichen Milieus und Wohlstandsschichten zeichnet – der schonungslose Blick bei nicht gänzlich vergessenem Mitgefühl geht unter die Haut.
Für diese Vorstellungen gibt es Karten
Karten für das Stück des Landestheaters Coburg sind wieder für die Vorstellungen 25. Mai, 18 Uhr, 12., 13. und 18. Juni, 20 Uhr, in der Reithalle erhältlich.
Lesen Sie auch:
Premiere von „Jeeps“ am Freitag, 15.05.2026, 20 Uhr in der Reithalle
Mit der satirischen Komödie „Jeeps“ von Nora Abdel-Maksoud bringt das Landestheater
Coburg am 15. Mai eine bissige Abrechnung mit sozialer Ungleichheit, Bürokratie und
Leistungsdenken auf die Bühne der Reithalle.
In Deutschland werden jedes Jahr Milliarden vererbt – doch damit ist in „Jeeps“ Schluss.
Eine radikale Erbschaftsreform sorgt dafür, dass Vermögen künftig per Losverfahren neu
verteilt wird. Zuständig für die Abwicklung: ausgerechnet das Jobcenter. Zwischen
Aktenbergen, Formularen und Warteschlangen bearbeiten die Sachbearbeiter Armin
(Niklaus Scheibli) und Gabor (David Kösters) nun nicht mehr nur Anträge auf
Grundsicherung, sondern auch Erbschaftsanträge frisch enterbter Bürger*innen.
Als Silkes (Antonia Bockelmann) Antrag auf das Vermögen ihres verstorbenen Vaters
abgelehnt wird, platzt ihr der Kragen. Im Jobcenter trifft sie auf Maude (Kerstin Hänel), die
sich mit Grundsicherung und Pfandflaschensammeln über Wasser hält – bis selbst ihr
Pfandgeld angerechnet wird. Zwei Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten,
beschließen kurzerhand, sich gegen ein System zu wehren, das sie gleichermaßen klein
hält. Bewaffnet stürmen sie Gabors Büro und fordern ihr vermeintliches Recht zurück.
Mit scharfem Humor, schnellen Perspektivwechseln und absurden Zuspitzungen entwirft
Nora Abdel-Maksoud eine Welt, die erschreckend nah an der Realität ist. Wie in einer
Mockumentary entfaltet sich eine groteske Geschichte über Geld, Macht und die Frage, wer
in einer Gesellschaft eigentlich Anspruch auf Wohlstand hat.
Auch das Bühnenbild greift die satirische Zuspitzung des Stücks auf: Wartesessel,
Loskugeln und Lose prägen die Bühne und verleihen dem Geschehen eine besondere
Atmosphäre. Es entsteht ein Bild einer Gesellschaft, in der über soziale Teilhabe scheinbar
zufällig entschieden wird. Regisseurin Anna Tenti erweckt den preisgekrönten Text in der
Reithalle zum Leben. Bühne und Kostüme entwirft Pina Starke, die Dramaturgie übernimmt
Anne Verena Freybott.
„Jeeps“ ist eine kluge, wilde und hochaktuelle Komödie über Umverteilung, soziale Herkunft
und die Sprachlosigkeit rund ums Geld – laut, unbequem und sehr komisch. Die Premiere ist
bereits ausverkauft, Tickets für die Folgevorstellungen sind an der Theaterkasse im GLOBE
Coburg, an den bekannten











