Stell’ dir vor, es ist Spielzeitauftakt am Landestheater Coburg – und keiner geht hin. Zur Eröffnung der zweiten Saison im neuen Globe kamen gleich mehrere desaströse Umstände zusammen. Vorneweg war es die Akustik. Das Räuspern im Saal war bisweilen bei weitem deutlich vernehmbar als so manche Stimme auf der Bühne.
Müsste Schiller nicht eine sichere Bank sein? Das Globe war am Samstag zu einem Viertel besetzt. Ist dies auf die Erfahrung der insgesamt glorreichen ersten Spielzeit in der Interimsspielstätte zurückzuführen, dass Schauspieler dort nur mühsam zu verstehen sind? Es müssen wohl Fachleute klären, warum die Akustik bei den Konzerten einfach fantastisch ist, während einzelne Stimmen wie im Nebel verschwinden.
Dreieinviertel Stunden Qual
Doch die Theaterleitung muss bald in der Spielplangestaltung reagieren. Denn so macht ein komplexes Sprachwerk wie Friedrich Schillers dramatisches Gedicht „Don Karlos“ nicht nur keinen Sinn. Es wird zur dreieinviertelstündigen Qual.
Es geht um Macht und Freiheit
Gastregisseur Thorsten Köhler, nicht nur ein Kind, sondern seit Jugendbühnenzeiten sogar ein Theaterkind Coburgs, das schon viele witzige und interessante Impulse gesetzt hat, tat allerdings in diesem Fall auch noch ausführlich das Seinige hinzu. Schillers 1787 uraufgeführte vielschichtige Auseinandersetzung um Macht und Freiheit, um die Verantwortung des einzelnen zwischen persönlichen Sehnsüchten und der Notwendigkeit, für die Entwicklung der Gesellschaft aktiv zu werden, soll in Köhlers Regie möglichst flott und heutig klingen.
Ist ja alles tatsächlich sehr aktuell. Doch kann man den großen und inhaltsreichen Dialogen nur bruchstückhaft folgen. Ein eher jüngerer Zuschauer im ersten Rang sagte beim von ihm verweigerten Schlussapplaus: „Man sollte im Theater wenigstens hören können, was gesprochen wird.“ Und so absolviert ein engagiertes Ensemble den Riesentext in akustischer Ferne wie für sich selbst.
Man schreit recht gerne
Der in seiner Unfähigkeit gefangene Kronprinz Don Karlos (Hans Ehlers) ist als larmoyantes Bübchen gezeichnet, das schnell herumschreit. Viel mehr versteht man trotzdem nicht. Das bringt seine von Schiller sehr überlegene und politisch verantwortlich agierende Stiefmutter Elisabeth (Ines Maria Winklhofer), die ursprünglich seine eigene Verlobte war, ebenfalls zum häufigen Schreien.
Benjamin Hübner als Posa geht sichtlich auf in dieser zentralen Rolle des selbstlosen Aufklärers. Ihm gehören einige der prägendsten Textstellen Schillers, doch … Marina Schmitz als verheerend agierende Intrigantin Eboli, Tobias Bode als Herzog von Alba, Niklaus Scheibli als Graf von Lerma und Stephan Mertl als Beichtvater des Königs – sie alle sind von Schiller nicht nur als Positionsinhaber, sondern als komplexe, interessante Gestalten gezeichnet – es ist traurig.
Im Widerspruch zu Schiller
Der allumfassende Herrscher König Philipp, der in seiner Isoliertheit und Einsamkeit durchaus zum Nachdenken kommt, aber an seiner uneingeschränkten Macht festhält, wird vom Regisseur allerdings in eine hochdramatische Position gerückt (Nils Liebscher wirklich beeindruckend) – ein elender Greis werdend und leidend um den von ihm selbst erschossenen Marquis Posa.
Doch diese Heraushebung widerspricht der Gesamtaussage Schillers. Hübsch surreal wird es gar mit dem Auftritt des Großinquisitors in Gestalt einer rot leuchtenden, teuflisch gezeichneten Kerstin Hänel, was sich aber auch nicht deckt mit dem Sinn Schillers von der Entscheidungskraft des Einzelnen.
Weitere Widersprüchlichkeiten kommen hinzu: In Ankündigungen und Programmheft wird breit auf unsere Gegenwart und die absolute Herrschaft Putins verwiesen. Hätte man machen können.
Warum bewegen wir uns dann aber auf der Bühne im Ambiente von Franco-Spanien? Musikalisch ergänzt mit französischen Popliedchen der 60er und 70er Jahre, die für die ursprüngliche Liebe von Elisabeth und Karlos stehen, irgendwann nur noch nerven und noch mehr Inhalt fressen. Es gibt weitere Mätzchen. Wie in der Bezeichnung des Schauspiels den Untertitel „Infant von Spanien“ durch „Idiot von Spanien“ zu ersetzen.
Tafelrunde in Beton
Und noch eine große Frage: Alles spielt im beeindruckenden Betongrau einer mächtigen und Macht demonstrierenden Pfeilerhalle (Bühne Justus Saretz), dem Reich des allmächtigen Philipps von Spanien. Aber was soll darin die gigantische König-Artus-Tafelrunde?
Weitere Aufführungen von „Don Karlos“ gibt es am 28. September und 3. Oktober um 19.30 Uhr sowie am 6. Oktober um 18 Uhr im Globe.
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