Keiner hat die Liebes- und Einsamkeitsqualen der Seele so in geradezu liebliche Melodien gefasst wie Mozart. Diese aus dem Innersten kommende und ins Innerste des Hörers zielende Strahlkraft war für die Inszenierung des „Don Giovanni“ durch Gastregisseurin Béatrice Lachaussée am Landestheater Coburg oberstes Prinzip. Sie entließ nach der Premiere am Samstag im Globe nach dreieinhalb Stunden ein erschöpftes, aber glückliches Publikum. Szenenapplaus war Standard geworden.
"Don Giovanni" am Landestheater: Fokus auf Beziehungen gelegt
Das Schlachtfeld der seelischen Verwüstung durch den maßlosen Frauenschänder Don Giovanni mit abschließender Höllenfahrt spielt vor und im Umkreis einer betonartigen Klagemauer, die sich dank der Drehbühne in immer neue Perspektiven und erstaunliche Räumlichkeiten wandelt. Auch im Bühnenbau von Mara Lena Schönborn gibt es nichts Aufgesetztes, keine vordergründig modischen Attitüden. Wie die sparsame Gestik und die Personenführung durch die Regisseurin ist alles darauf ausgerichtet, auf die Beziehungen der Handelnden zu fokussieren.
Und so wandeln wir vor allem im ersten Akt immer atemloser von einer packenden Arie zum nächsten innigen Duett und zum nächsten delikaten Ensemble, getragen vom im selben Geiste wirkenden Duktus des Gastdirigenten Mark Rohde. Mozarts an dieser Stelle ungewöhnliche Moll-Tonart der Ouvertüre bleibt als leise, schwermütige Nachdenklichkeit auch über die komödiantischen Passagen dieses eigentümlich „gemischten“ Dramma giocoso hinweg. (Nach dem „Figaro“ hat Mozart hier zum zweiten Mal mit Lorenzo Da Ponte zusammengewirkt.)
Zuschauer wird bei "Don Giovanni" in den Mozartschen Gefühlskosmos getragen
Dem Philharmonischen Orchester des Landestheaters gelingt es auf diese Weise, die raffinierten, oftmals vertrackt übereinander liegenden instrumentalen und gesanglichen Ebenen klar und eingängig bleibend darzulegen. Dies ist nicht nur die Grundlage dafür, dass die Hörer wie selbstverständlich im Mozartschen Gefühlskosmos getragen werden.
Der beherrschte und klare Weg durch die oftmals ihrer Zeit weit vorausgegriffenen Kompositionstechniken, durch das rhythmisch Verblüffende erlaubt es den Sängerdarstellern, sich ganz auf die Ausformung von Seele und Geist ihrer Charaktere zu konzentrieren. Und so erleben wir ein tief beeindruckendes Ensemble, in den Arien wie im Zusammenspiel.
Daniel Carisons Don Giovanni tritt in den zeitlos charakterisierenden Kostümen von Mara Lena Schönborn als gnadenloser militaristisch gezeichneter Feldherr auf, den nichts interessiert als die Befriedigung seiner Gier. Im stummen Vorspiel zur Ouvertüre hat ihm die Regisseurin –ihrem steten Bemühen um psychologische Einsichtigkeit entsprechend - eine erklärende Vorgeschichte als vom Säufer- und Hurenvater vernachlässigtes Kind gegeben. Die aber nichts entschuldigt, wie Lachausée im Vorfeld betonte.
Landestheater-Ensemble berührt mit Darbietung
Obwohl Don Giovanni so gar keine gute Seite hat, gelingt es Carison mit seinem vielseitigen Bariton in einer Arie, vom Geist der Liebe gefangen zu werden. Das ist die Stelle, die auch das neuerlich aufwallende Mitleid der seelisch missbrauchten Donna Elvira (Emily Lorini mit an der Wut geschärftem Sopran) erklärt.
Don Giovannis Gegenpol ist Don Ottavio. Jaeil Kim zieht einmal mehr mit seinem kraft- und dabei ungemein gefühlvollen Tenor in Bann, hier als selbstlos Liebender, der Donna Anna bewahren will. Galina Benevich verkörpert die unter dem Bann der Gewalt Gefangene, die nicht über die Fastvergewaltigung und die Ermordung ihres Vaters hinwegkommt.
Dabei berühren die Figuren der Opera buffo durchaus auch, weil ihre innere Dramatik deutlich wird. Francesca Paratore geht an einer Stelle mit solcher Süßigkeit ihres Soprans in Mozarts musikalischen Geist auf. Bartosz Araszkiewicz schlug sich als ihr für dumm verkaufter Bräutigam Masetto trotz Pollenallergie tapfer. Und Michael Lion zeigt als stets begleitender und hingehaltener Diener Leporello wieder einmal seine darstellerische und gesangliche Vielseitigkeit. Der Geisterauftritt des ermordeten Komturs (Jinwook Jeong) ist übrigens durchaus geschickt gelöst.
An den Schluss stellten Mozart und Da Ponte mit einem munteren Finale den Glauben an die Gerechtigkeit. Das kann nicht hinwegtäuschen über die Trauer in den Seelen der Verstrickten, die zu sehen und zu spüren bei Mozart etwas merkwürdig Tröstliches hat. Was Béatrice Lachausée ohne inszenatorische, modische Mätzchen zu großer Wirkung kommen lässt.
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