Ausbruch aus den gewohnten (Coburger) Tanzbahnen, das ist der Sinn einer solchen Ballettproduktion. „Der Tod und das Mädchen“ bringt die Körper- und Bewegungskunst dreier international renommierter Choreografen ins neue Globe-Theater. Die Herausforderung gilt sowohl dem Publikum – das begeistert reagierte bei der samstäglichen Premiere – als auch der klassischen Landestheater-Compagnie. Die erwies sich so offen und vielseitig, wie es die unterschiedlichen Tanzstücke verlangen.
Um es gleich zu sagen: Heiter wird der Abend in nur kurzer Passage, doch schließlich befinden wir uns in Vorbereitung auf die große christlich-rituelle Todeserfahrung.
Der Kanadier Eric Gauthier, dessen Choreografien so originell sind, dass sie Eingang gefunden haben ins Repertoire großer Häuser, buchstabiert uns das Abc des klassischen Balletts. Er gibt eine kurze ironische Auseinandersetzung mit der eigenen Kunst. Die Stimme vom Band dirigiert durchs technische Vokabular, zu dem heute allerdings auch Anweisungen für die körperlich-bildliche Reproduktion von Emotionen wie „King Kong“, „SOS“ oder „Oh my god“ gehören. Jerome Peytour folgt präzise und blitzschnell und tanzt buchstäblich bis zum Umfallen.
Wenn der Tanz in Coburg zur Sprache wird
Der stark klassisch verortete Coburger Ballettchef Mark McClain reagierte mit seinen „Blue Moves“ auf die Anregungen der drei Gastchoreografen mit einem versonnenen Pas de deux zum jazzigen, teils tango-gewagten Saxofon-Sound der Lounge Lizards. Guilherme Carola und Nathalie Franke (alternierend mit Goh Shibata und Lucia Colom) ergeben sich vielfachen Erinnerungen an Liebe und Verlust mit McClains ins Gefühlvollere erweiterter Tanzsprache – in zärtlich-schönen Hebefiguren.
Begonnen hatte der Abend allerdings mit dem düster-beeindruckenden Elektroniksound von Leonardo Liccini, der sich bis zu einem eindrücklichen, modern komponierten Agnus Dei steigert. Der Kanadier Johnny McMillan lässt sechs verkrümmte Gestalten sich animalisch erheben. Im dunklen Raum reagieren sie auf etwas Übermächtiges, Unbekanntes, das aus dem musikalischen Raum auf sie eindringt. Aus Alltagsgestik entwickelt McMillan eine expressive Körpersprache zwischen zuckendem Ausgeliefertsein, Sehnsucht in der Entfremdung des Einzelnen und reckender Forderung. Es bleibt ein Paar zurück.
Bewegungen können künstlerische Realität erschaffen
Und die ganze Szenerie bleibt eine Art Albtraum-Stück. Als Interpretationshilfe verweist das Programmheft unter dem Titel „Darling“ auf die Auseinandersetzung mit metaphysischer, „surrealer Überzeitlichkeit und Unörtlichkeit von Liebe und Zärtlichkeit“. Allerdings muss Tanz gar nichts „bedeuten“. Die größte Errungenschaft des modernen Tanzes liegt in der Befreiung von zwanghaften Deutungen. Bewegte Körper können eine eigenständige künstlerische Realität erschaffen, in der sich wiederum der Zuschauer ebenso emotional frei bewegen darf.
Das dem Abend den titelgebende Stück „Der Tod und das Mädchen“ wird allerdings wieder eindeutiger. Johannes Kritzinger, aus Südafrika stammender ehemaliger Solotänzer bei John Neumeier, zitiert das Gedicht von Matthias Claudius für seine Auseinandersetzung mit dem Tod, naheliegend unter Franz Schuberts expressivem Streichquartett von 1824. In der 40-minütigen Choreografie treffen personifizierte menschliche Emotionen - Wut, Akzeptanz, Zuversicht, Neugier, Ablehnung - auf eine zweifache Todesgestalt, den weißen und den schwarzen Tod.
Im Tanzstück siegt der Tod
In Solos wie Pas de deux findet Johannes Kritzinger – trotz einiger Längen - immer wieder intensive Körperbilder zwischen klarer Klassik und verstörend isoliert agierenden Gliedmaßen. Es ist unter den insistierenden Streicherklängen vor allem sein Tanz der fließenden Armbewegungen, der immer wieder fasziniert.
Im Tanzstück siegt der Tod. Filmprojektionen setzen im Hintergrund des Globe einen trotzigen Kontrapunkt.
Infos zur Aufführung
„Der Tod und das Mädchen“ ist vierteiliger Ballettabend mit Choreografien von Johnny McMillan, Eric Gauthier, Marc McClain und Johannes Kritzinger; Bühne: Susanne Wilczek.
Es tanzen: Guilherme Carola, Chi-Lin Chan, Lucia Colom, Jaume Costa, Karina Campos Sabas, Nathalie Franke, Sylvain Guillot, Yuriya Nakahata, Jérôme Peytour und Goh Shibata.
Weitere Termine: Donnerstag, 7. März; Freitag, 22. März; Dienstag, 26. März; Donnerstag, 28. März; Freitag, 5. April; Mittwoch, 10. April; Samstag, 25. Mai; Samstag, 6. Juli; Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr. Außerdem Sonntag, 12. Mai, 18 Uhr. Alle Vorstellungen finden im Globe Coburg statt. Die Dauer beträgt jeweils circa zwei Stunden. Karten unter landestheater-coburg.de.















